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Mobilität

Betriebe des Öffentlichen Per­sonen-Nahverkehrs wollen Vertrauen und Kunden zurückgewinnen

Münster/Düsseldorf

Von jetzt auf gleich hat die Corona-Pandemie die öffentlichen Verkehrsanbieter getroffen. In Bus und Bahn dicht gedrängt wollte kaum ein Pendler noch fahren – und viele blieben gleich im Homeoffice. Jetzt wollen die Verkehrsbetriebe Kunden zurückgewinnen. Doch das Homeoffice wird bleiben.

Von Martin Ellerich

Mit Flatterband ist der Fahrerbereich eines Busses abgesperrt. Abstand zählt in der Pandemie. Allerdings nahm auch mancher Fahrgast wegen Corona Abstand von Bus und Bahn. Das soll sich jetzt wieder ändern. Foto: Foto: dpa

Corona – für Bus und Bahn war es, als habe jemand „in voller Fahrt die Notbremse gezogen“, sagt Ulrich Jaeger, NRW-Vorsitzender des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). Eben noch startete der Öffentliche Per­sonen-Nahverkehr (ÖPNV) durch – beim Nahverkehr der DB Regio in NRW zum Beispiel mit 300 Millionen Fahrgästen im Jahr 2019 – dann brachen die Fahrgastzahlen „um bis zu 90 Prozent“ ein“, sagt Frederik Ley, Chef der DB Regio in NRW. Corona hat auch die Art des Arbeitens verändert, Stichwort „Homeoffice“.

Wer das „mobile Arbeiten“ daheim nutzt, muss aber selbst meist weniger mobil sein. Trotzdem wollen die Verkehrsträger die Fahrgäste zurückholen – etwa mit flexi­bleren Tickets. Ein Hindernis: Es stehen 2022 „maßvolle“ Preiserhöhungen an. Das wurde bei einer Online-Pressekonferenz der Verkehrsbetriebe mit NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst klar.

Trend zum Individualverkehr

Corona hat den Trend zu Auto und Rad, zum Individualverkehr, gestärkt. Ein Grund: „Die diffuse Sorge vor erhöhter Infektionsgefahr im ÖPNV, die sich allerdings wissenschaftlich nicht nachweisen lässt“, sagt Jaeger und verweist auf eine Charité-Studie, nach der für ÖPNV-Pendler das Infektionsrisiko nicht größer sei als für Auto-Pendler. Inzwischen ist das Fahrgastaufkommen zwar laut DB-Regio-Chef Ley wieder auf „60 bis 65 Prozent“ des Vor-Corona-Niveaus gestiegen. „Unser Eindruck ist im Moment, dass die Leute wieder zurückkommen“, sagt Jaeger. „Vertrauen zurückgewinnen“ lautet die Devise.

Aber: Gingen noch Ende 2020 nur drei Prozent der Befragten davon aus, dass sie nach der Pandemie „die Öffentlichen“ gar nicht mehr nutzen werden, so waren es im April/Mai 12 Prozent. Diese Zahlen einer DLR-Befragung zur Mobilität müssen den Verkehrsbetrieben Sorgen machen, deuten sie doch an, dass einige Passagiere nicht nur vorübergehend umgestiegen sind aufs Auto, sondern dauerhaft aus dem ÖPNV ausgestiegen sind. Wie holt man die zurück, wenn NRW aus Gründen des Klimaschutzes doch wieder „Bahnland“ werden muss, wie Wüst (CDU) forderte?

Flexible Tarifangebote sollen der durchs Homeoffice veränderten Mobilität entgegenkommen: So bietet der Verkehrsverbund Rhein-Sieg (VRS) ein 10-Tages-Flex-Ticket – 10 Tagestickets, die binnen 30 Tagen genutzt werden können. Beim Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) und der Rheinbahn gibt es ein „Flex-Ticket“.

Abgeschreckt vom Tarifwirrwarr? Dem soll der neue eTarif abhelfen: Ab Ende 2021 sollen Fahrgäste via Smartphone bei Einstieg ein- und beim Aussteigen auschecken können – ohne sich eigens über Tarife informieren zu müssen.

Sommer-Ferien-Aktion als Bonbon für Kunden, die ihr Abo trotz Lockdowns nicht gekündigt haben: In den Sommerferien sind ihre Abo-Tickets bis auf wenige Ausnahmen NRW-weit gültig – inklusive Begleitung.

Die NRW-Nahverkehrsunternehmen gehen davon aus, dass die Fahrgastzahlen erst Ende 2022 wieder das einstige Niveau erreichen. Weniger zahlende Gäste, aber ein fast unverändertes Angebot, das hat sich in den Bilanzen vieler Betriebe negativ niedergeschlagen – trotz der Hilfen von „fast einer Milliarde Euro“ von Bund und Land, auf die Wüst hinwies. Er gehe davon aus, dass die NRW-Verkehrsbetriebe „2020 auch Preismaßnahmen“ (also Erhöhungen) durchführen, sagte VRS-Geschäftsführer Michael Vogel, allerdings „maßvoll“.

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