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Erinnerungen an zwei Davensberger Geschäfte, die bald abgerissen werden

Für Kleine gab es „ein Lecker“

Davensberg

Hier gab es den besten Schinken in Davensberg und auf den letzten Drücker eine Birne für die Lichterkette am Weihnachtsbaum: Zwei Geschäftshäuser der Familie am Mühlendamm, die bald abgerissen werden, haben viel zu erzählen.

Theo Heitbaum

Elfriede Trahe arbeitete im Elektroladen, wenn ihr Mann Theo unterwegs war. Foto: WN-Archiv

„Ich habe meine Frau dort beim Spülen kennengelernt.“ Uwe Mörchen lacht beim Blick zurück. Normalerweise kam er zu den Trahes am Mühlendamm, um etwas mit Kumpel „Hüppe“ Trahe zu unternehmen. „Der hat sich bei der Arbeit gerne verdrückt“, schmunzelt dessen Schwester Marita. So bildete sie mit Mörchen ein geübtes Duett, wenn hinter den Kulissen des Lebensmittelmarktes gespült werden musste. Mittlerweile haben die Mörchens schon ihre Silberhochzeit gefeiert. Solche und ähnliche Erinnerungen werden in Davensberg im Moment aus der Vergangenheit nach oben gespült, weil Trahes Geschäftshäuser vor dem Abriss stehen. Heute befindet der Bau- und Planungsausschuss über die Pläne für die Nachfolgegebäude.

Die Familien- und Dorfgeschichte beginnt mit Helene Winkler aus Südkirchen. Sie heiratete Theodor Trahe aus Davensberg und stand nach der Geburt des ersten Sohnes, den sie nach dem Vater Theo nannte, und dem frühen Tod ihres Mannes alleine da. „Sie wollte zurück nach Südkirchen. Doch ihr Vater hat ihr geraten, mit dem Sohn in Davensberg zu bleiben. Er hat ihr geholfen, ein Geschäft aufzubauen“, berichtet Helene Wentker-Bruns über den Start ihrer Oma als Geschäftsfrau. Später heiratete die Witwe Hubert Trahe, den Bruder ihres ersten Mannes, und bekam sechs weitere Kinder.

In den Geschäftsräumen am Mühlendamm startete Theo Trahe 1954 in einem abgetrennten Teil mit Lampen und Elektrowaren. Als Elektro Trahe Anfang der 1970er Jahre ein Begriff war, wurde 1972 das zweite Geschäftshaus gebaut. Das Gebäude hat eine Besonderheit. „Im Keller gibt es einen Atombunker mit allem, was zu der Zeit dazugehörte. Der Bau wurde sogar staatlich gefördert“, bestätigt Wentker-Bruns Hörensagen aus dem Dorf. Berücksichtigt wurde beim Hausbau, dass es ein Zimmer für die Amerikaner gab. Denn ein Trahe wanderte in die USA aus, und einmal im Jahr kam die Verwandtschaft für ein paar Wochen vorbei.

Theo Trahe wird von den Davensbergern als überaus fröhlicher Mensch beschrieben. „Er hat immer Kirchenlieder gesungen, wenn er zur Baustelle kam“, erzählt Georg Budde, und Karoline Stermann ergänzt: „Er hat immer und überall geflötet.“ Nicht umsonst war er Davensberger Karnevalsprinz 1974. Zahlreiche Jungen haben bei Theo Trahe das Elektrohandwerk gelernt. Und zur großen Geschichte gesellen sich kleine Anekdoten. Anja Bouma erinnert sich: „Als Kind musste ich jedes Jahr an Heiligabend mit dem Fahrrad zu Elektro Trahe und neue Birnen für die Lichterkette holen. Es waren jedes Jahr welche hin.“ Das Kapitel endete durch den Tod von Theo Trahe zu früh, seine Frau Elfriede führte das Geschäft kurz weiter. 1993 übernahm dann Aloys Brochtrup aus Ascheberg die Kundschaft.

Helene Trahe zog mit Sohn Theo in das neue Geschäftshaus. „Sie ist aber, solange es ihr möglich war, nach nebenan in ihren Laden gegangen“, berichtet Wentker-Bruns. Dort übernahm Paula Trahe die Regie. Ihr Mann Willi, ältester Sohn aus der Ehe mit Hubert Trahe, unterstützte sie nach Kräften, war im Alltag aber Maurer und wurde interessanterweise „Kaufmann“ gerufen. Karoline Stermann erinnert sich: „Paula Trahe hatte den besten Knochenschinken weit und breit. Er war hauchdünn geschnitten. Und es gab immer ‚ein Lecker für die Kleine‘ beim Einkauf.“ Süßigkeiten, so Stermann, waren ohnehin gefragt: „Bei Paula gab’s die süßen Teile einzeln für einen Groschen oder noch weniger. Brausebonbons für zwei Pfennig und ,Bazooka Joe‘ für fünf Pfennig aus dem Eimer. Bei Paula habe ich die Kirschlollis geliebt, die gab’s nur da.“

Tatsächlich muss der Schinken besonders gewesen sein, denn auch Sascha Horstkötter „wurde früher immer nach Trahe geschickt, um Schinken zu holen“. Geworben hat das Edeka-Geschäft auf eine Weise, an die Christine König erinnert: „Ich habe eine Zeit lang die Werbezettel für Lebensmittel Trahe verteilt und erinnere mich, dass auf denen noch die ganz alte Postleitzahl 4711 stand, obwohl schon lange 4715 gültig war.“ Interessant ist in einer Zeit, in der Davensberg um den Erhalt des einzigen Lebensmittelmarktes bangt, dass es zu der Zeit mehrere Geschäfte im Davertdorf gab.

Helene Wentker-Bruns muss sich schon lange eine besondere Ladengeschichte anhören: „Dort stand ein Ölfass, an dem Flaschen gefüllt werden konnten. Als Dreijährige soll ich den Hahn aufgedreht haben und in Richtung Tunnel abgehauen sein. Der ganze Boden war voller Öl.“

Ab dem 1. Mai 1991 nutzte der Bildhauer Hans-Dieter Bartosch das Lebensmittelgeschäft. Gefragt waren auch die Wohnungen. So fanden Andreas Neuer und seine Frau ihre „erste gemeinsame Bleibe“. In diesem Jahrtausend geriet das rechte Gebäude noch einmal in die Schlagzeilen: als Plantage für Rauschgift.

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