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Musik-Produzent Alex Christensen im Interview

Im Boot mit den unvergessenen 80ern

Münster

Alex Christensen ist bekannt geworden durch sein Techno-Projekt U96 und seiner Version von „Das Boot“. Da­rüber hinaus hat er sich als DJ, Komponist und Produzent einen Namen gemacht, gewann zwei Mal den Echo-Musikpreis. Jetzt erschien sein neues Album „Classical 80s Dance“.

Von Carsten Vogel

Alex Christensen hat gut lachen: Die ersten drei Teile seiner Classical-Dance-Serie haben sich insgesamt über 300 000 Mal verkauft und weit über 100 Millionen Audio- und Videostreams verbuchen können. Foto: Marcel Brell

Seine Techno-Version von Klaus Doldingers „Das Boot“ macht ihn berühmt. Also zunächst mal sein Projekt U96. Aber auch als DJ, Komponist und Produzent ist Alex Christensen überaus erfolgreich, er gewann sogar gleich zwei Mal den Echo-Musikpreis. Unter anderem hat er Alben von Marianne Rosenberg, Helene Fischer, Tom Jones und Paul Anka produziert. Am vergangenen Freitag erschien sein neues Album „Classical 80s Dance“. Unser Redakteur Carsten Vogel hat mit Alex Christensen gesprochen.

Herr Christensen, Ihr neues Album erscheint am Freitag. Das ist jetzt das vierte, das Sie mit Orchester aufgenommen haben. Paul McCartney hat mal zwei klassische Stücke geschrieben und damit kokettiert, keine Noten lesen zu können. Wie gehen Sie vor? Wie geht das mit dem Arrangieren der Stücke?

Alex Christensen: Rein ­logistisch ist das so, dass ich mit meinen begrenzten Mitteln – also mit Synthesizern, die wie Orchester-Strings klingen – ein Demo aufnehme. Dann setze ich mich mit dem Arrangeur zusammen, den ich gerade am besten finde. Das Notieren für die Musiker muss man schon studiert haben, die Möglichkeit hatte ich nicht als junger Mann (lacht).

Ist das dann jetzt der vierte Arrangeur auf dem vierten Album?

Christensen: Nein, das sind immer ganz viele – zwischen vier und fünf. Auf dem Weihnachtsalbum von Helene Fischer habe ich sogar mehrere Arrangeure ausprobiert. Die meisten kenne ich, weil ich das seit über 20 Jahren mache, seit ich das Album „Rock Swings“ von Paul Anka produziert habe. Aufgrund der Routine weiß ich, was ein Orchester spielen kann und was nicht.

Oft ist es der Pop-Bereich, der mit Orchester in Berührung kommt. Im Techno fällt mir gerade mal Carl Craig und das Album “Versus” ein. Aber im Dancefloor-Bereich . . .

Christensen:  . . . ist es eher selten. Und das ist auch gut so (lacht).

Wie sind Sie denn damals auf die Idee gekommen?

Christensen: Ich hatte kein Konzept, das ist organisch entstanden. Damals wollte ich von meinem ersten Hit „Das Boot“ eine Version mit einem Quintett aufnehmen. Aber das sollte ungefähr 500 Mark kosten, was ich mir nicht leisten konnte. Die Idee kam dann erneut auf, als ich gerade in einer Orchester-Session war – und weil der Song bald 30 Jahre alt wird. Der Dirigent meinte aber, dass sich das für ein Lied nicht lohnen würde. Deshalb haben wir erst mal meine eigenen Songs aufgenommen – und weil das so viel Spaß gemacht hat, zunächst auch noch die aus den 90ern, die mein Leben geprägt haben.

Das neue Album enthält Coverversionen mit Songs der 80er Jahre. Haben Sie damals eigentlich „Die unendliche Geschichte“ gelesen oder im Kino ge­sehen?

Christensen: Selbstverständlich gelesen!

Und haben Sie die Serie zu „Das Boot“ gesehen?

Christensen: Ja, die erste Staffel hat mir auch ganz gut gefallen. Die zweite mit der Landung in New York – das wurde mir dann doch etwas zu wild (lacht).

Was verbinden Sie mit dieser Zeit?

Christensen: Das ist die Phase, in der ich Musik lieben gelernt habe. Als man noch in den Plattenladen stürmen konnte, um die neue Vinyl von den Thomp­son Twins zu kaufen. Oder sich gefragt hat, wie spare ich mir das Geld für das neue Album von Tears for Fears zusammen? Das waren Heiligtümer, die man sich so eben mal leisten konnte und die man sich ins Regal gestellt hat.

Und warum gerade diese Songauswahl?

Christensen: Weil ich eine Verbindung zu den Songs habe. Weil ich zum einen ein großer Fan davon bin; und zum anderen weil ich damit etwas Persönliches verbinde. Zum Beispiel, dass ich meine erste Freundin geküsst habe. Als Fan ist es aber auch eine andere Herangehensweise, etwas zu veröffentlichen, was man nicht selbst geschrieben hat. Bei manchen Titeln war ich nahezu ehrfürchtig.

Sonst hätten Sie ja auch einfach Hits der 80er nehmen können . . .

Christensen: Genau, dann hätte ich Michael Jackson oder Jennifer Rush aus­wählen müssen. Aber es gibt Stimmen, die kann man nicht covern: Prince und ­Michael Jackson sind einfach in sich stimmig.

Jetzt haben Sie ein unglaubliches Staraufgebot verpflichtet: Bonnie Tyler, Ronan Keating, Gary Barlow, David Garrett. Wie ist Ihnen das in dieser Zeit ­gelungen?

Christensen: Das war schon sehr abenteuerlich. Dadurch, dass ich das Glück habe, dass mein Projekt sehr erfolgreich ist, sind die Ohren schon mal größer (lacht). Für viele Künstler ist es aber eine willkommene Ablenkung. Hinzu kommt, dass ­jeder Fan der 80er ist oder damit etwas verbindet.

Und die Aufnahmen selbst?

Christensen: Wir mussten in der Corona-Zeit lernen, über das Internet aufzunehmen. Das klingt befremdlich, aber spart viel Zeit. Ich hatte das Metropolis-Studio in London gebucht und dann mit Ronan Keating telefonisch vereinbart, dass wir am kommenden Tag auf­nehmen. Dazu habe ich mich mit einem sogenannten Source-Programm zu­geschaltet, sodass ich live ­sehen und hören konnte, was er macht. Parallel dazu konnte ich Regieanweisungen geben. Die Aufnahmen konnte ich dann per Dropbox hoch- und wieder herunterladen. Und die klingen wirklich sehr gut. Auf der anderen Seite fehlen die sozialen Kontakte. Mit Bonnie Tyler habe ich allerdings in Portugal aufgenommen. Zwei Tage vor dem Lockdown. Da musste ich den Polizeibeamten erst einmal erklären, warum ich mit dem Auto wieder nach Hause fahren möchte. Mit Corona-Test ging das dann zwar auch, aber es war schon ein wilder Ritt.

Apropos Corona: Jetzt ­gehen Sie mit dem Album auch auf Tour. Wären Sie jetzt mit einer dreiköpfigen Band unterwegs, wäre das vielleicht noch nicht so kompliziert. Aber mit Orchester?

Christensen: Seit Corona sind wir Musiker Abgehängte. Uns trifft das hart. Zusammenspielen war nicht möglich: Trompete, Posaune und Saxofon in einem Raum – nicht erlaubt. Corona hat uns wie ein Tsunami erwischt und sehr viel Kultur schlichtweg ausgerottet. Deshalb habe ich die Tour auch um fast drei Jahre auf Juni 2022 verschoben, wohl wissend, dass es vorher keine adäquate Lösung geben wird. Ich hoffe, dass wir im Frühjahr das Schlimmste überstanden haben und dann wieder ein geregeltes Leben führen können.

Dazu kommt ja noch, dass Ihre Musik auf den Dancefloor abzielt. Diskotheken waren auch von Restriktionen betroffen.

Christensen: Ist ja teil­weise immer noch ein No-Go. In den Hamburger Clubs ist tanzen wieder erlaubt, aber mit Maske und Mindestabstand. Dann kann man es auch lassen. Aber die Musik ist so stark, dass viele Menschen auch Tanzmusik zu Hause hören und mit ihren Freunden dazu tanzen. Ein kleines Trostpflaster.

Als Ausblick: Nach den ­90ern und 80ern kommen als Nächstes die 70er?

Christensen: Das Witzige ist ja, dass die Dance-Nummern der 70er schon ganz viele Streicher hatten. Boney M. zum Beispiel. Auf jeden Fall gibt es da viele Möglichkeiten, aber ich lasse mir ­alles offen, folge meiner Nase und schränke mich nicht ein. Ich träume davon, mal eine Box mit fünf bis zehn CDs zu haben, die ich dann als kleines Nordlicht neben die Boxen von Frank Sinatra und den Beatles stellen kann (lacht).

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