Homeoffice statt Heimarbeit

Denglisch ist in Coronazeiten auf dem Vormarsch

Münster

Corona wirkt wie ein Katalysator. Auch auf unsere Sprache. Wir werden täglich mit englischen Begriffen bombardiert und übernehmen sie zuweilen leichtfertig. Aus Englisch wird mitunter auch Denglisch. Sind wir zu faul, für bestimmte Sachverhalte Begriffe aus der eigenen Sprache zu finden? Eine kritische Zwischenbilanz.

Johannes Loy

So gerne schmücken wir unseren Wortschatz mit fremden Vokabeln auf. Aber ist das eigentlich nötig? Verfechter der deutschen Sprache mahnen an, sich bei der Benennung von Dingen und Sachverhalten einfach mal mehr Mühe zu geben. Foto: imago images

Jaja, wir wissen es schon! Wir befinden uns alle im Homeoffice. Manche Simpel drücken sich auch folgendermaßen aus: „Wir machen Homeoffice!“ Das ist schlimmstes Denglisch und doppelt dumm. Würden wir etwa unter normalen Umständen sagen: „Ich mache Heim-Büro?“ „Wer so spricht, muss mit Quarta-Abitur abgehen“, hätte uns früher der Pauker gesagt.

Im Deutschen gibt es mittlerweile viele Wörter, die zwar sehr englisch aussehen und auch so klingen, aber im Englischen anders — oder in dieser Form überhaupt nicht — benutzt werden. So bezeichnen wir in Deutschland Smartphones oft als „Handy“, auf Englisch hingegen bedeutet das Wort „handy“ einfach nur „handlich, praktisch“.

Kein Engländer spricht von „Home Office“

Tatsächlich sprechen Engländer und Amerikaner übrigens auch nicht von „Home Office“. Dieser Begriff weht uns in den deutschsprachigen Ländern momentan minütlich um die Ohren. Statt „I am doing home office“ sagen Englischsprechende laut Babbel schlicht und einfach „working from home“. In Großbritannien hat „Home Office“ übrigens eine völlig andere Bedeutung — so wird nämlich das britische Innenministerium bezeichnet.

Nun wollen wir hier nicht den Untergang der deutschen Sprache oder gar des Abendlandes beklagen. Wohl aber die Bequemlichkeit, mit der sich Menschen fremde Begriffe aneignen, ohne darüber nachzudenken, ob es nicht einen treffenden deutschen Ausdruck dafür gäbe.

Corona (lat.: Krone) wirkt jedoch auch in sprachlicher Hinsicht wie ein Katalysator. Das wiederum ist ein griechischer Begriff (katálysis: Auflösung), der in der Chemie einen Reaktionsbeschleuniger bezeichnet. Kein anderes Thema hat den Wortschatz 2020 derart stark geprägt wie die Corona-Krise. Zu diesem Schluss kam auch das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim und präsentierte unlängst rund 1000 neue Wörter und Wortverbindungen zu Corona. Auch Wörter wie „Abstandsgebot“, „Aluhut“ und „zweite Welle“ landeten neu in der Sammlung. Auch in Politik und Gesellschaft registrieren die Sprachforscher neue Begriffe. Brexiteers (Befürworter des EU-Austritts Großbritanniens) und deren Gegner, die Remainers, finden sich da. Die Wörter Reichsbürger und Pegidist sind ebenfalls geläufig. Das aus Anfangsbuchstaben gebildete Kurzwort oder auch Akronym „Pegida“ steht für „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“.

Auf einen Nenner gebracht?

Neue oder verwandelte Begriffe zeigen indes nicht nur, dass sich die Gesellschaft mit bestimmten Phänomenen und Konflikten herumschlägt, erläutert der Münchner Soziologe Armin Nassehi. „Es ist ja auch eine wichtige Funktion von Begriffen, dass sie komplizierte Sachverhalte auf einen Nenner bringen können“, sagt er. Auch die Pop-up-Radwege und die Autoposer lassen sich nun im Wörterbuch der Neologismen nachschlagen – genauso wie die Mobilitätsstation. Der Begriff bezeichnet Einrichtungen, an denen man von privaten auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen und zum Beispiel Elektro-Fahrräder oder Autos ausleihen kann. Das Wort „Carsharing“ kann man sich hier sparen.

Das Englische oder Denglische aber scheint in der Phase der Pandemie besonders Schwung zu nehmen, zumal wir ja wissen, dass die Pandemie – wie das griechische Wort schon sagt – „das ganze Volk“ oder in diesem Fall sogar alle Völker trifft. Aber müssen wir, so darf man fragen, in diesen Zeiten wirklich ständig über lockdown, shutdown, home office, homeschooling, contact tracing, social distancing und spreading events quatschen?

Schlamperei

Schon vor Jahren beklagten Germanisten, Politiker, Wissenschaftler, auch Medien und Normalbürger, dass die deutsche Sprache überall auf dem Rückzug ist. Mit Sprach-Schlamperei befasste sich kürzlich auch der langjährige CDU-Landtagsabgeordnete Werner Jostmeier aus Dülmen und schickte der CDU-Parteispitze als Reaktion auf den Bericht „Auf dem Weg zu einem neuen CDU-Grundsatzprogramm“ einen kritischen Brief. In dem Bericht, so monierte er, wimmele es nur so vor englischen Begriffen. Jostmeier rüttelte seine Parteikolleginnen und -kollegen kräftig auf: „Denken wir bitte mal kurz darüber nach: Wie sieht die deutsche Sprache in 20 Jahren aus, wenn wir jede Erfindung, jede neue Technik, jedes neue Verfahren, jede Mode, jede Kulturwelle, jedes neue Phänomen mit englischen Sub­stantiven kennzeichnen?“

Plädoyer für mehr Sprachdisziplin

Jostmeiers Brief gipfelte in einem Plädoyer: „Die digitale Welt der Zukunft braucht nicht nur technische Kenntnisse, sie braucht auch Empathie, Achtsamkeit, Toleranz, kulturelle Vielfalt und Beachtung der Sprachen und der Identitäten. Zur Kulturverantwortung des Staates und der öffentlichen Einrichtungen gehört es auch, der weiteren Verunstaltung der Sprache entgegenzutreten und dafür zu sorgen, dass Klarheit, Allgemeinverständlichkeit und farbenfrohe Ausdruckskraft unserer deutschen Sprache nicht verlorengehen.“

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