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Wie Flüchtlinge und Flüchtlingsbetreuerinnen die Corona-Pandemie bewältigen

Die Integration wird ausgebremst

Lengerich

Seit fünf Jahren ist die Teestube „Weltweit“ in der der Bahnhofstraße Anlaufstelle für Migranten. Doch Corona hat die Integrationsbemühungen massiv erschwert. In den Räumen herrscht weitgehend Stille. Dabei lebt eine erfolgreiche Flüchtlingsarbeit von viele gemeinsamen Aktionen und Angeboten.

Paul Meyer zu Brickwedde

Die Teestube Weltweit an der Bahnhofstraße ist seit rund fünf Jahren das Zentrum für die Betreuung von Flüchtlingen in Lengerich. Doch während der Corona-Pandemie steht auch dort das Leben weitgehend still. Foto: Paul Meyer zu Brickwedde

Wie heißt es auf der Internetseite des Bundesinnenministeriums über das Thema Integration: „Voraussetzung dafür ist, dass die Menschen, die mit einer dauerhaften Bleibeperspektive zu uns kommen, die deutsche Sprache lernen und sich um Grundkenntnisse unserer Geschichte und unseres Staatsaufbaus bemühen.“ Doch was sollen die Angesprochenen machen, wenn sie lernen wollen, aber nicht können? Eine Frage, mit der seit Beginn der Corona-Pandemie immer wieder auch Birgit Holle und Bärbel Rehder zu tun haben. Sie sind innerhalb der Stadtverwaltung zuständig für die Betreuung von Flüchtlingen in Lengerich. Für sie und vor allem für die Menschen, die aus vielen Staaten der Erde nach Deutschland gekommen sind, sind diese Wochen und Monate eine besonders herausfordernde Zeit.

Bärbel Rehder und Birgit Holle sitzen in der Teestube Weltweit an der Bahnhofstraße. Die vor rund fünf Jahren eröffnete Einrichtung ist so etwas wie das Herz der Flüchtlingsarbeit in Lengerich. Normalerweise. Vor Corona wurde hier gelernt, gemeinsam gekocht, Musik gemacht, Kinderbetreuung angeboten und natürlich immer wieder viel miteinander geredet. Jetzt herrscht in den Räumen weitgehend Stille.

Angesichts erster Lockerungen ist immerhin wieder etwas Leben eingezogen. Dank des DRK-„Brücken“-Projektes, wie die beiden Betreuerinnen erzählen. Das erlaube es, einigen Müttern anzubieten, dass sich dreimal pro Woche Erzieherinnen um ihre Kinder kümmern, sodass sich die Frauen austauschen können oder auch Erledigungen in der Stadt schaffen. „Das kommt gut an“, sagt Birgit Holle.

Rund 150 Flüchtlinge leben ihren Worte zufolge derzeit in Lengerich. Jüngst sei noch eine afghanische Familie aus Griechenland hinzugekommen. Die beiden Frauen schätzen, dass momentan die meisten Menschen aus Iran, Irak und Guinea stammen, nur noch relativ wenige kämen aus Syrien.

Persönliche Kontakte, Sprechstunden oder auch Besuche in den Wohnungen gebe es nach wie vor nicht, erzählen Rehder und Holle. Sehr viel laufe übers Handy, sei es per Telefonat oder auch Sprachnachrichten, oder auch mittels E-Mail. Im Winter habe es an einem Seiteneingang der Stadtverwaltung eine Art „Notsprechstunde“ gegeben. Bei Kälte und Regen sei das „nicht witzig“ gewesen, aber gleichwohl „waren die Ratsuchenden froh, dass ihnen geholfen wurde“.

Besonders stark fehlen die Sprachkurse, betonen die Flüchtlingsbetreuerinnen. Davon seien nicht zuletzt auch jene betroffen, die sich bereits in einer Ausbildung befinden und an den Berufsschulen mit Distanzunterricht konfrontiert worden seien. Da habe es dann nicht nur an Sprachkenntnissen gemangelt, sondern auch an den technischen Voraussetzungen. Bärbel Rehder und Birgit Holle erzählen beispielhaft von einer Frau, die MTA werden will. Sie habe mehr schlecht als recht versucht, an einem Lehrgang über ihr Handy teilzunehmen. Ihr habe man zumindest zeitweise ein Laptop zur Verfügung stellen können.

Doch alles ab- und auffangen könnten sie leider nicht, sagt das Duo von der Stadt. So gebe es unter den Flüchtlinge einige, die ihren Arbeitsplatz während der Pandemie verloren haben, und andere, die inzwischen seit Monaten hier seien, aber keinen Sprachunterricht erhalten. Das in Verbindung mit fehlenden Kontakten und fehlender Tagesstruktur führe bei manchen auch zu psychischen Problemen.

Lobend äußern sich Birgit Holle und Bärbel Rehder übrigens beim Thema Corona-Regeln. Zu Anfang sei das Erklären natürlich mit viel Aufwand verbunden gewesen, so habe es viele Aushänge in vielen Sprachen gegeben. Doch schon bald habe sich die Situation „normalisiert“ und „eingespielt“. Umso größer sei die Enttäuschung und die Verärgerung gewesen, als es nach einem Corona-Ausbruch in einer der städtischen Unterkünfte vor allem über das Internet zu Anfeindungen gekommen sei.

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