1. www.dzonline.de
  2. >
  3. Welt
  4. >
  5. Kultur
  6. >
  7. Annie Ernaux: Ethnologin ihrer selbst

  8. >

Literaturnobelpreisträgerin

Annie Ernaux: Ethnologin ihrer selbst

Paris (dpa)

Annie Ernaux wird als eine der prägendsten Stimmen der Gegenwartsliteratur Frankreichs bezeichnet. Nur wenige schreiben so radikal über ihr Leben und ihre Herkunft wie sie. Auch in Deutschland wird sie gefeiert.

Von Sabine Glaubitz, dpa

Eine Frau zieht das Buch «Die Jahre» von Annie Ernaux in einer Leipziger Buchhandlung aus dem Regal. Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux erhält den Literaturnobelpreis. Foto: Jan Woitas/dpa

Seit über vier Jahrzehnten schreibt Annie Ernaux Bücher - Bücher über sich und ihre Herkunft. Dabei blickt sie nicht nur radikal auf ihr eigenes Leben, sondern reflektiert schnörkellos die Zeit und Gesellschaft, in die sie hineingeboren wurde. Die 82-jährige Schriftstellerin, die am Donnerstag mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, bezeichnet sich als Ethnologin ihrer selbst. 

Gefeiert als weiblicher Marcel Proust

In Deutschland wird sie von Kritikern als Meisterin des Autofiktionalen gefeiert oder sogar als weiblicher Proust, in Anspielung an ihren berühmten Landsmann Marcel Proust (1871-1922). Ihre Bücher schaffen es regelmäßig auf deutsche Bestsellerlisten. Eines ihrer jüngsten auch in Deutschland erschienenen Werke trägt den Titel «Das Ereignis». Das fast autobiografische Buch handelt von den fast schon grausamen Versuchen der Autorin abzutreiben, in einer Zeit, in der die Abtreibung noch als unmoralisch und kriminell betrachtet wurde. Verfilmt wurde die Geschichte von Audrey Diwan, die dafür im vergangenen Jahr den Goldenen Löwen des Filmfestivals von Venedig erhielt.

Persönliche Erinnerungen

Die über 20 Bücher der Schriftstellerin lesen sich wie ein Selbsterkundungsprojekt. Wie sie selbst sagt, versucht sie, ihre persönlichen Erinnerungen im kollektiven Gedächtnis zu finden, denn für sie ist ein «Ich» nicht ohne die anderen und ohne Geschichte denkbar. Und so gehen ihre Geschichten über ihre persönlichen Erlebnisse hinaus; sie betten sich ein in kollektive Erfahrungen, die durch gesellschaftliche Zwänge und Ereignisse die «Ichwerdung» beschränken. 

Und so gehen ihre Geschichten über ihre persönlichen Erlebnisse hinaus; sie betten sich ein in kollektive Erfahrungen, die durch gesellschaftliche Zwänge und Ereignisse die «Ichwerdung» beschränken. Oder wie der ständige Sekretär der Schwedischen Akademie, Mats Malm, die Preisvergabe begründete: Ernaux bekomme den Nobelpreis «für den Mut und die klinische Schärfe, mit der sie die Wurzeln, Entfremdungen und kollektiven Beschränkungen der persönlichen Erinnerung aufdeckt».

Dumpfe Gewalt sozialer Klassen

Frankreichs Ex-Kulturministerin Aurélie Filippetti schrieb treffend in einem Tweet, die Autorin habe die dumpfe Gewalt sozialer Klassen, die männliche Dominanz, Scham und Leidenschaft zum Ausdruck gebracht. «In ihr erkennen sich so viele Frauen wieder», schrieb Filippetti.

Ernaux wurde 1940 in Lillebonne in der Normandie geboren und wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Ihr Vater verdiente den Lebensunterhalt als einfacher Arbeiter. Ihre Kindheit war geprägt vom frühen Tod ihrer älteren Schwester. Nach dem Studium der Neueren Literatur wurde sie Gymnasiallehrern.  

Im Jahr 1974 erschien ihr erster Roman «Les armoires vides» (dt. «Die leeren Schränke»). Als sie sich 1980 scheiden ließ, war sie Mutter von zwei Kindern. 1984 erschien «La Place» (dt. «Der Platz»). Der Roman, für den sie den renommierten Renaudot-Preis erhielt, handelt von ihrem Vater und ihrem eigenen sozialen Aufstieg. In «Eine Frau» beschwört sie die Erinnerungen an ihre Mutter herauf, in «Passion simple» ihre Liebesbeziehung zu einem verheirateten Mann. 

Ein distanzierter Erzählstil

Zu ihren erfolgreichsten Büchern gehört «Les années», «Die Jahre», aus dem Jahr 2008. Das Werk ist eine Rückschau auf 60 Jahre ihres Lebens, ein Blick auf eine Frau, die sich verändert – zusammen mit der Welt. 

Ihr Erzählstil ist neutral, distanziert. Sie selbst bezeichnet ihn als objektiven Stil, der die erzählten Tatsachen weder auf- noch abwertet. Als Ernaux 2019 mit dem deutsch-französischen Prix de l’Académie de Berlin ausgezeichnet wurde, lobte die Jury ihre Schriftstellerei als «hochmoderne, gewagte, meisterlich komponierte Literatur, die von Klassenkämpfen, den Zumutungen kultureller Differenz und der Emanzipation der Frauen erzählt».

Startseite
ANZEIGE