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Afghanische Menschenrechtsaktivistin sendet Hilfeschrei

Auf der Todesliste der Taliban

Münster

Marzia Rustami engagiert sich in Afghanistan seit vielen Jahren für Menschenrechte. Mit der Rückkehr der Taliban wurde ihre Arbeit immer gefährlicher. Jetzt wird sie von den Islamisten mit dem Tode bedroht. Und hat sich darum in einem dramatischen Appell an Winfried Nachtwei gewandt.

Elmar Ries

in deutscher Soldat im Norden Afghanistans: In Kundus, einer Stadt im Norden, unterhielt die Bundeswehr bis 2013 ein Feldlager. In Kundus lebt und arbeitet auch Marzia Rustami, die sich mit einer dramatischen Mail an Winfried Nachtwei wandte. Foto: dpa/chr

Mails bekommt Winfried Nachtwei nach wie vor in Hülle und Fülle. Der Brief, der ihm jedoch am 25. März ins elektronische Postfach flatterte, ließ ihm beim Lesen den Atem stocken. Geschrieben hatte ihn die afghanische Menschenrechtlerin Marzia Rustami, die der inzwischen 75-jährige frühere sicherheitspolitische Sprecher der grünen Bundestagsfraktion 2008 auf einer seiner vielen Reisen an den Hindukusch kennengelernt hatte. Der Inhalt: ein dramatischer Hilfeschrei.

Aktivistin hat Todesangst

Die radikalislamischen Taliban arbeiteten Todeslisten ab, ihr Name stehe auch drauf, schrieb die 36-Jährige. Ihr Schwager sei unlängst ermordet worden. Sie selbst werde nun bedroht und habe schreckliche Angst. Um das Leben ihrer vier Kinder, das ihres Mannes und ihr eigenes. „Ich muss das Land sehr dringend verlassen“, schreibt Rustami, die als Regional­managerin beim Afghan ­Women Network (AWN), einer Frauenhilfsorganisation in Kundus arbeitet,ei­ner Stadt im Norden des Landes. Ob er, Nachtwei, ihr dabei helfen könne?

Auch wenn sich die internationale Gemeinschaft seit 2001 in Afghanistan engagiert: Das Land ist nach wie vor ein Pul­verfass, das jetzt endgültig explodieren könnte. Vor ein paar Tagen erklärte US-Präsident Joe Biden, die amerikanischen Truppen bis September nach Hause zu holen, die deutschen Soldaten sollen nun sogar schon bis Juli zurückkehren.

Damit ist der Nato-Einsatz, der nach den Anschlägen vom 11. September begann, in fünf Monaten Geschichte. Und die Wahrscheinlichkeit groß, dass das Land wieder im Bürgerkrieg versinkt.

Winfried Nachtwei Foto: Jürgen Peperhowe

Er sei geschockt gewesen, als er die Mail gelesen habe, erzählt Nachtwei in einem Video-Anruf. Für ihn, der Afghanistan in den vergangenen 20 Jahren 20-mal be­sucht hat, war klar: „Das ist der Ernstfall“ – der leider ei­­­ne äußerst tragische Note hat: Weder ­Amnesty International noch UNAMA, die Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan, wollen Rustami helfen. „Ich bin hoffnungslos“, schreibt die 36-Jährige.

Afghanistan-Expertin Susanne Koelbl vom „Spiegel“ hat Ende März ein Interview mit Rustami geführt, in dem diese ihre Geschichte erzählt. Es ist ein Dokument der Verzweiflung. Über Koelbl kam auch der Kontakt zu Nachtwei zustande.

Nachtwei will seine Verbindungen nutzen 

Der 75-Jährige wurde umgehend aktiv. Schrieb Briefe und Mails. An frühere Weggefährten, Mitstreiter, Bekannte wie Außenstaats­minister Niels Annen, der 2008 zur Afghanistan-Reisegruppe gehörte, oder Kerstin Müller, die von 2002 bis 2005 ebenfalls Staatsministerin war. „Er­mutigende Nachrichten“ habe er erhalten, sagt Nachtwei. Was im Politikersprech alles bedeuten kann. Oder auch nichts.

Für den 75-Jährigen steht am Beispiel der bedrohten Aktivistin nicht weniger als „die Glaubwürdigkeit der deutschen Afghanistan-Politik auf dem Spiel“. Die lässt sich auf den einen, Hunderte Male gesagten Satz konzentrieren: „Wir lassen euch nicht im Stich.“

Mit Blick auf die afghanischen Helfer der Bundeswehr hat sich Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer am Wochenende dieser Verantwortung gestellt und angekündigt, die Männer und Frauen schnell nach Deutschland zu holen. „Ich empfinde es als eine tiefe Verpflichtung der Bundesrepublik Deutschland, diese Menschen jetzt, wo wir das Land endgültig verlassen, nicht schutzlos zurückzulassen.“

Den Satz würde Nachtwei gerne auch auf Rustami übertragen. „Ich werde den Fall nicht auf sich beruhen lassen“, sagt er. Das kann man als nüchterne Feststellung ver­stehen – oder als Kampf­an­sa­geeines Polit­Veteranen. Dem Bundestag gehört Nachtwei zwar seit 2009 nicht mehr an, in Afghanistan-Kreisen ist sein Ruf jedoch nach wie vor exzellent. Zudem, sagt er, seien seine Verbindungen nach wie vor „erheblich“. Beides wird er nutzen. Das steht fest.

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