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Interview mit Ungarns Trainer

Marco Rossi: «Deutschland könnte sehr kompliziert werden»

Budapest (dpa)

Portugal, Frankreich, Deutschland - uff! Ungarn hat eine Hammer-Gruppe bei der EM erwischt. Nationaltrainer Marco Rossi spricht im dpa-Interview unter anderem über die Chancen seines Teams, seine Bundesliga-Achse und den (fast) ewigen DFB-Coach Joachim Löw.

Interview: Martin Moravec, dpa

Bewunder Joachim Löw: Marco Rossi, Trainer von Ungarn. Foto: Trenka Atilla/PA Wire/dpa

15 Jahre Nationaltrainer? Ungarns Fußball-Coach Marco Rossi schwärmt von Joachim Löw. Aber so viele Jahre an der Spitze einer Mannschaft hält der Italiener für ausgeschlossen.

«Er hat soviel Erfolg gehabt als Nationaltrainer und das 15 Jahre lang, das kann ich mir gar nicht vorstellen», sagte Rossi lachend im Interview der Deutschen Presse-Agentur. «Zuletzt hat er vielleicht nicht immer die richtigen Ergebnisse geholt, aber er musste über die Jahre hinweg auch mehrmals einen Generationenwechsel vollziehen. Für mich gehört er ohne Zweifel zu den erfolgreichsten Nationaltrainern der Welt.»

Der Trainer des letzten deutschen EM-Gruppengegners sprach außerdem über den Vergleich zwischen Manuel Neuer und Peter Gulacsi, seine Zeit in Frankfurt sowie die Bedeutung seines Großvaters Gino.

Frage: Herr Rossi, Sie sind seit Juni 2018 Nationaltrainer in Ungarn, waren vorher auch Vereinscoach in Ungarn. Fühlen Sie heutzutage mehr ungarisch oder italienisch?

Marco Rossi: Ich bin noch immer Italiener und stolz darauf, Italiener zu sein. Aber ich fühle mich Ungarn stark verbunden wegen der Geschichte meiner Familie, im Wesentlichen wegen meines Großvaters Luigi, den alle aber nur Gino nannten. Er war ein großer Fan der «Goldenen Elf» Ungarns, die nach dem Krieg den Weltfußball dominiert hat. Und da mich mein Großvater, als ich etwa 13 Jahre alt war, immer zum Fußball-Training gebracht hat, hat er mir jeden Tag von dieser großen ungarischen Mannschaft erzählt.

Ihre Mannschaft spielt nun bei der EM zwei Gruppenspiele im heimischen Budapester Stadion vor Zuschauern. Bedeutet das mehr Freude oder Druck?

Rossi: Die Erwartungen an die ungarische Nationalmannschaft sind immer enorm, selbst wenn wir gegen Mannschaften wie Portugal, Frankreich und Deutschland spielen, die zu den besten der Welt gehören. Druck wird dabei sein. Wir müssen mit den Füßen auf dem Boden bleiben und daran denken, was für eine Reise wir in den vergangenen zwei Jahren schon geschafft haben. Siege gegen Portugal, Frankreich und Deutschland sind möglich, weil im Fußball alles passieren kann. Aber um gegen solche Mannschaften zu gewinnen, muss man 110 Prozent bringen. Gleichzeitig muss man hoffen, dass der Gegner nicht sein Top-Niveau erreicht, und Glück braucht man auch. Wir werden unser Bestes geben und versuchen, unseren Fans herrliche Momente zu schenken.

Gibt es für Sie ein Schlüsselspiel in der Gruppenphase?

Rossi: Alle Spiele sind wirklich sehr wichtig, vielleicht ist das erste gegen Portugal aber noch ein bisschen wichtiger, weil wir mit einem guten Start mit Begeisterung in die folgenden Partien gehen können. Das letzte Spiel gegen Deutschland könnte sehr kompliziert werden, weil wir in München vor deutschem Publikum spielen. Die deutsche Nationalmannschaft könnte in diesem Turnier wirklich weit kommen.

Es wird das letzte Turnier von Joachim Löw als Bundestrainer. Was halten Sie von ihm?

Rossi: Er hat soviel Erfolg gehabt als Nationaltrainer und das 15 Jahre lang, das kann ich mir gar nicht vorstellen (lacht). Zuletzt hat er vielleicht nicht immer die richtigen Ergebnisse geholt, aber er musste über die Jahre hinweg auch mehrmals einen Generationenwechsel vollziehen. Für mich gehört er ohne Zweifel zu den erfolgreichsten Nationaltrainern der Welt. Die Fakten sprechen für ihn.

Könnten Sie sich vorstellen, 15 Jahre Trainer in Ungarn zu bleiben und der ungarische Joachim Löw zu werden?

Rossi: Das wäre sehr, sehr schwierig (lacht). Der ungarische Verband hat mir schon großes Vertrauen geschenkt, indem er mir einen Vertrag bis Dezember 2025 gegeben hat. Ich weiß nicht, ob ich bis zum Vertragsende hier sein werde, nicht, weil ich nicht will, sondern weil jedes Ergebnis mit der Nationalmannschaft zählt. Wir müssen in den nächsten vier Jahren gute Leistungen und gute Ergebnisse liefern, damit ich bis zum Ende meines Vertrags bleiben kann.

Joachim Löw hat die zuvor aussortierten Thomas Müller und Mats Hummels zurückgeholt. Wie bewerten Sie diesen Entschluss?

Rossi: Sie sind zwar nicht mehr die jüngsten Spieler, sie sind aber Spitzenspieler in ihrer Mannschaft. Müller hatte unter Trainer Niko Kovac beim FC Bayern eine schwierige Zeit, unter Hansi Flick hat er aber wieder regelmäßig gespielt und dann alle Titel abgeräumt. Und Hummels ist ein unglaublicher Spieler. Er ist groß und ein technisch starker Verteidiger. Löw hat beide zurückgeholt, weil sie immer noch Extraklasse darstellen.

In Peter Gulacsi, Willi Orban (beide RB Leipzig), Adam Szalai (FSV Mainz 05) und Roland Sallai (SC Freiburg) haben Sie vier Bundesliga-Profis in Ihrem Aufgebot. Wie wichtig ist diese deutsche Achse?

Rossi: Es ist ganz wichtig, dass wir auf diese vier Spieler zählen können. In Dominik Szoboszlai müssen wir leider auf einen fünften Spieler aus Deutschland verzichten. Diese Vier spielen aber auf höchstem Niveau, sie sind sicherlich unsere Schlüsselspieler.

Wie schwer wiegt der Ausfall vom Leipziger Dominik Szoboszlai?

Rossi: Dominik gehört zu unseren technisch besten Spielern. Mit seinen erst 20 Jahren ist er auf dem Weg zu einem internationalen Ausnahmespieler, für uns ist er das längst. Dass wir nicht auf ihn zählen können, macht für uns einen großen Unterschied.

Sehen Sie Gulacsi auf dem Niveau von Deutschlands Nationaltorwart Manuel Neuer?

Rossi: Er hat in den vergangenen Jahren auf einem absoluten Top-Niveau gespielt und das auch im internationalen Wettbewerb gegen die besten Mannschaften in Europa bewiesen. Daher denke ich, dass man ihn absolut auf dem gleichen Niveau wie Manuel Neuer sehen muss. Neuer ist aber schon eine Legende. Ich hoffe, dass Peter am Ende seiner Karriere zu einer Legende in Leipzig werden kann.

Sie selbst haben eine deutsche Vergangenheit. 1996/1997 haben Sie eine Saison beim damaligen Zweitligisten Eintracht Frankfurt gespielt. Was für Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Rossi: Ich habe mir am Ende dieser Saison eine kleine Verletzung zugezogen, habe aber gute Erinnerungen an diese Zeit. Wir hatten eine wirklich gute Mannschaft und einen sehr sympathischen Trainer in Dragoslav Stepanovic, nur leider nicht den gewünschten Erfolg. Ich hätte damals einen Dreijahresvertrag in Frankfurt unterschreiben können, obwohl ich schon 32 Jahre alt war, bin dann aber nach Italien zurückgekehrt, was keine so gute Entscheidung war (lacht).

Wer wird für Sie der Star dieser EM?

Rossi: Sie spielen ja fast alle in unserer Gruppe (lacht). Man muss sich nur einmal ansehen, dass wir auf ungefähr 20 Spieler von den vier Champions-League-Halbfinalisten Real Madrid, FC Chelsea, Manchester City und Paris Saint-Germain in der Vorrunde treffen. Wir reden hier also von absoluter Spitzenklasse. Unter den Mannschaften sehe ich England, Italien, Spanien, Belgien, Deutschland, Frankreich und Portugal weit vorne.

Wann kann man von einem glücklichen Marco Rossi nach der EM sprechen?

Rossi: Um glücklich zu sein, müssen wir einige Punkte holen. Wir müssen mindestens ein Unentschieden und einen Sieg holen, dann wäre ich sogar mehr als glücklich. Das ist aber wohl nicht realistisch, sondern mehr ein Traum. Ich könnte auch glücklich sein, wenn ich von meinen Spielern die richtige Einstellung, die richtige Persönlichkeit auf dem Platz sehe, um unsere taktischen Vorgaben umzusetzen. Das könnte mich sehr glücklich machen.

ZUR PERSON: Marco Rossi (56) ist seit Juni 2018 Nationaltrainer Ungarns. Er löste den Belgier Georges Leekens ab. Zuvor betreute der Italiener Rossi mehrere Jahre Honved FC aus Budapest.

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