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Klimawandel

«Zugpferd» der Energiewende: Windräder für den Klimaschutz

Berlin (dpa)

Es dürfte eines der wichtigsten Themen bei Koalitionsverhandlungen nach der Wahl sein: höhere Ziele beim Ausbau der erneuerbaren Energien. Der Wirtschaftsminister spricht von einem Kraftakt.

Von Andreas Hoenig, dpa

Arbeiter betonieren das Fundament einer Windenergieanlage im Landkreis Oder-Spree (Archivbild). Foto: Patrick Pleul/dpa/Archiv

In Deutschland sollen in den kommenden Jahren deutlich mehr neue Windräder an Land gebaut werden - um Klimaziele zu schaffen. Zwar kommt der Ausbau inzwischen wieder besser voran. Das Niveau aber reicht aus Sicht der Energiebranche bei weitem nicht.

Auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) will deutlich mehr Tempo. «Ich rechne damit, dass wir den Ausbau der erneuerbaren Energien noch einmal um bis zu ein Drittel steigern müssen», sagte der CDU-Politiker der Deutschen Presse-Agentur.

«Für die kommenden Koalitionsverhandlungen werde ich konkrete Vorschläge für neue Ausbauziele vorlegen», sagte Altmaier. Dies betreffe insbesondere Windenergie auf See und an Land sowie Photovoltaik. «Das wird bis 2030 nur durch einen nationalen Kraftakt zu stemmen sein.»

Schon jetzt aber gibt es vor Ort oft viel Proteste gegen Windräder: Verspargelung der Landschaft, zu nahe an Wohngebäuden, Lärm, Konflikte um den Artenschutz, lautet die Kritik. Dazu kommt, dass die Anlagen immer höher werden.

Ohne Windräder wird es schwierig

Ohne viel mehr Windräder aber dürfte es schwierig werden, die Energiewende zu bewerkstelligen - den Abschied von fossilen Energieträgern. «Mit der drastischen Verschärfung des deutschen Klimaschutzgesetzes im Juni und der Vorlage des neuen EU-Klimapaketes im Juli ist klar, dass wir unsere Anstrengungen im Klimaschutz deutlich steigern müssen», sagte Altmaier. «Wir werden zum Beispiel bis zum Jahre 2030 rund 15 Prozent mehr Strom verbrauchen, weil es auf unseren Straßen viel mehr Elektroautos und in unseren Häusern viel mehr Wärmepumpen geben wird, als bisher zugrunde gelegt. Gleichzeitig werden wir planmäßig alle Atomkraftwerke stilllegen, und viele Kohlekraftwerke werden schneller als angenommen abgeschaltet werden. Deshalb brauchen wir viel mehr neue Windräder und Solardächer, als bisher angenommen wurde.»

Nach zwei schwierigen Ausbaujahren sind im ersten Halbjahr 2021 wieder deutlich mehr neue Windenergieanlagen an Land ans Netz gegangen. Nach Branchenangaben wurden 240 Windenergieanlagen mit einer Leistung von 971 Megawatt installiert - bei der Leistung ist dies eine Steigerung von 62 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Weil 135 Windenergieanlagen mit einer Leistung von 140 Megawatt stillgelegt wurden, lag der sogenannte Netto-Zubau bei 831 Megawatt.

Mehr Tempo gefordert

Die Talsohle sei durchschritten, sagte Hermann Albers, Präsident des Bundesverbands Windenergie, am Dienstag. Um die Klimaziele auf europäischer und nationaler Ebene zu erreichen, müsse der Ausbau aber beschleunigt werden. «Wir brauchen deutlich mehr erneuerbaren Strom», sagte Matthias Zelinger, Geschäftsführer von VDMA Power Systems. Die Windenergie müsse das starke Zugpferd sein.

Insgesamt gibt es in Deutschland derzeit rund 29.000 Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von mehr als 55 Gigawatt. Die bisherige Zielgröße der Bundesregierung lautet 71 Gigawatt im Jahr 2030. Die Energiebranche fordert eine Erhöhung auf 95 Gigawatt bis 2030. Als Hemmnisse für den Ausbau gelten lange Planungs- und Genehmigungsverfahren, außerdem verzögern viele Klagen die Inbetriebnahme neuer Anlagen. Das wohl größte Problem aber ist aus Sicht der Energiebranche: Es gibt zu wenig ausgewiesene Flächen.

Ziel: Zwei Prozent der Fläche für Windenergie

Albers forderte verbindliche Ziele, damit zwei Prozent der Fläche in den Ländern für die Windenergie genutzt werde. Davon seien viele Länder noch weit entfernt. Es gebe ein starkes Nord-Süd-Gefälle. Die «Windländer» mit den meisten installierten Anlagen sind Niedersachsen, Brandenburg und Schleswig-Holstein.

Der «Masseträger» Wind werde aber auch in Baden-Württemberg und Bayern unverzichtbar sein, sagte Albers. Die beiden Länder müssten mehr Flächen bereitstellen. In diesen Regionen steige die Nachfrage nach erneuerbaren Energien stark an. Albers verwies auf Pläne von Autoherstellern, stärker auf die Elektromobilität zu setzen.

Vor allem die 10-H-Regel in Bayern ist umstritten. Sie besagt, dass ein Windrad grundsätzlich mindestens das Zehnfache seiner Höhe von Wohnbebauung entfernt sein muss. Das bedeutet konkret: wenn ein Windrad 200 Meter hoch ist, muss die Wohnbebauung mindestens 2 Kilometer weg sein. Das ist eine deutlich strengere Vorschrift als in anderen Ländern. Die 10-H-Regel müsse abgeschafft werden, sagte Zelinger.

Altmaier sagte, neue Ausbauziele bei den erneuerbaren Energien müssten heruntergebrochen werden auf die Bundesländer, damit konkret geklärt werde, wie viel wann und bis wo ausgebaut werde. «Ich werde gemeinsam mit den Energieministern der Bundesländer klären, welche Potenziale zu Verfügung stehen. Im Idealfall ergibt sich dann schnell von selbst ein stimmiges Bild, anderenfalls stehen harte Gespräche bevor: Die gesetzlichen Ausbauziele und die Flächenplanungen der Bundesländer müssen am Ende übereinstimmen. Das ist eine gesamtstaatliche Aufgabe. Die vier Jahre bis 2025 werden die bisher spannendsten der Energiewende werden.»

Grünen-Kanzlerkandidatin spricht von «Blockadepolitik»

Die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock warf der Union unterdessen eine Blockadepolitik beim Ausbau der Windkraft vor. Sie sagte der Deutschen Presse-Agentur am Dienstag: «Immer noch liegt der Windkraftausbau weit hinter dem Notwendigen zurück, auch weil die Union diesen jahrelang behindert hat. Auf Bundesebene haben sich CDU und CSU vehement gegen höhere Ausschreibungsmengen gesperrt.

In Nordrhein-Westfalen habe Unionskanzlerkandidat Armin Laschet sogar gerade erst einen einschneidenden Rückschritt beschlossen. «Die sehr harten Mindestabstände werden den Windkraftausbau in Nordrhein-Westfalen ausbremsen.»

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