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Ascheberger Club ist wie sein Lokal im Lockdown

Sparkasten ist unerreichbar

Ascheberg

Bei Niedrigzinsen ist das Sparen wenig attraktiv. Trotzdem gibt es in Ascheberg eine Gemeinschaft, die nichts sehnlichster herbeisehnt als endlich wieder sparen zu dürfen. Der Sparclub „Tolle Blume“ wird zudem 60 Jahre alt.

Theo Heitbaum

Der Sparclub "Tolle Blume" mit Theo Entrup, Ludger Trahe, Markus Rother und Ralf Mertin befindet sich im Lockdown. Foto: Theo Heitbaum

Sparen?! Tatsächlich lohnt es sich nicht mehr, sein Geld auf ein Konto einzuzahlen. Ohne Zinsen geht der Sinn verloren. Eine Gruppe von 60 Aschebergern hofft aber sehnsüchtig darauf, endlich wieder sparen zu dürfen. Mindestens alle 14 Tage müssen sie sogar fünf Euro einwerfen. Normalerweise. Aber Corona macht ihnen seit einem halben Jahr einen Strich durch die Rechnung. Denn eingezahlt wird an einem grünen Kasten im Gasthaus Brüggemann an der B 58. Seit Gastwirt Markus Rother wegen Corona die Tür nicht mehr aufschließen darf, befindet sich auch der Sparclub „Tolle Blume“ im Lockdown.

Normalerweise hätte die Sparrunde in diesen Tagen ihr 60-jähriges Bestehen gefeiert. Ralf Mertin und Theo Entrup, die als Vorsitzender und Stellvertreter die Geschicke des Clubs leiten, schauen sich bei dem Hinweis an. „Darüber haben wir noch gar nicht geredet“, sagt Entrup und schiebt die Erklärung gleich hinterher: „Normalerweise sieht man das eine oder andere Mitglied beim Einzahlen. Dann hätten wir bestimmt schon darüber geredet.“ So ist es auch nicht nur das Sparen selbst, das fehlt. „Einfach mal eben bei Brüggemann vorbeischauen, Geld einwerfen und ein bisschen reden. Gerade die Geselligkeit fehlt“, sagt Mertin. „Sich über das unterhalten, was in der Osterbauer los ist“, ergänzt Entrup.

Geselligkeit fehlt

Zum Drumherum gehören auch ein Sommerfest und die Auszahlungsfeier. Beide sind vor einem Jahr ausgefallen. „Wir müssen sehen, wie es sich weiterentwickelt, ob wir das Sommerfest später feiern können“, hat Entrup die Hoffnung für 2021 noch nicht vollständig aufgegeben. Sicher dürfte sein, dass bei der Auszahlung weniger Geld anfällt. Denn der monatelange Ausfall des Einzahlens wird nicht nachgeholt. Wenn die Gaststätte wieder öffnen darf, geht es im gewohnten 14-Tage-Rhythmus neu los.

Der Sparkasten erhält keinen Besuch Foto: Theo Heitbaum

Zinsen haben mit dem Sparclub nur indirekt zu tun. Alle 14 Tage werden die Fächer geleert und das Geld wird zur Bank gebracht. Helmut Richter hat früher viele Jahre als Kassierer für die Runde gearbeitet. Er erinnert sich, dass „wir im Jahr 600 bis 700 Mark an Zinsen hatten“. Geld, das für die Festivitäten verwendet wurde. Dazu kamen die Strafgelder. Wer seinen 14-täglichen Einwurf verpasst, muss drei Euro Strafe zahlen. Ohne Zinsen hat der Sparclub sich in der jüngeren Vergangenheit auf eine Fest-Pauschale von 25 Euro geeinigt. Dazu gibt es ein Lottospiel. Alle sind mit 50 Cent in der Woche dabei. Wer die samstags zuerst gezogene Zahl hat, erhält 12,50 Euro. Der Rest wandert in die Clubkasse.

Beim 25-Jährigen: Toni und Magda Bouma, Clubwirtin Paula Brüggemann, Vorsitzender Hand Hendriks, Siegfried Koppmeier und Eddi Lütteke. Foto: Theo Heitbaum

Entrup und Mertin erläutern, wie ein Sparclub in normalen Zeiten funktioniert: Jeder der 60 Sparer hat 14 Tage Zeit, seinen Beitrag einzuzahlen. Am Sonntagmorgen wird der Kasten von der Wand geholt und geleert. Mindestens zwei Leute sind vor Ort, neben den beiden Vorsitzenden sind die Kassierer Berni Krüper und Ludger Trahe für solche Aufgaben gewählt. Das Geld bringt Markus Rother zur Bank. Die Summen sind unterschiedlich. Denn fünf Euro sind das Minimum, nach oben sind keine Grenzen gesetzt. „Es gab Leute, die 2000 bis 2500 Euro gespart hatten“, erinnert sich Richter. Entrup und Mertin kennen ähnliche Summen aus der Vor-Corona-Zeit. Ausgezahlt wird am ersten Sonntag im Dezember. Und das erklärt auch, was viele Sparer mit ihrem Geld machen. „Sie nutzen es für Weihnachtsgeschenke, für das Essen zu Weihnachten oder auch den Skiurlaub“, berichtet Mertin.

Richter hat das Geld für die Auszahlung früher ohne Sorgen abgeholt, obwohl das rund 50 000 Euro waren: „Wir sind immer hinten aus der Sparkasse rausgegangen. Das Geld war in einer Aldi-Tüte.“ Daheim sind dann die Tütchen mit den Sparergebnissen für die Mitglieder gepackt worden. Ausgegeben wurden sie beim Auszahlungsfest. Für den besten Sparer gab es immer eine besondere Anerkennung. Richter übernahm die Aufgabe übrigens nach dem ersten Jahr. Sein Vorgänger soll es mit den Einlagen der 24 Gründungsmitglieder nicht so genau genommen haben.

Eröffnungsstrauß ist der Namensberger

Das 60-Jährige feiert der Sparclub, weil Paula Brüggemann vor 60 Jahren, am 30. April 1961, das Lokal das der B 58 eröffnet hat. „Vom Sparclub gab es einen bunten Strauß. Meine Oma soll gesagt haben, dass es eine tolle Blume ist. Damit war der Name gefunden“, berichtet Markus Rother, der den Betrieb 1994 von seiner Oma übernommen hat.

Sorgen um die Zukunft macht sich der Sparclub nicht. „Wenn einer aufgehört hat, wollten zwei nachrücken“, berichtet Richter aus der Vergangenheit. Das ist für die Zukunft im Moment noch der Fall. „Es gibt eine Warteliste“, sagt Entrup. Sie erklärt sich damit, dass es 60 Sparfächer gibt, mehr Mitglieder kann die „Tolle Blume“ nicht aufnehmen.

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