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Kommentar

„2015 darf sich nicht wiederholen“ ist ein infamer Satz

Münster

Wer mit Blick auf die Katastrophe in Afghanistan mit dem Satz „2015 darf sich nicht wiederholen“ hausieren geht, betreibt Stimmungsmache auf dem Rücken von Menschen in höchster Not. So etwas ist infam. Ein Kommentar

Von Elmar Ries

Armin Laschet, Kanzlerkandidat der Union und Vorsitzender der CDU, äußert sich während einer Wahlkampfveranstaltung in einem Brauhaus am Stadthafen zur aktuellen Situation in Afghanistan. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Auch wenn die Rettungskette jetzt steht und die Bundeswehr kontinuierlich Menschen aus Afghanistan evakuiert, liegt ein dunkler Schatten über dem Einsatz: So wie Deutschland die Evakuierung nicht rechtzeitig ­startete, kommt auch die Rettung zahlreicher Ortskräfte und ihrer Familien mutmaßlich zu spät. Die Menschen hätten schon vor Wochen außer Landes gebracht werden müssen; nach der Machtübernahme der Taliban dürfte es nun für viele zu spät sein. Sie hatten Deutschland und den Deutschen vertraut, ihnen ihr Leben anvertraut – und werden nun bitter enttäuscht. Das ist ein Makel, der bleibt.

Genauso ein Makel ist es, drei Tage nachdem die radikalen Islamisten Kabul erobert und das Gros der Afghanen in Angst und Schrecken versetzt haben, in Deutschland eine Flüchtlingsdebatte anzustoßen. Während sich et­liche Bundesländer bereiterklärt haben, zwischen wenigen Hundert und wie NRW 1800 akut gefährdete Afghanen aufzunehmen, ertönt im Hintergrund ein apokalyptischer Chor: „2015 darf sich nicht wiederholen“, sagen etwa Armin Laschet, Paul Ziemiak, Thomas Strobl, Julia Klöckner und Markus Söder – wohl wissend, dass das nicht passieren wird. Darum sind solche Sätze auch so beschämend.

Stimmungsmache auf dem Rücken von Menschen

Klar, es ist Wahlkampf. Das bedeutet aber nicht, dass alles erlaubt ist. Mit Ängsten von Menschen zu spielen, gehört definitiv nicht dazu. Weder mit den Sorgen und Nöten der Afghanen noch mit Befürchtungen und der Angst von Deutschen.

2015 ist die Chiffre für eine Flüchtlingswelle, die zwischenzeitlich außer Kontrolle geriet, weil zu viele Migranten in zu kurzer Zeit zu uns kamen; die Situation brachte Probleme, überforderte viele Gemeinden, Städte und am Ende auch viele Menschen. Jetzt die Jahreszahl zu bemühen bedeutet, mit einer alten Krise neue Ängste zu schüren.

Die alten Flüchtlingsrouten sind längst dicht, Ankara schirmt sich mit einer Mauer gegenüber dem Irak und Iran ab. Zudem gilt das Türkeiabkommen. Überdies wissen hierzulande alle Verantwortlichen, dass die Zustände vor sechs Jahren teilweise unhaltbar waren – und werden auch darum alles daransetzen, dass sie sich nicht wiederholen. ­Laschet & Co. betreiben also Stimmungsmache auf dem Rücken von Menschen in größter Not. Wie infam.

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