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Kommentar

Debatte um Antisemitismusforschung: Gefährliche Verharmlosung

Es ist immer wieder überraschend, wie viele Menschen die feste Überzeugung äußern, das Thema Anti­semitismus sei im „normalen“ Alltag in Deutschland so gut wie überwunden: Im Geschichtsunterricht sei alles geklärt worden, Deutschland sei eine entwickelte Demokratie und gewisse Ausfälle seien nur das Problem von abseitigen Extremisten oder kämen von außen – seien also nicht Teil der „Normalität“. Spielt da das Bedürfnis nach Verdrängung eine Rolle?

Von Claudia Kramer-Santel

Ein Transparent mit der Aufschrift "Gegen jeden Antisemitismus" ist bei einer Kundgebung gegen Antisemitismus in Berlin-Neukölln zu sehen. Foto: Jörg Carstensen/dpa Foto: Jörg Carstensen

Es ist immer wieder überraschend, wie viele Menschen die feste Überzeugung äußern, das Thema Anti­semitismus sei im „normalen“ Alltag in Deutschland so gut wie überwunden: Im Geschichtsunterricht sei alles geklärt worden, Deutschland sei eine entwickelte Demokratie und gewisse Ausfälle seien nur das Problem von abseitigen Extremisten oder kämen von außen – seien also nicht Teil der „Normalität“. Spielt da das Bedürfnis nach Verdrängung eine Rolle? Oder fehlt schlichtweg die Empathie, sich in andere hineinzuversetzen?

Im besten Fall mangelt es einfach an Wissen über das Alltagsleben von Jüdinnen und Juden. Deren „Normalität“ sieht zumeist völlig anders aus. Was viele Nichtjuden gerne als „Kleinigkeiten“ abtun, sind für sie konkrete antisemi­tische Attacken, die den Alltag massiv prägen. Was beruhigend ist: Anders als in früheren, dunklen ­Phasen der Geschichte ­stehen alle drei Ebenen des Staats – Gesetzgebung, Rechtssprechung und ­Exekutive – hinter ihnen.

Verschwörungsmythen haben Hochkonjunktur

Was hilft es im Alltag, wenn man sich nicht mehr wagen kann, eine Kippa zu tragen? Wenn jahrhundertealte Formen von antisemitischen Stereo­typen unter der offiziellen, glänzenden Ober­fläche weiter­gären? Jüngstes Beispiel sind die Querdenker-Demos, die sich immer mehr Bahn ­brechen. Wer wie sie von gewissen Eliten spricht, von düsteren Mächten, die Corona steuern, bedient sich eines alten Musters.

Der Antisemitismusbeauftragte Felix Klein brachte es auf den Punkt: Antisemitismus wirkt bei der Bewegung von Corona-Leugnern und Querdenkern wie ideologischer Kitt. Verschwörungsmythen haben ohnehin Hochkonjunktur. Das Pro­blem: Die Grau­zone, in der solche Äußerungen un­widersprochen bleiben, wird besonders durch die ungehemmten Möglich­keiten im Netz immer größer. Verschiebt sie sich immer weiter, entsteht eine ernste Gefahr.

Alte Methoden, das Pro­blem zu erklären und zu erfassen, passen heute nicht mehr. Es ist folgerichtig, dass Bundesbildungsministerin Karliczek mit einem umfassenden Programm die Antisemitismusforschung breit aufstellen und die Forschung intensivieren will. Denn das Problem ist und bleibt komplex und vielschichtig.

Doch besonders wichtig ist, dass es schnell konkrete Um­setzungshilfen im Kampf gegen Antisemitismus an Schulen gibt.

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