1. www.dzonline.de
  2. >
  3. Muensterland
  4. >
  5. Kreis-steinfurt
  6. >
  7. „Korrupte Politik macht alles kaputt“

  8. >

Interview mit Pastor Jyothish Joy zur Lage in Indien

„Korrupte Politik macht alles kaputt“

Ochtrup

Indien ist von COVID-19 besonders stark betroffen, das Gesundheitssystem überlastet. Pastor Jyothish Joy lebt und wirkt seit einigen Jahren in der Pfarrei St. Lambertus. Im WN-Interview führt er die hohen Infektionszahlen in seiner Heimat auf das Versagen der Regierung zurück.

wn

Im Hinduismus ist es Brauch, Verstorbene unter Scheiterhaufen zu verbrennen. Aufgrund der steigenden Infektionszahlen sind landesweit Krematorien und Krankenhäuser überfüllt. Foto: Vijay Pandey

Indien ist von Covid-19 besonders stark betroffen, das indische Gesundheitssystem durch die Pandemie überlastet. Zudem wurden neue, ansteckendere Corona-Varianten festgestellt, weshalb Indien als Gebiet mit besonders hohem Infektionsrisiko (Virusvarianten-Gebiet) eingestuft ist. Pastor Jyothish Joy stammt aus Indien. Er lebt und wirkt seit einigen Jahren in der Kirchengemeinde St. Lambertus in Ochtrup. Mit ihm sprach WN-Mitarbeiterin Rieke Tombült.

Was bekommen Sie von Bekannten über die Situation in Indien mit?

Jyothish Joy: Was wir gerade in den Medien mitbekommen, passiert in Nordindien, in Neu-Delhi, Mumbai, Uttar-Pradesh. Ich komme aus Südindien, dem Bundesstaat Kerala. Wenn wir über Indien reden, kann man das nicht mit einem Land in Europa gleichsetzen, da Indien 1,3 Milliarden Einwohnerinnen und Einwohner hat. Zudem ist es in 29 Bundesstaaten unterteilt. Einige Verwandte von mir waren mit dem Coronavirus infiziert, hatten aber, Gott sei Dank, keine großen Probleme.

Wie ist die Situation in Ihrer Heimat?

Joy: Sie ist alarmierend, aber nicht so schlimm wie beispielsweise in Neu-Delhi. Seit Samstag (8. Mai) gilt in meiner Heimat ein kompletter Lockdown für zehn Tage. Kerala ist besser vorbereitet. Sie haben dort ein gutes Gesundheitssystem und die Menschen verhalten sich bewusster. Das Virus verbreitet sich schneller und es sind viele infiziert und sterben auch daran, aber die Todesrate ist allgemein niedriger als in der ersten Welle. Vorher waren es vier, jetzt sind es zwei Prozent.

Indien hat weltweit die zweitmeisten Corona-Infizierten. Auch die Ausübung religiöser Fest wie hier das rituelle Bad im Ganges anlässlich des Kumbh Mela wird für die hohen Infektionszahlen verantwortlich gemacht. Foto: Karma Sonam

Glauben Sie, dass die indische Regierung Schuld an den hohen Infektionszahlen trägt?

Joy: Die nordindische Regierung hat nicht gut gearbeitet. Im Februar waren die Fallzahlen niedrig und sie haben alle Vorgaben gelockert. Ich würde sagen, der Premierminister und seine Regierung sind für die Situation verantwortlich, weil er das Ritual Kumbh-Mela, in den Ganges zu steigen, nicht verboten und die Wahlen in vielen Staaten nicht verschoben hat. Er gehört einer rechtsextremistischen Hindu-Partei an und wollte die Stimmen der Leute nicht verlieren.Ich habe Bekannte in Neu-Delhi, die auch infiziert waren. Der eine ist Lehrer und von seinen Kollegen sind viele gestorben. Dort sind fast alle infiziert und die Krankenhäuser überfüllt. Die Regierung war darauf nicht vorbereitet. Sie hat dieses Fest erlaubt. Das ist die schlimmste Sache. Außerdem waren Wahlen in ein paar Staaten, die zum Beispiel die Situation in meinem Staat verschlechtert haben. Die Politik in Indien hatte fast ein Jahr zur Vorbereitung, Aber sie haben das nicht genutzt. In meinem Bundesstaat wurde im vergangenen Jahr die Sauerstoffproduktion verdoppelt, weil dort eine Notsituation vorhergesehen wurde.

Wie ist das Gesundheitssystem allgemein in Indien? Hat das Kastensystem der Hindus einen Einfluss darauf?

Die hohen Infektionszahlen in seiner Heimat Indien führt Pastor Jyotish Joy auf das Versagen der Regierung zurück. Foto: Rieke Tombült

Joy: Die 28 Bundesstaaten haben alle einzelne Gesundheitssysteme. In meiner Heimat ist das Gesundheitssystem im Vergleich zu anderen Bundesstaaten in Indien besser. Für Nordindien kann ich das nicht genau sagen. Das wäre so, als würde ich einen Deutschen über das Gesundheitssystem in Italien oder Polen befragen. In den Großstädten merkt man auch keinen Unterschied zwischen den Kasten, eher zwischen arm und reich.

Welche Maßnahmen werden aktuell im Norden von Indien ergriffen?

Joy: Ganz genau weiß ich das nicht. Aber ich glaube, dass sie dort langsam die Situation bewältigen, trotzdem mussten bis jetzt viel zu viele Menschen sterben.

Wie sieht es mit Impfstoffen aus?

Joy: Von der Zahl an geimpften Personen ist es mehr als in Deutschland. Gemessen an der Bevölkerungsgröße sind es aber nur zwei Prozent von 1,3 Milliarden. Indien ist der größte Hersteller von Astrazeneca, was auf der einen Seite gut ist. Auf der anderen Seite hat die Regierung versagt, selbst die Menschen zu impfen. Meine Eltern wurden schon einmal geimpft, aber haben noch keinen Zweittermin bekommen.

Wie geht die indische Bevölkerung mit dem Virus um?

Joy: Meine Vermutung ist, dadurch dass die erste Welle nicht so schlimm war und es danach besser wurde, sind die Menschen leichtfertiger damit umgegangen. Diese Einstellung haben sie leider auch beibehalten, als die dritte Welle kam.

Sehen Sie es in Deutschlands oder Europas Verantwortung, zu helfen?

Joy: Genau, das ist jetzt wichtig. Wenn etwas in dieser Situation nötig ist, dann Sauerstoff.

Was wünschen Sie sich in Zukunft für Indien?

Joy: Aus meiner Sicht ist der Premierminister nicht gut. Er und seine Regierung sind für die Situation verantwortlich, die wir jetzt haben. Er hat mit Politik gespielt. Sein Interesse galt nicht den Menschen. Sie müssen jetzt aber leiden. Statt Sauerstoff zu besorgen, hat er ihn nach Bangladesch verkauft. Seine korrupte Politik macht alles kaputt.

Der Premierminister wurde trotzdem wiedergewählt . . .

Joy: Er wird beim nächsten Mal auch wiedergewählt werden. Das ist der Rechtsextremismus. 80 Prozent der Bevölkerung in Indien sind Hindus und er nutzt diese Religion für seine Politik aus.

Indien

Indien ist geprägt durch eine außerordentlich große Vielfalt religiöser Ansichten, Sprachen – es gibt allein 23 Amtssprachen – und Lebensumstände. Es gilt mit 1,3 Milliarden Einwohnerinnen und Einwohnern verteilt auf 28 Bundesstaaten und acht Unionsterritorien als die bevölkerungsreichste Demokratie der Welt. Hauptstadt ist Neu-Delhi.Seit der Unabhängigkeit von Großbritannien im Jahr 1947 ist der Grundsatz der Gewaltenteilung in Kraft. Indien hat eine lebendige Zivilgesellschaft.Die medizinische Versorgung ist in weiten Landesteilen unzureichend und entspricht meist nicht europäischem Standard. Ein zuverlässig funktionierendes Rettungswesen ist auch in den Städten nicht überall existent. Sprachbarrieren können die Kommunikation erschweren. Die Versorgung mit zuverlässigen Medikamenten ist nicht überall gesichert. Landesweit treten zahlreiche Resistenzen gegenüber häufig eingesetzten Antibiotika auf.Aufgrund der derzeitigen Überlastung des Gesundheitssystems ist der Zugang zu intensivmedizinischer Versorgung sehr stark eingeschränkt. Mit 379 000 Neuinfektionen und 3645 Toten erreichte das Land Ende April neue Höchstwerte. Indien weist nach den USA weltweit die meisten Infektionen seit Beginn der Pandemie auf, die Dunkelziffer ist vermutlich sehr hoch.Viele Krankenhäuser sind hoffnungslos überbelegt.Sauerstoff ist so knapp, dass ein Schwarzmarkt dafür entstanden ist.Patientinnen und Patienten werden in Autos oder auf der Straße behandelt, Krematorien und Friedhöfe können die Toten nicht mehr aufnehmen.Quellen: Auswärtiges Amt und Bundeszentrale für politische Bildung

Startseite