1. www.dzonline.de
  2. >
  3. Muensterland
  4. >
  5. Die etwas andere Schule: Unterricht für Kinder in den Unikliniken

  6. >

Städtische Schule für Kranke

Die etwas andere Schule: Unterricht für Kinder in den Unikliniken

Münster

Krankheit ist kein Grund für schulfrei. In die Helen-Keller-Schule gehen Jungen und Mädchen, die zum Teil monatelang im UKM behandelt werden. Der Flachbau ist ein besonderer Ort.

Von Gunnar A. Pier

An Frontalunterricht ist nicht zu denken, eher an individuelles Arbeiten mit zeitweiser 1:1-Betreuung: Jelena Scherr unterrichtet an der Helen-Keller-Schule in Münster. Foto: Gunnar A. Pier

Nele* hat ihren letzten Tag. Der letzte Tag auf dieser Schule, der letzte Tag in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik. Sie muss nicht mehr wiederkommen – aber sie muss zurück in ihre eigentliche Welt, die ihr so viele Probleme bereitet hat. Gemischte Gefühle, erstmal ein Abschieds-Gruppenfoto machen. Seid ihr hier Freundinnen geworden? Alle nicken. Alle von Station zwei, die zusammen die Helen-Keller-Schule in Münster besuchen.

Es ist eine besondere Einrichtung, die sich da in einem Flachdachbau zwischen den Gebäuden des Uniklinikums Münster (UKM) duckt. „Als Städtische Schule für Kranke unterrichten wir Kinder und Jugendliche, die längerfristig und stationär in den Kliniken der Stadt behandelt werden“, erklärt die Helen-Keller-Schule selbst auf ihrer Internet-Seite. Dazu gehört, dass Lehrer Kinder in den Bettentürmen am Krankenbett unterrichten, wenn sie dort länger den Unterricht verpassen. Aber ein Schwerpunkt ist der Unterricht in den Klassenräumen, die zunächst mal so normal aussehen – und in denen doch alles ganz anders läuft.

Keine sozialen Kontakte

Denn in der direkten Nachbarschaft befindet sich die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie. Dort sind Kinder und Jugendliche untergebracht, die unter psychischen Problemen leiden. Depression. Magersucht. Schulangst. Traumata nach Gewalterfahrungen. Mobbing-Opfer. Suizidgefährdete - ja, all das gibt es auch in jungen Jahren. Und damit sie in den Wochen oder gar Monaten, die sie hier jenseits ihres normalen Alltags verbringen, den Anschluss an den Lernstoff nicht verpassen, besuchen sie zeitweise die Helen-Keller-Schule.

Wie Marie*, zwölf Jahre alt. Seit vier Monaten ist sie hier, und es scheint, als erzähle sie gerne von ihren Problemen – so, als helfe es ihr bei der Aufarbeitung. Depressionen habe sie, erzählt die Schülerin. „Suizid-Versuch und so.“ Oft leide sie unter gedrückter Stimmung, verletze sich selbst an den Armen. „Ich habe keine sozialen Kontakte.“ Dabei lebt sie in einer Wohngruppe. „Ich war immer sehr anfällig zu weinen und bin oft abgehauen.“ Bald endet ihre Zeit, sie würde gerne bleiben. „Aber es geht mir besser als davor“, sagt sie.

Der Unterricht läuft ganz anders

Eine schwierige Geschichte – Alltag für Lehrerin Jelena Scherr. „Ich arbeite lieber hier als an einer Regelschule“, sagt die 29-Jährige. „Wir sind näher an den Schülern.“ Ganz ähnlich formuliert es ihr Kollege Basti Maus (28): „Man wird den Schülern mehr gerecht.“

Denn der Unterricht läuft ganz anders. Die Klasse ist zusammengewürfelt aus Schülern mit unterschiedlichem Hintergrund. Alter, Schulform, schulische Leistungen, soziale Kompetenzen – alles könnte kaum verschiedener sein. Dazu die psychischen Probleme, Ängste, Blockaden: An einheitlichen Frontalunterricht ist nicht zu denken.

Die Helen-Keller-Schule ist eine städtische Schule für Kranke. Foto: Gunnar A. Pier

Deshalb geht es nach einer freundlichen Begrüßung am Morgen ganz individuell weiter. Der eine löst Mathe-Aufgaben, die nächste liest ein Buch, einen Tisch weiter werden Hausaufgaben durchgesprochen. Die Lehrer setzen sich neben die Kinder, suchen das Gespräch, fördern und fordern 1:1. „Wir haben hier viele Leute, die es extra schwer haben im Leben“, sagt Basti Maus. „Hier können wir ihnen wirklich helfen.“

Die Lehrer suchen den Kontakt zu den eigentlichen Lehrern ihrer Zeitweise-Schüler: Was liegt an, was steht im Lehrplan, was ist in der nächsten Zeit wichtig? Hinzu kommen Projekte, Sport. Mountainbiking etwa. Die Jugendlichen sollen positive Erlebnisse mit der Schule verbinden. Neben Mathe und Deutsch und Englisch dürfen sie auch den Anschluss an Spaß und Selbstvertrauen nicht verlieren. Das brauchen sie, wenn es zurück geht ins normale Leben.

* Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

Startseite