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Brandstifter-Serie in den 1960er-Jahren

„Zwacki“ unter Verdacht

Ochtrup

Vor mehr als 50 Jahren trieb ein Feuerteufel in Ochtrup sein Unwesen. Die Bevölkerung verdächtigte Josef L., der unter dem Spitznamen „Zwacki“ stadtbekannt war. Nach seiner Festnahme hörten die Brände auf. Vor Gericht wurde er allerdings freigesprochen. Betroffene von damals erzählen, wie es war, als „Zwacki“ in der Töpferstadt gefürchtet wurde..

Anne Steven

Der Hof Wessendorf-Bredstege wurde Anfang August 1967 ein Raub der Flammen. Die Feuerwehr konnte ein Übergreifen des Feuers von der Scheune auf das Wohnhaus nicht verhindern. Foto: Stadtarchiv Ochtrup

Eine Jeanshose, ein Hemd und ein Parker waren das Einzige, was Reinhold Wessendorf im August 1967 aus seinem brennenden Elternhaus retten konnte. Der Bauernhof samt Scheune und Stall brannte damals vollständig nieder. Die Ursache: Brandstiftung.

Der damals 17-Jährige erinnert sich auch heute, immerhin über 50 Jahre später, noch sehr genau an die Geschehnisse. Es war Anfang August, auf dem Hof war die Ernte eingefahren worden. Die Scheune war proppevoll mit Strohballen. Ein Wagen voller Stroh passte zwar noch in die Scheune, allerdings ging die Tür nicht mehr zu, die Deichsel war im Weg. Auch auf dem Hof, erinnert sich Wessendorf, standen zwei bis drei Wagen, hoch beladen mit Stroh. Den Anfang habe das Feuer aber wohl in der Scheune genommen. „Die Ballen waren damals sehr viel lockerer gepresst als heute“, berichtet der Ochtruper. „Das brannte wie Zunder.“

Ein Passant bemerkt den Feuerschein

Den Feuerschein bemerkte ein Passant, der auf der Straße unterwegs war. „Der hat lautstark Alarm geschlagen“, erzählt Reinhold Wessendorf. Der junge Mann fuhr damals aus dem Tiefschlag hoch, noch auf der Treppe schlüpfte er in die Hosen. Draußen musste die Familie feststellen, dass die Scheune lichterloh brannte und auch auf die Wagen war das Feuer bereits übergesprungen. In der Scheune habe es damals noch eine Wohnung gegeben, die ursprünglich als Unterkunft für Flüchtlinge eingerichtet worden war. Diese Wohnung war 1967 an eine Familie mit mehreren kleinen Kindern vermietet. Doch auch sie konnte das Gebäude rechtzeitig verlassen.

Als die Feuerwehr auf dem Hof eintraf, habe man gemeinsam noch versucht, den Wagen zwischen Wohnhaus und Scheune wegzuziehen. Doch die Hitze sei einfach zu groß gewesen, erinnert sich Reinhold Wessendorf.

Funkenflug

Der Funkenflug setzte irgendwann auch den Stall und damit das Hauptgebäude in Brand. Nur einige wenige Möbelstücke der Familie überstanden den Brand. „Mein Bruder hat gemeinsam mit jemand anderem eine schwere Truhe aus dem Haus getragen“, berichtet Reinhold Wessendorf. Die beiden entwickelten in dieser Situation offenbar fast übermenschliche Kräfte. Denn das Möbelstück konnte später nur mit vier Personen fortgeschafft werden.

Die Familie verlor bei diesem Brand und innerhalb einer Nacht alles. Auch ein Großteil der Tiere verendete. Reinhold Wessendorf, seine Eltern und die beiden Brüder kamen vorerst bei Verwandten unter, später zogen die drei Jungen in einen provisorischen Bauwagen auf dem Betriebsgelände. „Es musste schließlich jemand da sein, auch wenn alles abgebrannt war“, war es für den Ochtruper selbstverständlich.

Im Nachgang zum Brand auf dem Hof Wessendorf-Bredstege habe sich in der Weiner eine Bürgerwehr gegründet. Denn die Menschen in Ochtrup seien sich damals sicher gewesen, dass nur Josef L., damals bekannt als „Zwacki“, die Brände gelegt haben konnte. Reinhold Wessendorf berichtet, dass der arbeitslose Melker zwischenzeitlich im Straßenbau in der Weiner tätig war und so unter anderem mit seinem Vater Alois Wessendorf ins Gespräch kam. „Er wollte in einen alten Kotten, der zu unserem Hof gehörte, einziehen“, erinnert sich Reinhold Wessendorf. Doch sein Vater habe gesagt, das Gebäude sei nicht bewohnbar. Nur wenig später fand er seinen Ford Taunus, der immer in einer Scheune parkte, mit vier zerstochenen Reifen vor. „Das war ‚Zwacki’“, ist sich Reinhold Wessendorf sicher. Doch da müsse noch etwas anderes gewesen sein, dass den Mann damals bewegt habe, den Hof Wessendorf-Bredstege anzuzünden.

Bürgerwehr beschattet den Feuerteufel

Die Bürgerwehr beschattete „Zwacki“ mit System und in Abstimmung mit der Polizei. Jemand hielt vor dem Haus des vermeintlichen Feuerteufels Wache und löste, falls dieser des Nachts ausrückte, per Telefon ein Schneeballprinzip aus, so dass zügig die gesamte Bürgerwehr auf den Beinen war. Nicht immer, wenn „Zwacki“ unterwegs war, brannte es auch. Schlussendlich sei der vermeintliche Feuerteufel zwar geschnappt worden, doch die Taten waren ihm nicht nachzuweisen. Reinhold Wessendorf hat diese unruhige Zeit geprägt, wie er sagt: „Mein Sicherheitsbewusstsein wurde geschärft.“

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