1. www.dzonline.de
  2. >
  3. Ratgeber
  4. >
  5. Finanzen
  6. >
  7. Corona hat das Einkaufen nachhaltig verändert

  8. >

Marktforschung

Corona hat das Einkaufen nachhaltig verändert

Düsseldorf (dpa)

Heute wird anders eingekauft als noch vor ein paar Jahren. Die Besuche im Supermarkt werden seltener, die Einkaufswagen dafür voller. Das liegt an der Corona-Pandemie - aber nicht nur.

Von Erich Reimann, dpa

Viele Verbraucher und Verbraucherinnen erledigten ihren Großeinkauf während der Pandemie am liebsten in Supermärkten um die Ecke. Foto: Fabian Sommer/dpa

Die Corona-Pandemie hat das Einkaufen inDeutschland verändert. Mehr als der Hälfte der Verbraucher macht dasEinkaufen von Konsumgütern wie Lebensmitteln oder Zahncreme heuteweniger Spaß als noch vor einigen Jahren, wie eine großangelegteStudie des Marktforschungsunternehmens NielsenIQ ergab, für die dieDaten von 20.000 Haushalten ausgewertet wurden. Die Folge: Sie gehenseltener shoppen.

Shoppen als Freizeittrend?

«Die Menschen haben das Bedürfnis, ihre Einkäufe zu reduzieren, dasgalt im ersten und im zweiten Lockdown und es gilt noch immer»,beobachtet Nielsen-Experte Thomas Montiel Castro. Dabei sei dieAnsteckungsangst nur ein Faktor - und vielleicht nicht einmal derbedeutendste. Gerade junge Menschen wollten nicht mehr so viel Zeitmit dem Einkaufen verbringen. «Sie haben in Corona gelernt, dass esspannendere Sachen gibt, mit denen sie ihre Freizeit verbringenkönnen.»

Der Trend geht deshalb NielsenIQ zufolge dahin, seltener einzukaufenund dann möglichst alles auf einen Schlag zu erledigen. SpontaneEinkaufstrips zum Bäcker, in den Drogeriemarkt oder um schnell nochein bisschen Aufschnitt an der Fleischtheke zu holen, würden immerseltener, meint Montiel Castro. Der Trend gehe zum großenVorratseinkauf oder wie es der Marktforscher nennt zum «Big Trolley«- dem großen Einkaufswagen. «Eine ganze Reihe von Haushalten habenerst in der Pandemie damit begonnen, solche großen Vorratskäufe zumachen. Hier hat sich das Einkaufsverhalten massiv geändert.»

Mittelgroße Supermärkte steigern ihre Umsätze

Gewinner sind dabei aber nicht die großen SB-Warenhäuser oder dieDiscounter, wo die deutschen Verbraucherinnen und Verbraucher in derVergangenheit meist ihre Großeinkäufe erledigten, sondern dieklassischen mittelgroßen Supermärkte wie Rewe oder Edeka. Nacheiner aktuellen Untersuchung des Marktforschers GfK steigerten dieSupermärkte ihre Umsätze im ersten Halbjahr 2021 um 6,3 Prozent,während die Discounter um 1,4 Prozent weniger verkauften. Bei dengroßen SB-Warenhäusern stagnierte das Geschäft.

«Die klassischen Supermärkte sind attraktiv, weil sie einerseits einegroße Auswahl bieten, der Besuch dort aber andererseits nicht so vielZeit kostet wie im SB-Markt. In den Zeiten des Homeoffice fahren dieLeute nicht mehr am Samstag auf die grüne Wiese zum SB-Markt umeinzukaufen, sondern sie nutzen häufiger die verlängerte Mittagspausezum Einkauf im Supermarkt um die Ecke - und sie tun das gerne mittenin der Woche», berichtet Montiel Castro.

Zeit ist kostbar

Der Marktforscher ist überzeugt, dass die Trends auch nach dem Endeder Pandemie anhalten werden. Denn die Umwälzungen hingen nicht nurmit Corona zusammen. «Noch vor 10 Jahren waren vor allem der Preisund die Sonderangebote entscheidend dafür, wo eingekauft wurde. Aberbei der jüngeren Kundengeneration spielt das keine so große Rollemehr. Für sie ist es wichtiger geworden, nicht mehr so viel Zeit mitdem Einkaufen zu verbringen.»

Auch Handelsexperte Robert Kecskes vom Marktforschungsinstitut GfKsieht nachhaltige Veränderungen durch die Krise - etwa die größereBedeutung des Essens in den eigenen vier Wänden. Nach seinerEinschätzung hat mit der Pandemie «eine Art Fahrstuhleffekteingesetzt», der den häuslichen Konsum im Jahr 2020 zunächst um vier,fünf Etagen nach oben gefahren hat, um im ersten Halbjahr 2021 aufdieser Etage zu verweilen. Es sei anzunehmen, dass sich derLastenaufzug mit den häuslichen Konsummengen mit der Rückkehr zueinem normaleren Leben wieder nach unten bewegen werde. «Er wirdallerdings nicht mehr in das Erdgeschoss des Jahres 2019zurückfahren», ist Kecskes überzeugt.

Anders einkaufen

Nach einer repräsentativen Umfrage des MarktforschungsunternehmensIRI will rund ein Viertel der Verbraucher auch nach dem Ende derPandemie mehr Zeit zu Hause mit Freunden und der Familie verbringenund öfter selber kochen. Fast 40 Prozent der Befragten zeigten sichüberzeugt, dass sich auch nach dem Ende der Pandemie anders einkaufenwerden als vorher.

Zu den Gewinnern der Pandemie gehört auch der E-Commerce. DieKonsumgüterumsätze im Internet stiegen 2020 Nielsen zufolge um 34Prozent. Dennoch spielt der Onlinehandel bei Lebensmitteln,Tierfutter und anderen Konsumgütern in Deutschland weiterhin nicht soeine große Rolle wie in anderen europäischen Ländern. Währendhierzulande der Marktanteil des E-Commerce bei Konsumgütern trotz desCorona-Booms aktuell gerade einmal 1,2 Prozent erreicht, liegt er inFrankreich bei 10,2 und in Großbritannien bei 11,9 Prozent.

Hier spiegele sich die hohe Ladendichte in Deutschland, aber auch dieZurückhaltung großer deutscher Handelsketten beim Thema E-Commerce,meint Montiel Castro. «Der E-Commerce-Boom durch die Corona-Pandemieist bei Konsumgütern deutlich schwächer ausgefallen, als vieleerwartet haben.»

Startseite