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Dienstag ist Weltmilchtag

Wenn der Milchmann kräftig bimmelt

Greven

Milch wurde früher von 14 Milchbauern mit Anhänger und Pferd in Greven direkt an der Haustür verkauft. Zum Welttag der Milch am kommenden Dienstag ein Blick in die Vergangenheit.

Peter Beckmann

Ein Foto von Milchbauer Franz Bussmann bei der Arbeit mit seinem Pferd Moritz vor dem Verkaufswagen. Er und sein Bruder waren damals als Milchbauer unterwegs. Das Bild entstand an der Johannesstraße / Ecke Friedrichstraße. Foto: Privat

„Eine weiße, trübe Emulsion oder kolloidale Dispersion von Proteinen, Milchzucker und Milchfett in Wasser.“ Bääh, was ist das denn? Nee, mit so einer Beschreibung wäre das beschriebene Getränk vermutlich ein Ladenhüter geworden, obwohl es doch so gesund ist. Denn bei der Beschreibung geht es um Milch. Und die ist immerhin das Getränk Nummer 5 auf der Hitliste der meistverzehrten Getränke in Deutschland. Und: Am 1. Juni ist sogar der Weltmilchtag.

Ok, die Milch, die heute verkauft wird, ist wärmebehandelt. Rohmilch, also quasi Milch direkt aus dem Euter, darf nur noch direkt vom Hof des Erzeugers verkauft werden. Aber auch früher schon wurde die Milch kurz erhitzt, wieder abgekühlt und verkauft. „Früher waren in Greven mehrere Milchbauern mit ihren Pferdegespannen unterwegs, verkauften die Milch aus Kannen in die Behältnisse der Kunden“, erinnert sich Maria Runde vom Heimatverein.

Jeder Haushalt habe damals eine passende Milchkanne gehabt, der Milchbauer kamen jeden Tag etwa zur gleichen Zeit und ließ die Glocke bimmeln. „Denn Kühlschränke gab es damals noch nicht.“ Einige kamen zum „Verkaufswagen“, andere stellten die Milchkanne vor die Tür und legten das Geld dort hinein. „Und so manches mal vergaß der Milchbauer das Geld heraus zu nehmen und musste es mit der Hand aus der Milch heraus fischen“, erzählt Konni Holtmann. Der absolvierte Anfang der 50er-Jahre eine Lehre in der Grevener Molkerei – aber dazu später.

Später, so erinnert Runde sich, wurde die Milch in den kleinen Lebensmittelgeschäften verkauft. Aber auch hier wurde sie in die Milchkannen der Kunden abgefüllt. „Verpackungen so wie heute gab es noch nicht.“

Die Milchbauern holten ihre Milch täglich bei der Grevener Molkerei an der Emsinsel ab. Die Molkerei wiederum wurde von den Bauern der Umgebung beliefert. Dort holten Transporteure die Milch mit Pferdefuhrwerken, später mit Hilfe von Treckern ab. „Die Bauern stellten die Milchkannen in Behälter mit kühlendem Wasser zur Abholung an die Straße“, erinnert sich Runde.

Dann, Ende der 60er-Jahre kamen die größeren Lebensmittelgeschäfte. Die Milch wurde dann in Plastik-Schläuchen verkauft, die oft undicht waren oder rissen. Aber: Über Jahrzehnte war dieser Plastikschlauch eine der Standard-Milchverpackungen in der Supermarktkühlung. Grund für das Verschwinden des Getränkebeutels war dann die Erfindung des Tetra Paks, der in den 90er-Jahren Standard wurde.

Die Milch ist jetzt deutlich länger haltbar und bleibt auch in den Verpackungen ohne auszulaufen. Aber: Es entsteht natürlich auch jede Menge Verpackungsmüll. Denn diese H-Milch-Kartons bestehen aus mehreren Schichten: Plastik, Aluminium, Klebstoff, bedruckter Karton und außen nochmals Plastik.

Doch: Zurück zur Grevener Molkerei. Konni Holtmann absolvierte von 1955 bis 1958 eine Ausbildung zum Molkerei-Gehilfen. „Damals gab es fast in jedem Dorf eine Molkerei, das hing natürlich mit den Entfernungen zusammen“, erzählt er. Er, wie auch die anderen Azubis, arbeiteten und wohnten auch in der Molkerei. „Oben unter dem Dach, die Gauben sieht man heute noch.“ Als Lehrling bekam er 30 Mark im Monat, als Gehilfe waren es 90 Mark. „Und das bei freier Kost und Wohnung“, erinnert sich Holtmann.

In der Molkerei wurde Butter, Sahne, Schichtkäse, Buttermilch und sogar Gouda und Emmentaler hergestellt. Später kam Joghurt hinzu, der dann mit Marmelade zum „Frucht-Joghurt“ veredelt wurde. „Es gab auch einen Verkaufsladen, in dem die Bauern einkauften.“ Outlet nennt man das wohl heute. Der Einkauf wurde dabei mit der Milchlieferung der Bauern gegen gerechnet. Und natürlich wurden auch die kleinen Lebensmittelläden beliefert. „Auf der Emsdettener Straße zum Beispiel gab es damals gleich fünf Stück davon“, erzählt Holtmann. Ein Fahrer der Molkerei fuhr sie alle der Reihe nach an und verkaufte die Milchprodukte. „Kassiert wurde sofort.“

Das Milchgeschäft war früher noch ein Saisongeschäft. „Im Sommer lieferten die Bauern 50 000 Liter Milch pro Tag, im Winter waren es nur 10 000 Liter“, erzählt Holtmann. Der Grund ist klar: Im Sommer konnten sich die Tiere auf der Weide satt fressen, im Winter waren sie im Stall und bekamen nur Magerkost und mussten im Frühjahr sogar auf dem Acker den Pflug ziehen. Und: Natürlich gaben die Tiere damals noch erheblich weniger Milch. „Eine Kuh gab damals im Schnitt 3000 Liter Milch im Jahr, heute sind es reine Milch-Maschinen und geben drei mal so viel und mehr.“

In Greven wurde die Milch von insgesamt 14 Milchbauern zu den Verbrauchern gebracht, jeder hatte ein festes Revier. Einer von ihnen war damals Willi Schulte. „Ich bin 1959 bei meinem Vater angefangen“, erinnert er sich. Ihr Revier lag im Norden der Stadt. „Jeder kannte jeden, das war wie eine Familie und viel viel persönlicher als heute.“ Es klingt schon ein wenig Wehmut durch, wenn er erzählt.

Die Haushalte wurden täglich beliefert, kassiert wurde einmal in der Woche. „Wenn wir wussten, dass es bei dem einen oder anderen knapp war, haben wir auch mal ein Auge zu gedrückt“, erzählt Schulte. Das Geld habe man aber immer bekommen. „Das war damals überhaupt kein Problem.“

1961 wechselten die Schultes auf einen Bulli der Marke Ford. „Aber auch damals haben wir zunächst nur Milch und Buttermilch verkauft. „Im Sommer hatten wir einen Extra-Tank für Buttermilch, das war damals das Erfrischungsgetränk wenn es heiß war.“ 300 bis 400 Liter davon seien teilweise von Vater und Sohn pro Tag verkauft worden.

Mehr und mehr wurde das Sortiment erweitert, kamen Brötchen und andere Lebensmittel dazu. „Milch verkauften wir immer weniger, weil wir bei der Molkerei mehr dafür zahlen mussten, als die aufkommenden großen Lebensmittelgeschäfte, die die Milch im Plastikschlauch und dementsprechend billiger verkauften.“

Und so gab nach und nach ein Milchbauer nach dem anderen auf. Willi Schulte betrieb seinen rollenden Lebensmittelmarkt – zum Schluss belieferte er vor allem die Mitarbeiter von Unternehmen mit Kaffee und belegten Brötchen – noch bis 2010, dann ging er in Rente. Schulte denkt gerne an die Zeit als Milchbauer zurück.

Aber: Auch wenn es die Molkerei in Greven nicht mehr gibt und auch kein Milchbauer mehr durch die Straßen fährt: Milch wird immer noch getrunken, 95 Liter pro Jahr pro Einwohner. Milchprodukte werden vermutlich noch mehr konsumiert. Und das obwohl die Grundlage eine „weiße, trübe Emulsion oder kolloidale Dispersion von Proteinen, Milchzucker und Milchfett in Wasser“ bildet . . .

Siehe auch: „Das trinken die Deutschen“, nebenstehender Infokasten

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