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Nervenprobe

Wie Eltern durchhalten können: Hilfe, das Baby schreit!

Hamburg/München (dpa/tmn)

Die Kleinen weinen oft viele Stunden am Tag und lassen sich kaum beruhigen. Bei den Eltern von Schreibabys liegen die Nerven blank. Ein Patentrezept gibt es zwar nicht, dafür aber Hilfen und Strategien.

Von Ann-Kathrin Marr, dpa

Das Baby ist frisch gewickelt, wurde gerade gefüttert und wird getragen. Doch nichts hilft - es schreit. Foto: Christin Klose/dpa-tmn/Illustration

Tragen, füttern, Windel wechseln - nichts hilft und die Eltern sind vollkommen erschöpft. So ging es auch der Buchautorin und Journalistin Andrea Zschocher. Sie ist Mutter von drei Kindern, die allesamt viel geweint haben. «Sobald sie wach waren, haben sie oft ohne Pause gebrüllt», erinnert sie sich.

Schreibabys - oder wie Experten sagen, exzessiv schreiende Babys, sind eine Belastungsprobe für ihre Eltern. Weint ein Kind drei Stunden am Tag an drei Tagen in der Woche, und das über mindestens drei Wochen lang, spricht man von exzessivem Schreien.

Milchallergie, Reflux oder Blockade? Abklären lassen!

Wenn das Baby sehr viel weint, sollten Eltern zunächst beim Kinderarzt abklären lassen, ob es eine körperliche Ursache gibt. In seltenen Fällen kann etwa Kuhmilcheiweiß-Allergie Auslöser sein oder Aufstoßen des Mageninhalts, das zu Sodbrennen führt. «Auch Blockaden in der Wirbelsäule können eine Mitursache sein», erklärt Ruth Wollwerth de Chuquisengo, psychologische Psychotherapeutin in der Schreiambulanz des kbo-Kinderzentrums München.

Experten gehen aber davon aus, dass meistens eine Regulationsstörung für das häufige Schreien verantwortlich ist. Die Kleinen können Reize wie Geräusche, Licht oder Bewegung noch nicht angemessen verarbeiten. Wenn die Babys müde sind, finden sie schlecht in den Schlaf. Sie weinen und werden dadurch noch wacher. Es entsteht ein Teufelskreis.

Schreibaby-Sprechstunden

Nach stundenlangem Geschrei fühlen sich die Eltern oft ohnmächtig und wütend. Das sei völlig normal, sagt die psychologische Psychotherapeutin Susanne Hommel, die in ihrer Hamburger Praxis eine spezielle Schreibaby-Sprechstunde anbietet. Wenn einem alles zu viel wird, steigt aber auch das Risiko, das Baby zu schütteln. «Und das darf auf keinen Fall passieren, weil es für sehr kleine Kinder tödlich sein kann», so Hommel. Allein aus diesem Grund empfiehlt sie, sich frühzeitig Hilfe zu holen.

Baby mit Hilfe besser verstehen lernen

Vielerorts gibt es Beratungsangebote, die für Eltern kostenlos sind. Der behandelnde Kinderarzt kann auch an eine Schreiambulanz überweisen. Dort arbeiten Ärzte und Psychologen, die zwar kein Patentrezept gegen das Schreien haben, aber Eltern helfen können, ihr Baby besser zu verstehen.

«Bei Kindern mit einer Regulationsstörung ist oft sehr schwer zu erkennen, wann sie müde sind und Ruhe brauchen», sagt Wollwerth de Chuquisengo. Sie vermittelt den Eltern Strategien, wie sie ihre Kinder in den Schlaf begleiten, und während der Schreiphasen selbst die Nerven behalten. «In eine vertiefte Atmung zu kommen, kann zum Beispiel helfen», so die Psychologin.

Tagesprotokolle lassen Muster erkennen

Um neue Strategien für den anstrengenden Alltag zu finden, arbeitet Susanne Hommel auch mit Tagesprotokollen. Die Eltern schreiben auf, wann und wie lange das Baby weint. «Es kann enorm hilfreich sein, zu sehen: Im Tagesverlauf klappt es mit dem Beruhigen ganz gut, nur abends wird es schwierig», sagt Hommel. Niemand muss diese Zeit allein durchstehen.

«Sich Hilfe holen, das kann der Familie viel Leid ersparen», sagt Birgit Langer von der Caritas Erziehungs- und Familienberatungsstelle in Düsseldorf. Sie begleitet auch Eltern mit Schreibabys und sucht gemeinsam mit ihnen nach Möglichkeiten, wie sie sich selbst kleine Auszeiten nehmen können.

Wenn Verwandte und Freunde den Einkauf erledigen oder die älteren Geschwister vom Kindergarten abholen, schafft das kleine Freiräume. In vielen Orten helfen Ehrenamtliche gestressten Eltern weiter, etwa über die Initiative welcome.

Lichtblick: Mit viertem Monat endet oft Schreiphase

Auch für Andrea Zschocher war es am wichtigsten, in dieser Zeit nicht allein zu sein. «Mein Mann und ich haben uns gegenseitig in die Pflicht genommen» sagt sie. Während sich einer um das Baby kümmerte, hatte der andere Zeit für sich oder für die älteren Kinder. Freundinnen stellten gekochtes Essen vor die Tür oder schickten Blumen. Das Durchhalten lohne sich: Nach dem dritten Lebensmonat legen sich die Probleme bei zwei Dritteln der Kinder.

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