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Kanzler-Rennen

Lachender Dritter? Olaf Scholz auf der Überholspur

Berlin/Wildau (dpa)

Fünf Wochen vor der Bundestagswahl hat sich Olaf Scholz angepirscht. Von Umfrage zu Umfrage holt die SPD Grüne und Union mehr und mehr ein. Wie kommt's - und hält der Trend bis September?

Von Theresa Münch, dpa

Auf der Überholspur: SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Sein Gesicht sagt eigentlich alles. Olaf Scholz bekommt auf einer Wahlkampfreise die aktuellste Umfrage zur Bundestagswahl gereicht. Die Falte, die sich in seine Stirn gräbt, wenn er konzentriert ist, weicht einem tief zufriedenen Lächeln.

Die nächste Erhebung mit guten Zahlen, das ist man in der SPD-Zentrale gar nicht mehr gewöhnt. Fünf Wochen sind es noch bis zur Bundestagswahl. «Läuft», könnte der Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten sagen.

Doch das tut Olaf Scholz nicht. Eher hat man den Eindruck, der 63-Jährige wolle seine zufriedene Reaktion auf die Umfragen vor Beobachtern verstecken. Das grinsende Gesicht dreht er weg. Es ist ein schmaler Grat, zwar selbstbewusst, aber nicht überheblich oder zu siegessicher zu wirken.

Jetzt Genugtuung zu zeigen, würde bei seinen Kritikern wohl nicht gut ankommen. Doch eigentlich könnte der Vizekanzler laut herausposaunen, er habe es doch immer gesagt. Als Scholz vor mehr als einem Jahr zum Kanzlerkandidaten der SPD gekürt wurde, wurde er müde belächelt. Die Umfragewerte der SPD waren im Keller, Scholz war abgeschrieben, galt als ungeliebt von der eigenen Partei. Die Vehemenz, mit der er immer wieder betonte, er wolle Kanzler werden, wirkte auf Viele befremdlich.

Kanzler-Ambitionen schienen lange realitätsfern

Der Vizekanzler beschrieb damals, wie er sich den Weg ins Kanzleramt vorstellte. Wenn die Bürger erst einmal merkten, dass Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nicht mehr antrete, würden sich die Umfragen drehen. Seine Erfahrung als Regierungsmitglied, die solide Politik in der Corona-Krise und die Zukunftsideen der SPD würden sich auszahlen. Scholz macht gern Pläne - und er liebt es, wenn sie aufgehen.

Dass der Kanzleramts-Plan aufgeht, scheint inzwischen zumindest möglich. In fast allen Umfragen zur Bundestagswahl hat die SPD die Grünen überholt oder ist zumindest gleichzogen. Die Institute Kantar, Forsa und Infratest dimap sehen sie auch nur noch ein bis zwei Prozentpunkte hinter der Union. Tendenz: Steigend für die SPD, sinkend für die Union. Glaubt man den Umfragen, wird es richtig spannend am Wahlabend.

Wenn man die Bürger fragt, wen sie nehmen würden, wenn statt der Partei der Kanzlerkandidat direkt auf dem Wahlzettel stünde, ist die Antwort klar: Olaf Scholz. Im aktuellsten «Deutschlandtrend» im ARD-«Morgenmagazin» antworten so 41 Prozent der Befragten, das sind sechs Punkte mehr als zu Monatsbeginn. Für den Unions-Kandidaten Armin Laschet sind nur noch 16 Prozent, für Annalena Baerbock von den Grünen 12 Prozent der Wähler. Was als Zweikampf zwischen Union und Grünen begann, scheint auf den letzten Metern ein Zweikampf Laschet-Scholz geworden zu sein - mit Vorteilen für Scholz.

Scholz profitiert von Fehlern der Konkurrenz

Dass das nicht nur mit der eigenen Stärke, sondern viel mit der Schwäche der anderen zu tun hat, ist dem Vizekanzler durchaus bewusst. Baerbock und ihre Grünen haben zu Beginn des Wahlkampfs Fehler gemacht. Auch Laschet wirkt nicht immer sattelfest - wie in einem Video, das in sozialen Netzwerken gerade fleißig geteilt wird. Da wird der CDU-Mann nach drei Themen gefragt, die nach der Wahl am wichtigsten sind. Er nennt Digitalisierung und Bürokratieabbau für mehr Klimaschutz. Eine dritte Sache? «Ja, was machen wir noch?», fragt sich Laschet laut - und kann keine Antwort geben.

Das wäre Scholz vermutlich nicht passiert. Der Finanzminister kann Themen aus dem Wahlprogramm abspulen, als seien sie auswendig gelernt. Klimaschutz und eine damit einhergehende industrielle Revolution, ein schnelles Gesetz mit Ausbauzielen für erneuerbare Energien, 12 Euro Mindestlohn, stabile Renten, Respekt für alle Lebensentwürfe. Das lässt vermuten, dass Scholz' Aufholjagd in den Umfragen doch mehr ist als nur das Ergebnis von «Wenn zwei sich streiten...». «Soziale Demokratie überzeugt doch», meint der ehemalige SPD-Chef Franz Müntefering. «Und Olaf Scholz wäre ein guter Volks-Kanzler.»

Ein wenig scheint es, als könne die SPD ihr Glück noch gar nicht fassen. Sollten sich die Umfragen pünktlich zur Wahl wirklich drehen? Man habe den Eindruck, der Aufwärtstrend sei stabil und werde halten, heißt es im Willy-Brandt-Haus ganz vorsichtig. Forsa-Chef Manfred Güllner tritt da eher auf die Bremse: Viele trauten Scholz zwar das Amt des Kanzlers zu, würden ihn aber nicht wählen, weil er die SPD am Bein habe, sagte er RTL und n-tv. «Scholz' Problem sind die Kompetenzwerte der SPD. Die sind so gering, dass ich davon ausgehe, dass das Wachstum der SPD nicht sehr viel weiter nach oben führen wird.» Zugleich weiß man, dass Umfragen immer nur Momentaufnahmen spiegeln und sich viele Bürger erst kurz vor der Wahl entscheiden.

Doch genauso wissen die Sozialdemokraten aus leidvoller eigener Erfahrung bei der Wahl 2017, dass ein Ausbrechen aus dem Negativstrudel, in den Union und Grüne zu geraten drohen, extrem schwierig ist. Scholz jedenfalls übt schon einmal Kanzler. Er vertrat Merkel nicht nur während ihres Urlaubs im Flutgebiet. Ihr Markenzeichen hat er auch schon drauf, wie ein Blick ins Magazin der «Süddeutschen Zeitung» verrät. Auf die Frage, wie sehr er die Kanzlerin vermissen werde, presst der Vizekanzler da die Fingerspitzen zur «Merkel-Raute» zusammen.

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