1. www.dzonline.de
  2. >
  3. Muensterland
  4. >
  5. Gronau
  6. >
  7. Ein harmonisches Gespann

  8. >

Dietmar Segbert und Blindenführhund Nemo bereiten sich auf Prüfung vor

Ein harmonisches Gespann

Epe

Eigentlich ist Nemo zwei Hunde in einem. Der eine tollt gerne herum, spielt und freut sich über einen Kauknochen. Der andere ist hochkonzentriert, wenn es darum geht, sein Herrchen Dietmar Segbert durch den Ort zu begleiten. Denn Nemo muss für ihn quasi mitsehen. Er ist ein Blindenführhund.

Martin Borck

Kommt da etwas aus der Gasse? Foto: Martin Borck

Empfinden Hunde Stress? Wenn die schwanzwedelnde, erleichterte Begeisterung von Nemo nach der Arbeit als Gradmesser dienen darf, kann diese Frage nur mit Ja beantwortet werden. Der Pudel kommt gerade mit seinem Herrchen Dietmar Segbert von einem „Testlauf“ zurück. Der Eperaner ist blind, und Nero ist sein neuer Begleithund. Ihm steht die offizielle Prüfung zur Anerkennung noch bevor. Eine Stunde war das Gespann daher an diesem Tag zum Training in Epe unterwegs. „Für den Hund ist das wirklich Arbeit“, sagt Segbert. Stressbehaftete Arbeit. Der Stress fällt im heimischen Garten von dem Hund regelrecht ab. Ausgelassen tobt er herum – und freut sich über einen Kauknochen, den er als Belohnung bekommt.

Dagmar Freitag vom „Menschhundteam“ aus Lübeck ist Trainerin von Nemo. Sie kennt ihn von klein auf – sie züchtet die Hunde. Nemo wurde früh auf seine zukünftigen Aufgaben vorbereitet. „Liebe und Konsequenz“ nennt Freitag das Konzept, mit dem sie vorgeht. Dazu gehört viel Erfahrung. „Eine Hundeflüsterin? Nein, das bin ich nicht. Aber man muss sich schon mit der Psychologie des Hundes auskennen. Übt man zu viel Druck aus, machen Pudel auch schon mal schnell dicht. Man kann sie nicht in die Aufgabe hineinzwingen.“

Zunächst weist das Training daher viele spielerische Elemente auf. Danach geht es darum, den Hund an das Geschirr zu gewöhnen, und schließlich darum, dass der Begleithund das Auge seines künftigen Besitzers ist. Ein Prozess, der zwei Jahre Training in Anspruch nimmt.

Die Fähigkeit, ein Blindenführhund zu sein, muss Nemo offiziell attestiert werden. Dafür gibt es die Prüfung, für die die beiden an diesem Tag trainieren. Was Nemo können muss? Er muss eventuellen Hindernissen ausweichen – auch wenn sie für ihn selbst allein eigentlich keine wären. Er muss also gelernt haben, sich in die Situation von Dietmar Segbert hineinzuversetzen. Und Nemo muss sogar intelligenten Ungehorsam zeigen – dann nämlich, wenn das Befolgen eines Befehls eine Gefahrensituation heraufbeschwören würde.

Beim Wechsel der Straßenseite zum Beispiel: Nemo bleibt stehen. Segbert weiß nun, dass sich – in Form der Bordsteinkante – ein Hindernis auf dem Weg befindet. Auch am Zebrastreifen an der Gronauer Straße klappt die Überquerung hervorragend. Nemo bleibt stehen und wartet, bis er das Kommando „voran“ bekommt.

Erst vor wenigen Wochen haben sich die beiden Teile des Hund-Mensch-Gespanns kennengelernt. Das „Beschnuppern“ fiel zur beiderseitigen Zufriedenheit aus. Jetzt hat Nemo ein neues Zuhause in Epe gefunden. „Dabei war Nemo eigentlich für einen andren Besitzer gedacht“, sagt Dagmar Freitag. Nur: Der liegt derzeit mit seiner Krankenkasse über Kreuz, die die Kosten nicht übernehmen will. Kosten, deren Höhe sie mit 32 000 Euro angibt. Die Ausbildung ist schließlich langwierig.

Bei dem Test-Lauf legt das Gespann derweil ein gutes Tempo vor. Der Bahnhof Epe ist das nächste Ziel. Mit dem gefährlichen Gleis, das überquert werden muss, wenn man zum Zug nach Gronau möchte. Nemo verhält sich wieder vorbildlich.

Doch es gibt auch kurze Momente der Unsicherheit: Ein dicht vorbeifahrendes Auto irritiert den Hund kurzzeitig – und was liegt da auf dem Boden? Könnte das Blatt eine Stolperfalle für sein Herrchen darstellen? Auch der Mensch mit der Kamera, der den beiden auf Abstand folgt, wird aufmerksam beäugt. Will der auch nichts? Nemo wirkt hochkonzentriert.

„Aufpassen muss man, dass sich keine Fehler einschleichen. Denn die lehrt man nur schwer wieder ab“, sagt Dagmar Freitag. Auch ein Hund ist schließlich ein Gewohnheitstier.

Nemo kennt sich in Epe mittlerweile schon gut aus – vielmehr: Er weiß, welche Wege Dietmar Segbert normalerweise geht. „Bei der kleinen Gasse zwischen Gronauer und Agathastraße wird er langsamer, weil wir dort schon mal hindurchgelaufen sind“, sagt Segbert. Auch beim Bäcker macht Nemo klar, dass es eine Alternative zum Weiterlaufen gibt: „Willst du vielleicht hier hinein, Herrchen?“

Dass Nemo eine coole Socke ist, zeigt sich spätestens auf der Von-Keppel-Straße: Ein Hundehalter kommt dem Gespann mit seinem Vierpföter entgegen. Während der andere Hund an der Leine zerrt und Nemo aggressiv ankläfft, bleibt der die Ruhe selbst. Und passt auf, dass sein Herrchen auf dem schmalen Gehweg bleibt.

Hindernisse wie parkende Autos signalisiert Nemo ebenso wie Laternenpfähle oder Ampelmasten. „Insgesamt bin ich mit dem Hund viel schneller unterwegs, als wenn ich mit dem Stock laufe“, hat Segbert festgestellt. Allerdings haben sich die beiden auch schon mal verlaufen. Kann passieren – „aber in ein paar Wochen sind wir voll aufeinander eingespielt“, ist sich der Eperaner sicher.

Nemo ist schon der vierte Blindenführhund, der ihm Orientierung und Sicherheit gibt. „Jeder Hund ist anders, hat seinen eigenen Charakter, seine Stärken und Schwächen und Eigenheiten“, sagt Segbert. „Pfützen zum Beispiel“, ergänzt Freitag schmunzelnd, „die mag Nemo gar nicht. Die sind schlecht für seine Locken.“ Um Pfützen macht das Gespann daher einen großen Bogen. Hund und Mensch. Ein wirklich harmonisches Gespann – das die Prüfung übrigens am Freitag bestanden hat.

Startseite