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Beethoven für Abwesende

Rock’n’Popmuseum bietet Führungen per Livestream an

Gronau

Wegen Corona schauen sich plötzlich Schulklassen im Rock’n’Popmuseum in Gronau um, die die lange Fahrerei sonst nie im Leben auf sich genommen hätten. Der Grund: Museumsbegleiter Michael Sünker und seine Kollegin Kerstin Kamlage nutzen digitale Technik, um Zuschauern Ludwig van Beethoven näherzubringen.

Gunnar A. Pier

Michael Sünker zeigt, scherzt und erklärt – und spricht alles ins Handy, das Kollegin Kerstin hochhält: Das Gronauer Rock’n’Popmuseum bietet neuerdings Live-Führungen per Livestream durch Dauerausstellung und Beethove-Schau an. Foto: Gunnar A. Pier

Beethoven war am Ende taub, die Viertklässler an diesem Vormittag sind es nicht. Deshalb macht Kerstin Kamlage alle paar Takte eine beschwichtigende Handbewegung, wenn Museumsbegleiter Michael Sünker bei seiner Führung durch die Beethoven-Ausstellung im Gronauer Rock’n’Popmuseum zu sehr ins Crescendo verfällt. Die Gäste sehen die Geste nicht: Sie sitzen mit ihrem Tablet irgendwo in Deutschland im Klassenraum und folgen dem Rundgang per Live­stream.

Die Ouvertüre dieser Reportage wäre nicht komplett, wenn sie nicht die Corona-Pandemie als durchlaufendes Thema dieser textlichen Sinfonie einführen würde. Denn dass Michael Sünker und Kerstin mit Handy, aber ohne echtes Publikum durch Beethovens Welt führen, ist den Corona-Schutzmaßnahmen geschuldet. Die Gronauer Museumsmacher hatten genug von Schließungen. Deshalb gibt es Online-Führungen.

Ein Mittwoch im Mai, 12.27 Uhr. Michael Sünker setzt das Headset auf und steigt hinab in den Keller des Museums, wo „Beethoven lebt!“ über den Einfluss von Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) auf die heutige Musikwelt aufgebaut ist. Kerstin klemmt das Smartphone aufs Stativ und hebt den Daumen: Kamera läuft, Ton ab, herzlich willkommen zwischen „Eroica“, „Freude schöner Götterfunken“ und der Metal-Version des ursprünglich so lieblichen „Für Elise“. Sünker zeigt, scherzt und erklärt – und spricht alles ins Handy, das Kollegin Kerstin hochhält.

Klassenraum oder sektgesteuerte Geburtstagsrunde

„Für mich ist das etwas komplett Neues“, sagt er. Seit der Eröffnung des Museums vor 17 Jahren führt der heute 44-Jährige Interessierte durch die Hallen. „Aber sonst habe ich halt direkt Kontakt zu den Besuchern und merke: Das fanden die lustig, das hier interessiert sie besonders.“ Jetzt folgen ihm stumm geschaltete Teilnehmer einer Zoom-Konferenz. Damit er nicht das Gefühl hat, ins Nichts zu sprechen, schaut er sich vor Beginn im Erdgeschoss das Bild der Besuchergruppe an. Sitzen sie im Klassenraum, oder ist es – wie neulich – eine sektgesteuerte Geburtstagsrunde? „Dann habe ich während der Führung ein Bild im Kopf.“

Chantal Lambers

Die Termine sind für Wochen im Voraus ausgebucht. „Wir hätten nie erwartet, dass der Andrang so groß ist“, gesteht Chantal Lambers. Sie kümmert sich in pandemiefreien Zeiten um Events im Museum. Jetzt hat sie mit den beiden Museumsbegleitern die Online-Führung ausgeheckt. Schnell gab es Anmeldungen aus ganz Deutschland. Beethoven ist halt ein aktuelles Thema, seit sich sein Geburtstag im vergangenen Jahr zum 250. Mal jährte. Die meisten geplanten Feierlichkeiten fielen Corona zum Opfer – ein virtueller Ausstellungsbesuch aber ist problemlos möglich. Und das eben auch für Schulklassen irgendwo aus der Republik, die es zu einem realen Besuch niemals mit dem Bus hin- und zurückgeschafft hätten. Die Online-Live-Führungen werden deshalb fortgesetzt, obwohl das Museum neuerdings wieder geöffnet ist.

Großer Aufwand

Der Aufwand ist groß, verdeutlicht Chantal Lambers. Die Terminanfragen müssen hintereinandergebracht werden. Rechnungen werden verschickt und nachgehalten, ob sie auch bezahlt wurden, bevor sie Zoom-Meetings anlegt und Zugangsdaten verschickt. Ein Ticketverkauf am Tresen ist nichts dagegen. Während der Führung spielt Chantal Lambers vom Laptop im Foyer aus auf Geheiß Tonbeispiele ein.

Freude auch beim Team

Nach einer Fragerunde, bei der die Viertklässler nicht nur nach Beethoven-Details, sondern auch nach der Schuhgröße und Lieblingsmusik des Museumsbegleiters fragen, nimmt Michael Sünker das Headset vom Kopf. Die Begeisterung ist dem Team noch immer anzumerken. „Wenn ich zu emotional bin, fange ich an, zu schnell und zu laut zu reden“, sagt Sünker. Ist doch ein gutes Zeichen, wenn seine Kollegin ihn zum Decrescendo zwingen muss!

Online-Führungen

  • rock-popmuseum.de
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