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Europapokal-Einzug

Corona-Pieks und Formel 1: Unions Kruse jettet durch Europa

Nach der Europapokal-Qualifikation gehen bei Union Berlin die Blicke weit weg von Köpenick. Trainer Urs Fischer fühlt sich wie in der Film-Traumfabrik. Max Kruse hebt im Privatflieger Richtung Fürstentum ab.

dpa

Max Kruse (2.v.l.) spielt in der nächsten Saison mit Union Berlin international. Foto: John Macdougall

Berlin (dpa) - Erst holte sich Max Kruse in Köpenick den Pieks gegen Corona, dann ging es im Privatjet und per Helikopter nach Monaco.

Der sensationellen Qualifikation für die Conference League mit dem 1. FC Union Berlin folgte für den frisch geimpften Europa-Garanten der Eisernen der Kurztrip zu seinem «ersten Formel-1-Rennen» in den Häuserschluchten von Monte Carlo.

Die komplette Party-Lizenz hatte der Fußball-Lebemann schon zuvor vom «achtarmigen» Torwart Andreas Luthe bekommen. Bereits auf dem Feier-Balkon der Eisernen am Stadion an der Alten Försterei war Kruse am Samstagabend vor etwa 2000 Fans dabei und freute sich auch über die Teilnahme an der von ihm eigentlich ungeliebten Conference League.

«Union international», lautete Kruses erster Kommentar zum obligatorischen Feier-Foto bei Instagram vor einer langen Köpenicker Nacht, die am Sonntag mit einem letzten Team-Frühstück vor dem Sommerurlaub enden sollte. Am Sonntag folgten die Aufnahmen direkt aus dem Luxusflieger Richtung Côte d'Azur.

Grund zum Feiern gab es genug: Platz sieben weit vor dem Lokalrivalen Hertha BSC, 16 Heimspiele in Serie ungeschlagen, weniger Gegentore als der FC Bayern, weniger Niederlagen als Borussia Dortmund, lauten nur einige der erstaunlichen Eckdaten einer famosen Spielzeit. Club-Präsident Dirk Zingler hob besonders hervor, dass man gegen die Top-Sechs der Liga keine Partie zuhause verloren hatte.

«Es ist Weltklasse, dass wir uns so belohnen für eine herausragende Saison», sagte Kruse. Die Symbolfigur für die fabelhafte Reise Richtung Fußball-Kontinent war der 33-Jährige selbst - gekrönt von seinem Siegtreffer zum 2:1 in der Nachspielzeit gegen RB Leipzig, der die erste eiserne Europapokal-Qualifikation seit 2001 möglich machte.

Union und Kruse, Kruse und Union. Das schien in beide Richtungen ein gewagtes Experiment, wenn nicht ein Ding der Unmöglichkeit. Da der imagebeladene Prinzipien-Club aus Ost-Berlin, dort Freigeist und schlampiges Genie mit Hang zu klarer Meinungsäußerung in der Social-Media-Blase. Doch es funktionierte. Dass Kruse nebenbei wie nun in Monaco feierte oder über Radarfallen im Stadtverkehr oder ihm zu unfreundliche Luxus-Autohändler moserte? Geschenkt.

Kruse bekam die lange Berliner Leine und lieferte. Elf Tore, fünf Assists, wurde trotz anfänglichen Fitness-Problemen und langer Verletzungspause im Winter Top-Scorer und unermüdlicher Antreiber.

«Das ist der verrückteste Typ, den ich jemals kennengelernt habe im Profifußball. Aber er hat uns heute wieder den Arsch gerettet», sagte Luthe. «Ich gönne ihm wirklich alles, was er drumherum macht», sagte der Schlussmann, dem Trainer Urs Fischer bescheinigte, gegen Leipzig «acht Arme im Spiel» gehabt zu haben.

Und seinem Matchwinner Kruse wollte Fischer, der sich selbst wie in einem Hollywood-Streifen fühlte, mal ordentlich «auf's Brot schmieren», dass das mit der Conference League Realität ist. «Null Bock» verspürte Kruse kürzlich auf den neu geschaffenen dritten Europacup. Mit dem VfL Wolfsburg hatte er einst in der Champions League gespielt, mit Borussia Mönchengladbach immerhin Europa League. «Ich bleibe bei meiner Meinung. Aber ich werde immer alles tun, damit wir Spiele gewinnen», sagte er nun über den drittklassigen Cup.

In seiner sachlichen Art wird Fischer Kruse den Wettbewerb, über den auch viele Halbwahrheiten durch die Fußball-Welt geistern, vielleicht nochmal erklären. Keineswegs, wie oft behauptet, wird die Saisonvorbereitung der Eisernen gestört. Erst am 19. und 26. August steht die für alle obligatorische Playoff-Runde an, also nach dem Saisonstart in der Bundesliga Mitte August. Auch Kruse wird Zeit für ausreichend Urlaub haben.

Wie Union mit der Belastung im Donnerstag-Sonntag-Rhythmus dann umgeht, ist eine spannende Frage. Ungeklärt ist auch noch, wie viele Zuschauer bei Heimspielen dabei sein dürfen. Die UEFA erlaubt nur Sitzplätze. Dann wären es unabhängig von Corona nicht viel mehr als die 2000 am Samstag gegen Leipzig. Zingler kündigte an, um den Heimspielort Alte Försterei kämpfen zu wollen, schloss aber auch einen unpopulären Umzug ins Olympiastadion nicht aus.

© dpa-infocom, dpa:210523-99-710207/4

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