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Das Stromgeschäft der Stadtwerke Lengerich

Im Netz wird es immer komplexer

Lengerich

Vor gut 100 Jahren hielt die Elektrizität Einzug in der Stadt. Der erste Strom kam wohl aus dem Kohlekraftwerk in Ibbenbüren, das die Nike im Jahr 1912 in Betrieb genommen hat. Inzwischen sind die Stadtwerke federführend. 212,2 Gigawattstunden fließen jährlich durch deren Netz, davon sind etwa 35 Gigawattstunden Öko-Strom. Der, so der kommunale Energieversorger, sei immer stärker gefragt.

Paul Meyer zu Brickwedde

Das Stromgeschäft der Stadtwerke Lengerich hat sich in den vergangenen Jahren erheblich gewandelt. Das hat viel mit der Energiewende zu tun, damit, dass es immer mehr kleine Produzenten gibt und auch damit, dass vor allem in Privathaushalten Strom eingespart wird. Foto: Stadtwerke Lengerich

Ein neuer Tag beginnt. Die Rollläden im Schlafzimmer werden hochgefahren, dann im Bad nebenan die Zähne mit der elektrische Zahnbürste geputzt, nach der heißen Dusche sorgt der Föhn für trockene Haare. Kurz darauf geht es in der Küche weiter. Der Kaffee läuft durch, im Kühlschrank stehen Käse, Wurst, Milch, Obst und Joghurt für das Frühstück parat, Eier werden gekocht, Brot getoastet, nebenbei auf dem Smartphone nach neuen Nachrichten geschaut. Im Hintergrund liefert das Radio den richtigen Sound für den Morgen. Und im Technikraum registriert all das der Stromzähler, er läuft und läuft und läuft.

Wir haben uns so sehr an den „Saft“ aus der Steckdose gewöhnt, dass sich kaum noch jemand Gedanken über die dafür notwendige Infrastruktur macht. Doch wenn man das tut, wird deutlich: Das Geschäft ist eine durchaus komplexe Sache. Vor Ort sind es die Stadtwerke Lengerich, die die meisten Bürger versorgen. Auf Anfrage der WN gewährt der kommunale Energieversorger Einblicke und liefert Zahlen.

Während der Erste Weltkrieg tobte, kam der Strom nach Lengerich. 1915 sorgte die Nike (Niedersächsische Kraftwerk AG) aus Osnabrück für diesen Meilenstein. Deren Netz übernahm 1923 die Gasanstalt zu Lengerich, ein Vorläufer der Stadtwerke. Gewonnen wurde die Energie damals vorwiegend aus Kohlekraftwerken. „Da die Niedersächsische Kraftwerke AG im Jahr 1912 in Ibbenbüren ein Steinkohlekraftwerk baute, gehen wir davon aus, dass auch Lengerich und die Umgebung durch den dort gewonnenen Strom versorgt wurden“, heißt es seitens der SWL zur Historie.

Gut 100 Jahre später spielt Kohle immer noch eine Rolle. Die Stadtwerke sind eigenen Angaben zufolge in Lünen an einem der modernsten und effizientesten Steinkohlekraftwerke Europas beteiligt. Doch es ist nur einer von einer ganzen Reihe von Produktionsbausteinen. On- und Offshore-Windparks – also Windräder an Land und auf dem Meer – sind im Pool ebenso vertreten wie das Investment in das Gas- und Dampfturbinenkraftwerk in Hamm-Uentrop. Vieles läuft über Trianel, einen Verbund von Stadtwerken. Das ist auch bei der Photovoltaik so. Aber gerade in diesem Segment sind die SWL auch eigenständig vor Ort tätig. Unter anderem sollen noch in diesem Jahr die Dachflächen am Unternehmenssitz an der Mühlenbreede mit PV-Anlagen ausgestattet werden.

Die Energiewende ist also voll im Gange. Doch wie „grün“ ist der Strom inzwischen? Pro Jahr, so die Stadtwerke Lengerich, fließen 212,2 Gigawattstunden durch das Netz in Lengerich, Ladbergen, Lienen, Saerbeck und Tecklenburg, das sind 212,2 Millionen Kilowattstunden. Rund 35 Gigawattstunden sind Öko-Strom, so die Auskunft des kommunalen Energieversorgers. Das seien circa 40 Prozent des Bedarfs der Privatkunden. „Durch weitere Investitionen in Freiflächen-PV und Windparks wird diese Quote in den kommenden drei Jahren auf über 100 Prozent ansteigen.“ Parallel steige aber auch die Nachfrage nach der nachhaltig produzierten Energie, und das, sagen die SWL, „deutlich“. Sie verweisen auf ihr Produkt „Landstrom“. Der werde in der Region erzeugt. „Aktuell beispielsweise aus der Biogasanlage in Tecklenburg-Ledde oder der Holzpelletanlage in Ladbergen.“

Die von den SWL insgesamt produzierte Strommenge beträgt rund 156 Gigawattstunden, reicht also nicht komplett aus, um den Bedarf der Kunden zu decken. Die Lücke, erklärt das Unternehmen, werde über Liefervereinbarungen und den Einkauf an der Strombörse EXX geschlossen. Bemerkenswert: Allein der größte Abnehmer benötigt 53 Millionen Kilowattstunden pro Jahr, also rund ein Drittel der von den Stadtwerken erzeugten Strommenge. Auf Industrie und Gewerbe entfallen insgesamt 123,6 Gigawattstunden, auf die privaten Haushalte 88,6 Gigawattstunden.

Der Stromverbrauch ist indes in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Eine Entwicklung, die in Deutschland seit 2008 zu beobachten sei, berichten die Stadtwerke. Zuvor habe es ein kontinuierliches Wachstum gegeben. „Seitdem ist er jedoch im Gegensatz zum weltweiten Stromverbrauch rückläufig und um circa acht Prozent gesunken. Im gleichen Zeitraum ist auch der Verbrauch bei Privathaushalten um etwa zehn Prozent zurückgegangen. Ursächlich hierfür ist zum einen der Gebrauch deutlich effizienterer Haushalts- und Elektrogeräte und zum anderen ein stärkeres Bewusstsein für die Themen Energie- und Ressourcenschonung sowie Umweltschutz und Nachhaltigkeit.“

Im circa 1600 Kilometer langen Netz geht es für die Stadtwerke aber nicht nur darum, den Strom zu den Abnehmern zu bringen. Es gibt auch zahlreiche Produzenten, die einspeisen. Dazu gehören etwa 1700 PV-Anlagen-Eigentümer, die jährlich etwa 22,9 Gigawattstunden liefern, Biogasanlagenbetreiber – allein elf große sorgen für 78 Gigawattstunden Strom – und Windparks mit 9,5 Gigawattstunden. Für die Zukunft rechnen die Stadtwerke zudem damit, dass unter den Privathaushalten der Anteil der Selbstversorger steigen und es immer passgenauere Lösungen wird, um die individuellen Strombedarfe zu decken. Vor allem der wachsende Anteil an Elektroautos führe wieder zu einem tendenziell steigenden Strombedarf.

Diese Veränderungen haben Konsequenzen. War das Netz zunächst allein auf die Abnahmelast ausgelegt, passiert das seit einigen Jahren nach angeschlossener Erzeugungslast. Damit alles wie gewünscht läuft, überwachen die SWL bestimmte Stationen im Netz. Die gewonnenen technischen Daten werden an ein sogenanntes Netzleitsystem übermittelt. „Bei Störungen im Netz wird das Fachpersonal umgehend darüber informiert. So gelingt es uns, bei Störungen in kürzester Zeit tätig zu werden.“ Die Verantwortlichen des Kommunalunternehmens sagen, dass die Netze an sich nicht komplizierter geworden seien, dafür aber deren Steuerung „anspruchsvoller, da zum einen durch die dezentrale Energiegewinnung beispielsweise durch PV-Anlagen und/oder Windkraftanlagen an vielen Stellen Strom ins Netz eingespeist wird und transportiert werden muss und zum anderen die Einspeisemenge nicht konstant ist, sondern abhängig vom Wetter stark schwankt“. Doch auch dafür gebe es Lösungen, sodass die Versorgung sicher und zuverlässig sei.

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