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Alpaka-Schur auf Gut Aldenhövel

Eine Bahn nach der anderen

Lüdinghausen

Einmal im Jahr ist Schertag auf Gut Aldenhövel. Rund 100 Alpakas leben in der Lüdinghauser Bauerschaft und wollen von ihrer Wolle befreit werden. Hektik kommt trotzdem nicht auf.

Stefanie Meier

In langen ruhigen Bahnen führt Adam die Schermaschine über den Körper des Alpakas, damit das wertvolle Bauchvlies möglichst in einem Stück bleibt. Foto: Stefanie Meier

Fegen, fegen, fegen – das ist wohl einer der wichtigsten Jobs an einem Freitag im Mai auf Gut Aldenhövel. In der Lüdinghauser Bauerschaft ist der jährliche Schertag. Gut 100 Alpakas leben auf dem idyllischen Hof und wollen von ihrem dicken Vlies befreit werden. Und damit nichts von der feinen Wolle verloren geht, wird gefegt, was die Besen hergeben.

An den Besen haben sich viele freiwillige Helfer aus der Familie Näsemann, die hier seit 2008 ihre Alpaka-Zucht betreibt, und aus der näheren Umgebung eingefunden. An der stetig brummenden Schermaschine selbst aber arbeitet ein Mann, der von weit her kommt. Und zwar weiter als das Freiburger Kennzeichen, das seinen Kleintransporter ziert, vermuten lässt. „Adam kommt aus den USA und ist meist von April bis Juni in Deutschland unterwegs, um Alpakas zu scheren“, erklärt Frank Näsemann, Chef auf Gut Aldenhövel. Adam selbst hat kaum Zeit für ein Päuschen zwischendurch, denn er muss sehen, dass er seinen Zeitplan einhält.

Acht bis zehn Minuten pro Tier

Am Donnerstagmorgen schon hätte es losgehen sollen, aber eine Autopanne in Süddeutschland hat das verhindert. So traf er am Donnerstag viel zu spät bei den Näse­manns ein und hat noch bis spät in den Abend hinein gearbeitet, um die verlorene Zeit einigermaßen aufzuholen. Denn der Kalender ist voll. Gut 60 Einsätze hat er pro Saison allein in Deutschland. Deshalb geht es am Freitagmorgen auch Schlag auf Schlag weiter. „Acht bis zehn Minuten braucht er für ein Tier“, weiß Frank Näse­mann, und ein kleiner Knipser an Adams Latzhose zeigt an, dass der Scherer die Zahl der Tiere exakt mitzählt. Jeder Knipser ist bares Geld für ihn, denn bezahlt wird nicht nach Zeit, sondern nach Anzahl der Tiere – rund 20 Euro kostet eine Schur, inklusive Zahn- und Hufpflege.

Entspannt in der Warteschleife

Die wolligen Alpakas warten derweil entspannt darauf, dass sie an der Reihe sind. Im Gegensatz zur Schafschur, wo ein Mensch ein Tier schert, braucht der Scherer bei den Alpakas einen Assistenten. Denn die bis zu 70 Kilo schweren Tiere können nicht von einem Menschen allein gehalten werden. Sie werden seitlich auf eine weiche Matte gelegt und an den Beinen mit Seilen fixiert. Alles geht ruhig und ohne Hektik zu, um den Tieren möglichst wenig Stress zu bereiten. Adam gibt ein paar einsilbige Kommandos, aber eigentlich ist selbst das für das eingespielte Team nicht ­nötig.

Bevor es richtig losgeht, setzt Adam die Schermaschine kurz für eine Fellprobe an. Die kommt in ein vorbereitetes Tütchen, auf dem unter anderem Name und Chipnummer des Tieres stehen. Die Probe wird anschließend analysiert. „Wir bekommen so wichtige Erkenntnisse für unsere Zucht“, erklärt Frank Näsemann, der im Übrigen jedes seiner Tiere beim Namen kennt. Die Feinheit und die Menge der Wolle sind Kriterien, die bei der Zucht der Tiere von Gut Aldenhövel im Vordergrund stehen. Sohn Robin, der unter anderem Zuchteignungsprüfer und einziger Show-Richter auf dem europäischen Festland für Alpakas ist, hat für diesen Zweck extra eine Musterkarte entwickelt, die neben den 16 Naturfarben der Tiere auch Faserproben aufweist. Die Wolle der Tiere von Gut Aldenhövel wird später hauptsächlich für die ­firmeneigene Bettdeckenproduktion genutzt. Bis zu fünf ­Kilo Wolle fallen pro Alpaka dafür an.

Bis zu fünf Kilo Wolle pro Alpaka

Nach der Fellprobe kennt die Schermaschine kein Halten mehr. Erst ist das Fell vom Körper an der Reihe. Mit großen und ruhigen Bewegungen zieht Adam mit der Schermaschine eine Bahn nach der anderen, immer vom Halsansatz bis zum Hinterteil. „Das ist die feinste Wolle“, sagt Frank Näse­mann. Die Helfer hocken schon bereit, um das wertvolle Vlies aufzufangen und in den bereitstehenden Plastiksack zu stecken. Anschließend folgt die Rasur von Beinen und Hals, diese Wolle wird in einem zweiten Plastiksack gesammelt. Ganz zum Schluss setzt Adam seine Schermaschine am Kopf des Alpakas an, um auch dort die überflüssige Wolle zu entfernen. Ganz oben auf dem Kopf bleibt zwischen den Ohren ein bisschen Fell stehen, „das ist wegen der Fliegen angenehmer“, erklärt Frank Näsemann. Nach einem knappen „Okay“ von Adam befreien die Helfer das ­Alpaka von den Seilen. Das Tier springt auf und zieht energisch Richtung Weide zu seiner Herde. Die Helfer fegen die letzten Woll­flusen zusammen. Der Nächste, bitte!

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