1. www.dzonline.de
  2. >
  3. Muensterland
  4. >
  5. Abschied von der Freiheit

  6. >

42 Junghengste aus der Wildpferde-Herde in Dülmen versteigert

Abschied von der Freiheit

Dülmen

Ein Jahr lang waren sie Teil der Dülmener Wildpferde. Seit Samstag ist die Zeit der Freiheit vorbei: 42 Junghengste müssen den Merfelder Bruch verlassen.

Stefan Werding

Vor dem Transport Foto: Stefan Werding

Die einjährigen Hengste bekommen schnell einen Eindruck, wie die Zivilisation klingt: Aus den Boxen klingt „Neue Wiener Ländler, Op. 1“, während sie hinter dem Zaun in Dülmen im Kreis traben. Am Freitag haben sie die Fänger aus der 400 Pferde großen Herde im Merfelder Bruch geholt, am Samstagvormittag haben ihre neuen Besitzer sie ersteigert, am Nachmittag hat für die Hengste ein neues Leben angefangen. „Wildlinge“ waren sie da eigentlich schon nicht mehr.

Katharina Löcken aus Rheine hat gerade 1300 Euro für einen aufrechten Kerl mit braunem Fell und dem für die Wildpferde in Dülmen typischen Aalstrich auf dem Rücken ausgegeben. Der Anfang eines gemeinsamen Abenteuers, wie die 23-Jährige den Kauf nennt. Die Voraussetzungen sind gut: Auf dem Hof ihrer Eltern entsteht gerade ein Pferdeparadies, in dem schon zwei weitere Wallache und eine Stute Zuhause sind. Der Dülmener soll vielleicht mal eine Kutsche ziehen und Zirkustricks lernen. Und wenn Katharina Löcken in drei oder vier Jahren ein Kind bekommen sollte, wäre so ein Wildpferd doch genau das richtige. „Es ist alles vorbereitet“, sagt sie. Hätte ein anderer Bieter auch Interesse gehabt, hatte sie noch genug Euro gespart, um mithalten zu können.

"Ein toller Freund fürs Leben"

Bis so ein Wildpferd ein geeignetes Reitpferd für Kinder ist, muss es viel lernen. In ihrem alten Leben ist es bislang schon viel um Hierarchien gegangen. In Zukunft wird eine noch größere Rolle spielen, wo in der Rangfolge in ihrer neuen Familie sie stehen. Auktionator Volker Raulf jedenfalls wünschte den neuen Besitzern, dass sie ihrem neuen Besitz schnell erklären, wer das Sagen hat. Für den Fall, dass ihnen das gelingt, versprach er ihnen „einen tollen Freund fürs Leben“, wenn nicht, ein Alpha-Tier, „das nur rumkloppt“. Die Trennung der jungen Tiere ist nötig, weil sie sonst das Gefüge in der 400 Tiere großen Herde unter anderem durch Territorialkämpfe durcheinanderbringen würden.

Die Kriterien, nach denen die 46 Käufer auf die 41 Tiere bieten, sind unterschiedlich. Josef Schnermann (56), selbst 35 Jahre aktiv beim Wildfang dabei und Besitzer von zwei 25- und 26-jährigen Dülmener Wildpferden, vermutet zwar auch Bieter, die vor allem danach auswählen, wie „süß“ die jungen Hengste sind. In der Mehrheit sind es aber Fachleute, die prüfen, wie die jungen Pferde ihre Beine nach vorne werfen, wie das „Gebäude“ zusammenpasst, wie temperamentvoll sie sind und ob der Rücken lang genug ist, damit irgendwann auch mal ein Sattel draufpasst. Dafür zahlen sie am Samstag auch bis zu 2000 Euro.

Wildpferdefang wegen Corona ohne Zuschauer

Corona hat zum zweiten Mal den Wildpferdefang verhindert – und den 15.000 Zuschauern die Chance verdorben, das Spektakel vor Ort verfolgen zu können, den vibrierenden Boden in den Fußsohlen zu spüren, wenn die Herde in die Arena stürmt und die Bieter beim Kauf der Pferde anzufeuern. Im Vergleich dazu ist eine Versteigerung wie die am Samstagvormittag ein eher jämmerlicher Ersatz. Oberförsterin Friederike Rövekamp jedenfalls stellt nach der Veranstaltung bedauernd fest, dass das sonst übliche Feuer und die Begeisterung fehlte.

Das zeigte sich etwa daran, dass fünf Pferde zunächst überhaupt keinen Interessenten fanden und erst in einer zweiten Runde für zum Teil nur 250 Euro über den Tisch gingen. Selbst die Ermunterung von Auktionator Volker Raulfs, mal zu überlegen, wie viel Sprit allein die Anfahrt mit dem Hänger gekostet haben könnte, änderte daran nichts. Hätten dagegen dicht gedrängte Zuschauer die Bieter angefeuert, wäre in der Versteigerung mehr Musik drin gewesen.

Startseite