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Ungewöhnliche Adresse

Wohnen „An der Mettwurst“

Steinfurt

Deutschlandweit hat es die Mettwurst nur ein einziges Mal in einen Straßennamen geschafft: im Steinfurter Stadtteil Borghorst. Wie es dazu gekommen ist, kann selbst die Stadt Steinfurt nicht genau sagen. Aber es gibt eine Vermutung.

Stefan Werding

Diese Menschen haben eines gemeinsam: Sie wohnen „An der Mettwurst“ im Steinfurter Stadtteil Borghorst – und müssen sich immer wieder Witze über Würstchen anhören. Foto: Gunnar A. Pier

Wer „An der Mettwurst“ wohnt, ist Kummer gewohnt. „Wir müssen uns viel anhören“, sagt Dieter Bock. Beim Corona-Testen, beim Ausfüllen von Formularen zur Nachverfolgung oder beim Arzttermin bietet die Adresse regelmäßig Anlass für Lacher oder neugierige Nachfragen. Manche finden den Namen so ungewöhnlich, dass sie sich gleich auf den Arm genommen fühlen. Margret Schröer, deren Haus am Anfang der Straße liegt, berichtet von Radlern, die lachend Fotos von dem Straßenschild schießen. Einmal hat eine Truppe junger Männer unter dem Schild Tische und Stühle aufgebaut, um dort was zu frühstücken? Na klar: Mettwürstchen.

Die Mettwurst hat – wie jede Wurst – zwei Enden. An einem wohnt Margret Schröer, am anderen liegt der Tennisplatz. Dazwischen neun Häuser mit 22 Bewohnern. Die höchste Hausnummer ist die 11.

Straßenname bleibt ein Rätsel

Was die Herren des Rates der Stadt Borghorst in den 50er Jahren geritten hat, eine Straße „An der Mettwurst“ zu nennen, ist rätselhaft. Mehrere Nachfragen bei der Stadt und im Archiv dort bleiben ergebnislos. Die Unterlagen sind verschollen. Der Straßenname tauche 1957 erstmals in einer Akte auf, sagt Wilfried Werning aus dem Stadtplanungsamt. Damals habe die Stadt das Aufstellen einer Straßenlaterne regeln müssen. „Aufzeichnungen, wie es zu dem Namen gekommen ist, existieren leider nicht“, erklärt Werning. Aus den Jahren gebe es so gut wie keine Aufzeichnungen.

Bernd Stelter

Die schlüssigste Erklärung geht auf Unterlagen des Heimatforschers Bernhard Frahling zurück. Der weiß von einer „Schmuddel-Kuhle“, also einem kleinen Teich voller Morast in etwa einem Kilometer Entfernung von der Mettwurst. Auf dem Pfad durch diese „Mess“ kam niemand durch, ohne nasse und dreckige Füße zu bekommen, oder auf Platt „messnatt“ zu werden. Die Stelle lag in einem Flurstück mit dem Namen „Wurt“, der eine feuchte Wiese meint und noch in Borghorster Straßennamen wie „Up de Woort“ oder „Woortstraße“ auftaucht. So bekam der Ort den Namen „Mess-Wuort“. Der Pfad zu diesem Tümpel, der an der Stelle der heutigen „Mettwurst“ in einer Wallhecke begonnen haben soll, sei vermutlich erst zu einem Treffpunkt und später verballhornt worden, sagt Alfred Heptner, Vorsitzender des Heimatvereins. Aus Mess-Wuort wurde Mettwurst.

Bernd Stelter brachte die Straße ins Fernsehen

Damit fingen die Witze über die Straße an. Dieter Bock, selbst jahrelang Vorsitzender des Tennisclubs Blau Weiß Borghorst, erinnert sich an ein geplantes Turnier mit einem Verein aus dem Sauerland oder Siegerland, dem es aber nur um die Wurst ging: Der hatte sich extra wegen der Adresse nach Borghorst eingeladen. Die Gastgeber spielten mit, bereiteten ein Frühstücksbuffet vor allem mit Mettwurst vor, um dann festzustellen, dass die vermeintlichen Gäste zu Hause geblieben sind. „Das war ganz blöde“, sagt Bock heute. „Erst waren wir sehr ärgerlich, dann haben wir noch alle unsere Klubmitglieder zum spontanen Essen eingeladen.“

Bernd Stelter kommt heute noch nicht aus dem Lachen heraus, wenn er an die Sendung „7 Tage – 7 Köpfe“ mit Rudi Carell am 31. Oktober 2003 denkt. Damals witzelten seine Kollegen über die „Pannemannstraße“ in Bocholt und die „Windelei“ in Bielefeld. Stelters Text lautete: „Ich bin ein Typ für Metropolen, ich muss nach Steinfurt an die Mettwurst“. Auf die Idee mit der Straße gebracht hat ihn sein Kollege Martin Bussmann, selbst Borghorster, der in seiner Freizeit Witze für Stelter schreibt. Und beim NRW-Duell zehn Jahre später, als er nach besonders leckeren Straßen befragt wurde, habe der Komiker seine Kenntnisse noch mal verwursten können.

Wenn der „Papa in der Mettwurst“ ist

Nur logisch: Eine Kneipe an der Mettwurst hieß „Zur Mettwurst“

Wer über solche Gags lacht, kommt nicht aus Borghorst, sagt Margret Schröer. Sie wohnt in der Hausnummer 1. Dort diente die Kneipe „Zur Mettwurst“ den Nachbarn jahrelang als Treffpunkt. Wenn Kinder berichteten, dass der „Papa in der Mettwurst“ ist, war das erst mal kein Grund zur Sorge. Obwohl die Gefahr bestand, dass er am nächsten Tag – nun ja – in der Wurst war.

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