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Gesundheit

Spaltungsgefahr, Anfragewelle: Sorgen um Impf-Reihenfolge

Wann bekomme ich eine Impfung gegen Corona? Die Regierungschefs geben die Aussicht auf eine Freigabe des Impfens für alle im Monat Juni. An dieser Ankündigung gibt es Kritik. Zudem werden am Beispiel Köln große Unterschiede zwischen den einzelnen Stadtvierteln deutlich.

dpa

Thomas Kutschaty (SPD), Vorsitzender der nordrhein-westfälischen SPD. Foto: Jonas Güttler

Düsseldorf/Dortmund (dpa/lnw) - Eine Aufhebung der Impf-Reihenfolge birgt aus Sicht des nordrhein-westfälischen SPD-Chefs Thomas Kutschaty «Sprengstoff für eine soziale Spaltung». Solange es noch Alte, chronisch Kranke oder Beschäftigte mit hohem Infektionsrisiko gebe, die noch nicht geimpft seien, sei eine Freigabe auszuschließen, sagte Kutschaty am Dienstag. Ansonsten würden sich «die durchsetzen, die die besseren Möglichkeiten und die besseren Kontakte zu Ärzten und Sonstigen haben, die Impfstoffe vergeben», prognostizierte er.

Die höchst unterschiedlichen Infektionsraten, die aus mehr oder weniger wohlhabenden Kölner Stadtteilen berichtet würden, hätten ihn fassungslos gemacht. «Ich kann mir gut vorstellen, welcher Stadtteil als erster durchgeimpft ist, wenn das freigegeben wird, und welcher als letzter», sagte Kutschaty, der auch Fraktionschef im Landtag ist.

Integrationsstaatssekretärin Serap Güler (CDU) sieht mehrere Ansätze, die Infektionen in Stadtteilen mit hohem Migrationsanteil zu senken. «Wenn ich an die Anschreiben denke, die die erste und die zweite Priorisierungsgruppe erhalten haben, da haben Deutsche schon ein Problem, diesen Brief zu verstehen», sagte Güler im «Frühstart» der Redaktion von RTL/ntv. Häufig werde dann so ein Schreiben einfach zur Seite gelegt und vergessen. «Da müssen wir noch eine bessere Aufklärungskampagne in den jeweiligen Sprachen machen», erklärte sie.

Die CDU-Politikerin sprach sich neben den verstärkten Impfungen bei den Hausärzten auch für weitergehende Angebote aus. «Die Entsendung von Impfmobilen ist in jedem Fall richtig. Wir müssen dort den Impfstoff zu den Menschen bringen», sagte sie in einem Interview der «Rheinischen Post». Eine Impfung in Vierteln mit hohe Inzidenzen helfe auch allen anderen, etwa im Nahverkehr. Eine vorrangige Impfung für Migranten halte sie nicht für sinnvoll, das schaffe nur Unmut.

Güler sagte der «RP» auf die Frage, ob die Skepsis beim Impfen in ärmeren Schichten und bei Migranten höher als im Rest der Bevölkerung sei: Wie in allen Bevölkerungsgruppen gebe es auch bei Migranten Menschen, die an Verschwörungstheorien glaubten. Hier helfe nur intensive Aufklärung.

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hatte am Montagabend nach einem Treffen der Länderchefs mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gesagt, er halte es für sachgerecht, die Impf-Priorisierung im Juni auslaufen zu lassen, nachdem Berufsgruppen mit hohem Risiko geschützt seien. An diesem Mittwoch werde aller Voraussicht nach an nur einem einzigen Tag rund ein Prozent der Bevölkerung in NRW geimpft. «Das ist ein Tempo wie in den USA», sagte Laschet. Laut RKI-Daten vom Dienstag ist rund jeder vierte Einwohner in NRW mindestens einmal gegen das Coronavirus geimpft worden. Kutschaty warnte vor voreiligen Schritten. NRW sei mit einer Quote von rund sieben Prozent bei den Zweitimpfungen von einer Herden-Immunität noch weit entfernt.

Patientenschützer haben die Debatte um die Freigabe der Corona-Impfungen in Deutschland als verfrüht und folgenschwer kritisiert. «Heute davon zu reden ist nichts anderes, als den Menschen Sand in die Augen zu streuen», sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, am Dienstag in Dortmund der Deutschen Presse-Agentur. Im Kern mangele es immer noch an Impfstoff. Mit der Aussicht auf ein Ende der Impf-Priorisierung im Monat Juni wolle die Politik von dem eigenen Versagen ablenken.

Das Thema werde von den Ministerpräsidenten mit fatalen Folgen regelrecht angeheizt, sagte er mit Blick auf das Bund-Länder-Treffen am Montag. Die Hausärzte und Impfzentren würden «bombardiert» mit vielen Anfragen Impfwilliger. Dabei gebe es immer mehr Menschen, die auf ihre vermeintlichen Rechte pochten und auf eine sofortige Impfung bestünden. Angesichts der nicht ausreichenden Impfstoffmengen erzeuge das Frust sowohl bei denjenigen, die die Impfungen durchführen, als auch bei denjenigen, die sich möglichst schnell impfen lassen wollen.

Der Sozialverband Deutschland in NRW warnt vor einer vorschnellen Freigabe der Impfungen. «Bevor nicht alle Gruppen aus der Priorisierungsliste ein Impfangebot bekommen haben, darf die Priorisierung beim Impfen nicht beendet werden», erklärte Landeschef Franz Schrewe. Die Ankündigung der Landesregierung, Personen mit Vorerkrankungen nach Stufe 2 der Priorisierungsliste im Mai auch ein Impfangebot in den Impfzentren zu machen, begrüßte er. «Es ist richtig und wichtig, dass nun auch chronisch kranke Menschen nicht nur über die Hausärzte, sondern unabhängig von ihrem Alter und ihrem Wohnort auch im Impfzentrum einen Impftermin bekommen können.»

© dpa-infocom, dpa:210427-99-374132/4

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