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Grünes Klassenzimmer im Wasser

Weltentrückter Werse-Walk

Ahlen

Mit Gummistiefeln durch den Biounterricht: Am Rande des Ahlener Stadtparks empfiehlt sich die renaturierte Werse schon jetzt als grünes Klassenzimmer, obwohl beide noch Baustelle sind. Schüler des Städtischen Gymnasiums zeigen, was es beim Werse-Walk zu entdecken gibt...

Ulrich Gösmann

Naturerlebnis im Werselauf. Anne Billebaut hat‘s mit ihrem Kurs nicht weit. Bis zum Städtischen Gymnasium sind‘s nur ein paar Minuten zu Fuß. Foto: Ulrich Gösmann

Geht mehr Bio im Unterricht? Wenn der Wersematsch unter den Stiefelsohlen rutscht, der Egelschleim zwischen den Fingern klebt, dann wird Gewässer-Ökologie zum Erlebnis. Pennäler des Städtischen Gymnasiums legen vor. Andere sollen folgen. Ins grüne Klassenzimmer am Rande des Stadtparks, der zunächst noch Großbaustelle ist, abseits aber schon jetzt zu spannenden Exkursionen verleitet.

Jörg Pieconkowski, Gruppenleiter Grünflächen bei den Ahlener Umweltbetrieben, reißen die Bilder, die Anna Billebaut mit ihrem Bio-Chemie-Kurs liefert, aus aller Theorie: „Das ist genau das, was wir beabsichtigen.“ Zufall, dass das Städtische und die Stadt am Rande des Stadtparks zeitgleich aufeinandertreffen. Die einen wollen experimentieren, die anderen renaturieren.

„Perfekt für uns“, ruft Anne Billebaut vom anderen Ufer rüber. Die letzten Monate seien sehr theorielastig gewesen. Jetzt werde die Praxis nur wenige hundert Meter vom Kursraum entfernt im Werse-Wasser zum Liveerlebnis. Und in den nächsten Wochen noch besser, wenn sich die Natur Schritt für Schritt weiterentwickle.

Zum Jahresende 2020 war der Flusslauf in Parkhöhe aus seinem starren Korsett geholt worden. Viel dichtes Grün verschwand, um Durchblicke zu ermöglichen und neues Leben zuzulassen. Zwischen trostlosem Matsch meldet sich jetzt auch die Natur zurück. Anne Billebaut schärft die Blicke für die Erstvegetation auf weiter Schlammlingsflur. Schüler nehmen für die Bestandsaufnahme an ihrem genau festgelegten Fixpunkt Maß. Protokollieren 27 Zentimeter Tiefe, 8,60 Meter Breite und 14,1 Grad Temperatur. Wie werden die Werte in wenigen Wochen und Monaten sein, wenn Regen ausbleibt, Wasser fehlt, Dürre hochsommerliche Trostlosigkeit produziert?

Bachflusskrebse und auch Muscheln

Würmer, Flusskrebse, Schnecken und auch zwei Muscheln schaffen es bei der ersten Expedition vor die iPads, werden dokumentiert und fotografiert. Die Fachpädagogin freut sich schon auf die Parkfreigabe im nächsten Frühjahr. Das schwere Gestein, das in Ufernähe ein naturnahes Atrium formt, em­pfiehlt sich schon jetzt als Mobiliar, auf dem dann praktischer Unterricht stattfindet.

Jörg Pieconkowski

Während Schülerinnen und Schüler durch den Werselauf walken, in­struiert Jörg Pieconkowski seine Auszubildenden. Ihr Einsatzort ist in den nächsten Tagen die Uferböschung, die zunächst beidseitig grundgeglättet, dann eingesät wird. Mit einer Feuchtwiesenmischung, die Kräuter und Sumpfpflanzen ans Wasser bringt. „Damit uns da nicht nur Brennnesseln hochkommen“, wie der Grünflächenchef schmunzelnd anmerkt. Ist die Arbeit getan, ist sie auf Dauer erledigt. Alles Weitere werde dann in den Händen der Natur liegen. Die zeigt im Stadtpark schon jetzt Fortschritte. Gerade erst eingesät, sprießen auf 16 000 Quadratmetern Fläche zarte Grashalme aus dem Boden. Der Mairegen hilft ihnen auf die Sprünge.

Im Spätsommer soll es mit den Bauarbeiten weitergehen, im Winter mit dem Anpflanzen. 100 000 Euro stehen allein für neues Grün bereit. Jörg Pieconkowski kündigt 45 Solitärbäume an, darunter botanische Raritäten. Und: 4500 Sträucher. Bis zur Freigabe im Frühjahr 2022 soll alles an seinem Platz sein. Selbstredend auch der Abenteuerspielplatz mit seinen abenteuerlichen Riesenameisen.

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