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Prozesse

Bestrafungsaktionen: «Spiritueller Führer» schweigt

In einer esoterisch-spirituellen Gemeinschaft soll es zu brutalen und erniedrigenden Bestrafungsaktionen gekommen sein. Jetzt steht der mutmaßliche Anführer der Gruppe vor Gericht.

dpa

Eine Statue der Justitia hält eine Waage in ihrer Hand. Foto: David-Wolfgang Ebener

Duisburg (dpa/lnw) - Die Anklage liest sich fast wie ein Folterbericht. Jahrelang soll ein «spiritueller Führer» Mitglieder einer esoterischen Gemeinschaft brutal misshandelt und erniedrigt haben. Seit Dienstag steht er in Duisburg vor Gericht - und will vorerst schweigen.

Es war im August 2020, als die Vorwürfe bekannt wurden. Bei der Polizei waren mehrere Anzeigen eingegangen, kurz darauf wurde der 58-jährige Niederländer festgenommen. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft.

Was ihm vorgeworfen wird, ist erschreckend. Unter dem angeblichen Vorwand, therapeutische Ziele zu verfolgen, sollen vor allem Männer sexuell missbraucht und vergewaltigt worden sein. Auch von absichtlichen Verbrennungen mit einem Bunsenbrenner, Stockschlägen und Bestrafungsaktionen mit Fäkalien ist in der Anklage die Rede.

Ein weiterer Vorwurf lautet Freiheitsberaubung. Fünf Tage lang sollen Mitglieder im niederrheinischen Wesel bei Eiseskälte in ein Gartenhaus gesperrt worden sein. Sanitäre Einrichtungen gab es laut Anklage nicht. Die Notdurft habe in Eimern verrichtet werden müssen.

Gleich mehrfach taucht in der Anklage das Wort «Todesangst» auf. Die mutmaßlichen Opfer hätten die Misshandlungen und sexuellen Übergriffe nur über sich ergehen lassen, weil sie sich vor weiteren, noch schlimmeren Taten gefürchtet hätten.

Anwältin Alice Scaglione, die im Prozess am Duisburger Landgericht ein 34-jähriges Ex-Mitglied der Gemeinschaft vertritt, sprach am Rande des Verfahrens von einem «extremen Druck», der von dem Angeklagten ausgegangen sei.

Der 58-Jährige hatte mit seinen Anhängern zuletzt ein Ausflugslokal im niederrheinischen Wesel geführt. Einige der mutmaßlichen Opfer sollen im selben Haus gewohnt haben.

Ein externer Koch, der dort angestellt war, aber nicht zur Gemeinschaft gehörte, berichtete im Zeugenstand von Wutattacken und Demütigungen. «Ein Kollege musste einen ganzen Eimer Salatdressing trinken, weil es dem Angeklagten nicht geschmeckt hat», sagte er den Richtern. Einem anderen seien Teller vor die Füße geworfen worden, mit der Aufforderung alles sauberzumachen und die Teller zu bezahlen.

Die sexuellen Übergriffe sollen unter anderem bei sogenannten Männer-Seminaren passiert sein, die der 58-Jährige ausgerichtet haben soll. Ziel der Gemeinschaft soll es gewesen sein, Menschen bei der Bewältigung von Lebenskrisen zu unterstützen.

Die Anklage lautet auf Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Vergewaltigung. Mit einem Urteil ist voraussichtlich im Mai zu rechnen.

© dpa-infocom, dpa:210426-99-361534/3

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