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Everswinkelerin Claudia Schirdewan veröffentlicht zweiten historischen Roman

Raus aufs Meer in rauer Zeit

Everswinkel

Mit „Die Geliebte des Nachtwächters“ hatte sie sich genau vor einem Jahr den Traum vom ersten eigenen Buch erfüllt. Jetzt liegt schon das Nachfolgewerk vor. Die Everswinkelerin Claudia Schirdewan hat erneut einen historischen Roman veröffentlicht. Wieder ist die Geschichte in der Mitte des 17. Jahrhunderts angesiedelt, aber diesmal geht es an die See nach Borkum, und den Rahmen bildet die aufkommende Walfängerzeit. Eine spannende Zeitreise.

Klaus Meyer

Claudia Schirdewan mit den ersten gedruckten Exemplaren ihres neuen Romans „Die Walfängerin von Borkum“ in „Julchens Bücherecke“ im Geschäft Föllen. Die WN verlosen drei signierte Exemplare. Foto: Klaus Meyer

„Die Leute drängten sich um ihn, schlugen ihm auf die Schultern, voller Vorfreude, weil das Eis das Meer endlich freigab. Die Insulaner hatten selten Grund zur Ausgelassenheit, aber heute war für sie alle ein besonderer Tag. Einer der Ihren war Commandeur geworden, würde einen Walfänger ins Eis führen und reiche Beute nach Hause bringen. Sie waren so stolz auf Joris, dass sie zur Feier seiner bestandenen Ausbildung ein richtiges Fest auf die Beine gestellt hatten. Der Wirt hatte ein paar Fässer auf den Kirchplatz geschafft und schenkte aus, während Jan Klaas, der Bäcker, frische Kringel feilbot. Der alte Piet hatt gar seine Flöte mitgebracht und spielte einen Reigen. Einige Frauen klatschten im Takt der Musik und wiegten sich in den Hüften. Fenja schluckte schwer. Ihr war nicht nach Tanz und Gesang zumute . . .“ Der Beginn einer Geschichte mit dramatischem Verlauf. Wieder spielt sie zur Mitte des 17. Jahrhunderts, wieder geht es um große Gefühle und Gefahren – aber diesmal nicht im münsterländisch-niedersächsischen Grenzgebiet Schüttorf, sondern an der Nordsee. Auf Borkum. Statt des Dreißigjährigen Krieges bildet das aufkommende Walfanggeschäft den historischen Rahmen. Claudia Schirdewan hat ihren zweiten Roman veröffentlicht.

Claudia Schirdewan

Mit „Die Geliebte des Nachtwächters“ hatte sie sich genau vor einem Jahr den Traum vom ersten eigenen Buch erfüllt. Jetzt liegt schon das Nachfolgewerk vor: „Die Walfängerin von Borkum“. Wieder bei Bastei Lübbe, weil nach dem ersten Roman schnell klar gewesen sei, „dass von beiden Seiten Interesse an einer weiteren Zusammenarbeit bestand, so dass ich auch gar nicht an einen Verlagswechsel gedacht habe“.

Ein Jahr Entstehungszeit für einen Roman sei ein „ziemlich üblicher Turnus“, erzählt sie im WN-Gespräch. Schon kurz nach Erscheinen ihres Erstlingswerk habe sie sich an die Arbeit gemacht. „Es gab Wochen, in denen ich sehr viel geschrieben habe, aber auch immer mal wieder längere Pausen – zum Beispiel natürlich rund um die Geburt meines Sohnes im letzten Sommer“, nach der achtjährigen Tochter das zweite Kind. Die Ansiedelung der neuen Geschichte in der gleichen Zeitepoche, „eine Zeit der Umbrüche und Unwägbarkeiten“ mit vielen Erzählmöglichkeiten, ist kein Zufall, aber dennoch zweitrangig für die Everswinkelerin. „Das Thema hatte Vorrang vor der Epoche.“

Und das ist bei der Autorin, die hauptberuflich Verwaltungsleiterin bei einem mittelständischen Unternehmen in Münster ist, „über einen längeren Zeitraum gereift“. Borkum war ohnehin schon für die Familie seit Jahren ein beliebtes Reiseziel – auch zu weniger frequentierten Jahreszeiten, „wenn man auch mal bei Wind und Wetter einen annähernd einsamen Strandspaziergang unternehmen kann“. Durch ihre Besuche auf der Insel hat sich Claudia Schirdewan auch mit deren bewegter Geschichte beschäftigt. „Dabei stößt man natürlich schnell auf den Walfang, der Borkum seinerzeit zu einem gewissen Wohlstand verholfen hat. Dieser Grundgedanke hat sich dann irgendwann festgesetzt.“

Claudia Schirdewan

Walfang gibt es auch heute noch. Japan und Island betreiben ihn angeblich zu „wissenschaftlichen Zwecken“, Norwegen räumt offen seine kommerziellen Interessen ein. Der Walfang des 17., 18. und 19. Jahrhunderts war ein anderer. Kein maschinierter Beutezug, sondern harte und gefahrvolle Arbeit sturmerprobter Männer in den Weiten des Atlantiks – ohne die Garantie der Rückkehr. Herman Melville setzte dem mit seinem Roman „Moby Dick“ ein schriftstellerisches Denkmal. Über 100 Borkumer Männer heuerten beispielsweise im 18. Jahrhundert als Commandeure auf Emder, Hamburger und holländischen Walfangschiffen an und segelten ins Nordmeer, wie der Borkumer Gregor Ulsamer recherchierte und daraufhin zwischen hunderttausenden von Akten jene Akten-Bündel mit den Originaldokumenten aus der Borkumer Walfangzeit aufspürte und aufbereitete. Auch Claudia Schirdewan konnte sich diesem Kapitel friesischer und Borkumer Geschichte nicht entziehen. „Ich war schnell fasziniert von den Berichten und Reportagen, die ich gelesen habe. Ich habe mich gefragt, wie die Leute damals eine solche Reise erlebt haben, welche Ängste und Sorgen, aber auch welche Hoffnungen für sie ein Antrieb gewesen sind.“

Die Karte zeigt den besiedelten Kern des Westlandes von Borkum Mitte des 18. Jahrhunderts. Claudia Schirdewans Geschichte spielt sich rund 100 Jahre früher ab. Foto: Archiv

Insbesondere für die Autorin eines historischen Romans gilt es sorgfältig zu recherchieren. Der Rahmen muss stimmen. Wie lief der Walfang ab, wie waren die Schiffe ausgerüstet, welche Waffen kamen zum Einsatz, wie waren die Walfänger ausgebildet? „Auf der anderen Seite wollte ich natürlich auch das frühere Borkum realistisch darstellen – welche Strukturen gab es auf der Insel, wie lebten die Menschen?“

War im ersten Roman „Martha“, Tochter des Schüttorfer Bürgermeisters, aus gut situiertem Hause und behütet aufgewachsen, die Hauptakteurin der Geschichte, ist es jetzt die junge Fenja aus ärmlichen Verhältnissen, auf deren Schultern reichlich Verantwortung lastet. „Fenja wird weit mehr als Martha von äußeren Umständen – und vor allem auch durch die lange Seereise ihres Verlobten – dazu gezwungen, sich zu behaupten“, beschreibt Schirdewan den Unterschied der beiden Protagonistinnen.

Im Gegensatz zum Debüt-Roman, für den es „viel schönes Feedback“ gegeben habe, erscheint „Die Walfängerin von Borkum“ nicht allein als E-Book, sondern auch als Taschenbuch. Und das trotz Corona-Krise mit Lockdowns und Problemen für den stationären Buchhandel. „Es ist schwieriger, eine Printausgabe erfolgreich zu vermarkten, wenn die Leute nicht die Möglichkeit haben, das Buch beim gemütlichen Stöbern in den Läden einfach zu entdecken – zumindest, wenn der Autor ein Newcomer ist. Ich denke, ich hatte viel Glück, weil das Thema Walfang bei Bastei Lübbe direkt auf Interesse stieß und weil ,Die Geliebte des Nachtwächters‘ gut angelaufen ist.“

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