1. www.dzonline.de
  2. >
  3. Muensterland
  4. >
  5. Gronau
  6. >
  7. Jetzt aus Fehlern lernen

  8. >

Blickpunkt der Woche: Die Corona-Krise offenbart die Defizite unseres Schulsystems

Jetzt aus Fehlern lernen

Gronau

Wie eine Lupe vergrößert die Corona-Krise die Probleme im Schulsystem. Kurzfristig zu lösen sind sie nicht. Aber wann wenn nicht jetzt, wäre der Zeitpunkt, um langfristige Lösungen auf den Weg zu bringen?

Frank Zimmermann

Aufgrund der Corona-Krise sollen Kinder freiwillig ihre Klasse wiederholen können. Dass dadurch sehr große Klassen entstehen, wird von den politischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern offenbar billigend in Kauf genommen. Foto: Heinrich Schwarze-Blanke

Unsere Tochter geht in die erste Klasse der Grundschule. Neulich sagte sie bei Essen: „Jetzt gehe ich schon so lange zur Schule und hatte noch nie einen normalen Schultag.“ So ein Satz geht Eltern durch Mark und Bein. Zumal wir uns ein Bein ausreißen, um Helene trotz allem ein möglichst angenehmes und erfolgreiches erstes Schuljahr zu ermöglichen.

Paradoxe Erkenntnis

Dabei kommen uns viele Faktoren zugute: Wir haben selbst eine relevante akademische Bildung genossen, verfügen über eine ausreichend große Wohnung und die nötige digitale Infrastruktur, und Helene ist ein intelligentes Mädchen ohne zusätzlichen Förderbedarf. Wir können zu Hause arbeiten und unsere Arbeitszeit relativ flexibel gestalten. In meinem Fall auch dank der Kollegen in der Redaktion, die das alles mittragen und mir als Redakteur den Rücken frei halten, wenn ich gerade als Aushilfslehrer gebraucht werde.

Gleichzeitig hat der Flickenteppich aus Distanz- und Wechselunterricht auch ein scheinbares Paradoxon zutage gefördert: Einerseits stelle ich bei der Heimbeschulung fest, dass wir für die reine Wissensvermittlung nur einen Bruchteil der Zeit brauchen, die dafür an Unterrichtsstunden angesetzt ist. Andererseits hat uns die Klassenlehrerin versichert, dass die Klasse mit dem Unterrichtsstoff, insbesondere in den Kernfächern Deutsch und Mathematik, deutlich weiter ist als „normale“ erste Klassen zuvor. Zumindest in Helenes Klasse lernen die Kinder also offenbar schneller, weil sich die Lehrerin an den Präsenztagen nur um halb so viele Schüler kümmern muss. Gleichzeitig liegt das Feld des unbeschwerten sozialen Miteinanders in der Grundschule weitestgehend brach. Behalten wir das mal im Hinterkopf.

Zu kurz gesprungen

Eine Reaktion der Politikerinnen und Politiker in Regierungsverantwortung: Aufgrund der Ausnahmesituation soll den Kindern erlaubt werden, das Schuljahr freiwillig zu wiederholen. Um dieses Thema ging es auch in der jüngsten Sitzung des Gronauer Schulausschusses. Dabei wurde schnell deutlich, dass das, was sich zunächst mal ganz vernünftig anhört, bei genauerem Hinsehen wieder mal zu kurz gesprungen ist. Ein Problem: Diese Kinder, von denen noch niemand weiß, wie viele es denn wohl sein werden, wurden von der Schulplanung – zumindest in Gronau – nicht berücksichtigt. Folglich wird es insbesondere einige sehr große erste und fünfte Klassen geben.

Grundschulleiterin warnt

Die Kinder müssen also direkt in ihrem ersten Schuljahr, oder in ihrem ersten Jahr an einer weiterführenden Schule, in einer großen Gruppe zurechtkommen. Die Lehrerinnen und Lehrer haben im Umkehrschluss weniger Zeit für jedes einzelne Kind. Gleichzeitig, das hat Maria Schmeing, die Sprecherin der Gronauer Grundschulen, in einem Gespräch mit den WN geschildert, rechnen die Grundschulen damit, dass einige Erstklässlerinnen und Erstklässler des kommenden Schuljahrs einen größeren Förderbedarf haben werden. Das liegt daran, dass sie kein „normales“ letztes Kindergartenjahr erlebt haben und deshalb nicht immer das lernen konnten, was Kinder sonst in diesem Jahr vermittelt bekommen. Denn auch Kitas sind ja Bildungseinrichtungen. Das nachzuholen, was die Kinder in der Kita verpasst haben, wird also eine zusätzliche Aufgabe für die Grundschullehrerinnen und -lehrer werden. Gleiches dürfte für die neuen Fünftklässler gelten, denen die Erfahrung eines normalen vierten Schuljahrs an ihrer Grundschule fehlt.

Lehrpläne entschlacken

Kommen wir jetzt noch mal zu den Erfahrungen mit Helenes Klasse zurück, dann liegt die Schlussfolgerung nah, dass kleinere Klassen und Lerngruppen eine gute Idee sein könnten. Sie ermöglichen einerseits soziales Lernen, könnten aber andererseits auch die Wissensvermittlung beschleunigen. Im NRW-Schulministerium denkt man allerdings eher in die entgegengesetzte Richtung. Die Lehrpläne sollen entschlackt werden, berichtete eine Schulleiterin im Schulausschuss. Überspitzt formuliert heißt das für mich: Wenn wir den Kindern weniger abverlangen, werden sie das Schuljahr hoffentlich trotz der widrigen Bedingungen schaffen, für die wir ehrlicherweise kurzfristig keine Abhilfe schaffen können.

Menschen sind das Wichtigste

Und genau hier tut sich meines Erachtens das eigentliche große Problemfeld auf: Die Pandemie stößt uns mit der Nase auf die vielen Defizite unseres Schulsystems. Eine zentrale (wenn auch nicht neue) Erkenntnis dabei lautet: Das Wichtigste an der Schule sind die Menschen, Lehrerinnen, Schulsozialarbeiter, Betreuerinnen im Nachmittagsbereich und eben auch die Mitschüler. Das merke ich, wenn ich Helene zu Hause „beschule“ und sie mir deutlich zu verstehen gibt, dass das Wort ihrer Lehrerin ein ganz anderes Gewicht hat als meins. Das merken Abiturientinnen und Abiturienten, die zurecht beklagen, dass ihnen die einmalige Erfahrung von Stufenpartys, Aufführungen und Abschlussritualen genommen wird. Das merken aber auch Einrichtungen der Erwachsenenbildung wie das Driland-Kolleg: Der unmittelbare Kontakt zu Lehrenden ist nicht zu ersetzen, auch nicht durch die smarteste digitale Ausstattung. Denn Schulen sind eben keine reinen Wissensvermittlungseinrichtungen, an denen Arbeitskräfte produziert werden – Humankapital, um es böse zu formulieren. Schulen sind Stätten der Bildung, auch der Charakterbildung und des sozialen Lernens. Heute mehr denn je, weil in unserer globalisierten Welt von den Menschen ein Höchstmaß an Flexibilität verlangt wird. Das führt zwangsläufig dazu, dass der Anteil institutioneller Kinderbetreuung – von der Kindertagesbetreuung und dem Kindergarten über die OGS bis hin zur Ganztagsschule – steigt und immer noch weiter steigen wird. Dem wird das dreigliedrige, zusammengesparte Schulsystem aus Kaisers Zeiten längst nicht mehr gerecht. Eine umfassende Reform wäre nötig. Aber vor Ort wird damit argumentiert, dass die Weichen dafür in Düsseldorf oder Berlin gestellt werden müssten. Und dort hilft man sich mit symbolträchtigem Aktionismus – verspricht zum Beispiel zwei Milliarden Euro für Nachhilfe (bundesweit).

Langfristige Lösungen auf den Weg bringen

Zurück zum Beispiel der übervollen Klassen: Es ist ja richtig, dass das Problem kurzfristig nicht grundlegend zu lösen ist. Denn dazu bräuchte man an einigen Schulen zusätzliche Klassen. Doch die dafür benötigten Räume und erst recht die Lehrerinnen und Lehrer wachsen nicht auf Bäumen. Deshalb wären jetzt zwei Dinge nötig: Erstens müssten alle, die Verantwortung tragen, so ehrlich sein zuzugeben, dass es die Probleme gibt und diese kurzfristig nicht zu lösen sind. Zweitens müsste deshalb sofort damit begonnen werden, zusätzlich zu den Sofortmaßnahmen langfristige Lösungen auf den Weg zu bringen. Und zwar auf allen Ebenen.

In Gronau wird zum Beispiel gerade darüber nachgedacht, inwieweit die Buterlandschule nach Umbau und Erweiterung auch als Stadtteilzentrum genutzt werden könnte. Denn das Gaststätten-Sterben bringt zunehmend mehr Vereine in die Verlegenheit, dass sie keine Versammlungsräume mehr finden. Auch hier könnte die aktuelle Krisensituation wegweisend für langfristige Lösungen sein. Statt immer wieder Schulen auszubauen, umzubauen und wieder abzureißen könnten multifunktionale Gebäude dauerhaft Abhilfe schaffen. Hier könnte Schul- und Vereinsleben stattfinden, vielleicht auch Familienfeiern und Kulturveranstaltungen. Über entsprechende Vermietungen könnte die Stadt vielleicht sogar noch Geld einnehmen!?

Und sogar Realschul- und Gymnasiallehrerinnen haben mir im Vertrauen gesagt, dass es für die Schülerinnen und Schüler sicher das Beste wäre, wenn man das Gymnasium und die Realschule zugunsten der Gesamtschulen schließen würde. Nur leider spielen bei solchen Entscheidungen viel mehr und offenbar gewichtigere Aspekte eine Rolle als die Frage, was das Beste für die jungen Menschen ist . . .

Was ist Ihre Meinung? Schreiben Sie uns gerne! WN, Redaktion, Hofkamp 8a, 48599 Gronau oder redaktion.gro @wn.de

Startseite