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Vorläufiger Abschied von einem Alltagsritual

Händeschütteln adé

Ob als Begrüßung, ob als Zeichen der Einigung: Der Handschlag ist aus dem Alltag verschwunden. In Coronazeiten birgt er zu hohe Risiken. Kehrt das Händeschütteln nie zurück? Und wo kommt es eigentlich her? Eine Bestandsaufnahme.

Claudia Kramer-Santel

US-Präsident Donald Trump und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron geben sich beim G7-Gipfel 2019 in Biarritz die Hand. Foto: imagoimages

Dass es wirklich mit dem Händeschütteln vorbei ist, hat unlängst eine Szene zwischen Angela Merkel und Horst Seehofer deutlich gemacht. Die Bundeskanzlerin reichte ihrem Bundesinnenminister die Hand zur Begrüßung. Doch er zog sie zurück, wirkte fast erschreckt. In normalen Zeiten wäre sein Verhalten ein dreister Affront gewesen. In der Corona-Krise ist es auf einmal korrekt, ja sogar sozial erwünscht, sich nicht mit der Hand zu begrüßen. „Bitte nicht berühren“, lautet nun das Motto. Merkel nahm ihm die Sache natürlich nicht übel, im Gegenteil. Die uneitle, pragmatische Physikerin lächelte entschuldigend und streckte beide Hände winkend in die Höhe.

Der verweigerte Handschlag von Erfurt

Wie man mit einem verweigerten Handschlag einen Eklat verstärken kann, war gerade erst ein paar Wochen zuvor im Thüringer Landtag zu sehen. Da verweigerte die Linken-Fraktionschefin Susanne Hennig-Wellsow dem FDP-Politiker Thomas Kemmerich die Hand, weil er gerade mit den Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten gewählt worden war und die Wahl trotzdem angenommen hatte. Um die Wirkung ihres Protests noch zu steigern, warf sie ihm dann auch noch den Blumenstrauß vor die Füße.

Jahrhundertelang gehört die Begrüßung per Handschlag zum guten Ton. Damit ist es nun ganz offiziell in der nächsten Zukunft vorbei. Hygieneexperten sehen dies eindeutig positiv – Kommunikationsexperten und Historiker kommen aber auch ein wenig ins Grübeln. „Händeschütteln steckt sehr tief in uns drin“, ist Michael Kugel vom Vorstand des Deutschen Kniggerats überzeugt. Es gehe um viel mehr als nur die Begrüßung. Der Hintergrund des Handschlags: Früher, als bis auf wenige Menschen niemand lesen und schreiben konnte, sei alles, was die Menschen vereinbart hätten – Verträge, Handel, Absprachen – mit einem Handschlag besiegelt worden. „In unserer europäischen Kultur wurde der Handschlag so zum Symbol für Verbindlichkeit und Verlässlichkeit“, erklärt Kugel. Nicht zufällig heiße es: „Ich geb dir die Hand drauf!“

Auch heute noch juristisch verbindlich

Der Handschlag ist deshalb auch heute noch juristisch relevant und verbindlich: „Er ist ein zwar etwas in die Jahre gekommenes, jedoch herkömmliches Instrument zur Besiegelung von Verträgen“, erklärt Rechtsanwalt Arnd Kozian von der Kanzlei Harnischmacher, Löer und Wensing in Münster. Diese Geste besiegele zumeist die Annahme eines zuvor mündlich unterbreiteten Angebots und sei äußeres Zeichen einer „übereinstimmenden Willenserklärung“ – so lautet der juristische Fachterminus.

Doch der Handschlag dient im Alltag zumeist nicht dazu, eine Vereinbarung zu signalisieren. Es überwiegt der soziale Aspekt. Es geht darum, Vertrauen und Achtung zu bezeugen: „Historisch betrachtet ist ein Händedruck auch der ,Gruß zur Ehre‘“, meint Michael Kugel dazu. Der Gruß mit Händedruck habe schon in der mittelalterlichen Welt als Zeichen der Ehrerbietung gegolten und dem Gegenüber einen gewissen Grad an Sicherheit gegeben. Denn: „Die Hand, welche zum Gruß gereicht wurde, konnte nicht gleichzeitig zur Waffe greifen.“ Durch den Handschlag werde auch Nähe gezeigt, da sich zwei Menschen dabei automatisch in die persönliche Distanzzone begeben würden. Diese Nähe werde häufig als besondere Wertschätzung empfunden, „da im Handschlag auch eine gewisse Beziehungspflege steckt“. Schließlich gratuliert man sich auch per Handschlag.

Donald Trumps Fingerhakeln

Donald Trump, das Enfant Terrible der internationalen Di­plomatie, hat es verstanden, genau das Gegenteil all dessen in den Handschlag zu legen: Er drückt damit oft Macht und Distanz aus, und sicher sein, ob er sein Wort hält, kann sich sein Gegenüber auch nach einem Handschlag nicht. Der beste Handschlag zählt eben nichts, wenn das Vertrauen fehlt. Trump liefert sich mit seinen Amtskollegen gerne regelrechte Duelle im Stile von Fingerhakeln beim Begrüßen – man erinnere sich an peinliche Szenen mit Emmanuel Macron. Sein Handschlag sendet die bedrohliche Botschaft: „Ich habe dich in der Hand!“

Mediziner raten zur „Ghettofaust“

Tradition hin – Höflichkeit her: Hygieneexperten sehen in dem Ritual des Händeschüttelns schon seit Längerem eher eine Zumutung denn eine verbindliche Geste. Sie betonen dabei das Infektions-Risiko. „Beim Händeschütteln oder über gemeinsam benutzte Gegenstände können auch Krankheitserreger leicht von Hand zu Hand gelangen“, warnt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf ihrer Homepage – schon weit vor der Corona-Krise. Im Jahr 2014 bewiesen britische Forscher besonders plakativ, wie schädlich das Händeschütteln aus hygienischer Sicht ist. In der Studie der Universität Aberystwyth hatten sie verglichen, welche Begrüßung am wenigsten Keime überträgt: Der Handschlag, ein „High-Five“ – also ein Abklatschen mit den Händen – oder die „Ghettofaust“ – das kurze Kicken der Fäuste. Es überrascht wenig, dass der Handschlag mit deutlichem Abstand die meisten Bakterien beim Gegenüber produziert. Besonders langes Händeschütteln erhöht nochmals die Menge. Mitautor David Whitworth bilanziert in einer Fachzeitschrift: „Wenn die Allgemeinheit überzeugt werden könnte, sich mit einem ,Fauststoß‘ zu begrüßen, hätte das ein substanzielles Potenzial, die Ausbreitung ansteckender Krankheiten zu verhindern.“ Auch wenn Barack Obama als US-Präsident oftmals jüngere Gesprächspartner so willkommen geheißen hat – es ist unwahrscheinlich, dass sich diese zwar coole, aber zu lockere Begrüßungsform durchsetzt.

Ohnehin lautet nun die Frage: Lässt sich diese tiefe Bedeutung des Handschlags einfach so ersetzen? Aus Sicht eines Juristen ist dies kein Problem: Der Handschlag sei nicht die einzige Möglichkeit eines schlüssigen Verhaltens, mit dem Verträge zustanden kommen können, meint Arnd Kozian. Beispiel: mündliche Erklärungen (Ich verkaufe dir mein Auto für tausend Euro – Antwort: Einverstanden).

Ellbogen kein Ersatz

Michael Kugel hält es für nicht ganz so einfach, den Handschlag langfristig zu ersetzen. Das Ellbogenberühren kommt an die Tradition des Händeschüttelns einfach nicht heran. „Ich denke, das wird nicht ganz einfach, wir müssen uns aktuell wirklich zwingen, den Handschlag zu verkneifen, es uns in Begegnungen bewusst machen, dass wir zur Zeit keine Hand reichen dürfen.“ Er beobachte mit Spannung, wie sich Begrüßungsrituale vielleicht verändern werden, kann aber noch keine Aussage treffen, „wo wir am Ende der Krise landen“. Vorerst lautet die Empfehlung des Benimm-Experten daher: „Die Ehrerbietung dieser Tage ist Distanz.“ Das gewohnte Händeschütteln sei jetzt eher mit Angst verbunden und könne als respektlos empfunden werden. Sein Tipp: „Bleiben Sie mit Abstand vor Ihrem Gegenüber stehen, begrüßen ihn mit Worten, schauen Sie ihm in die Augen und schenken Sie ihm dabei ein freundliches Lächeln!“

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