Impfstoff-Resistenz befürchtet
Corona-Mutanten in Deutschland: Wie schlimm ist die Lage?

Die Corona-Zahlen in Deutschland sinken. Trotzdem sprechen sich Experten gegen schnelle Lockerungen aus. Deutlich ansteckendere Corona-Varianten sind auch bei uns angekommen. Was sagen neue Daten dazu aus?

Freitag, 05.02.2021, 16:49 Uhr
Flughafen Hamburg: Es gilt ein Einreiseverbot aus Ländern mit hoher Verbreitung von Corona-Mutanten.
Flughafen Hamburg: Es gilt ein Einreiseverbot aus Ländern mit hoher Verbreitung von Corona-Mutanten. Foto: Bodo Marks

Berlin (dpa) - Nach der Ausbreitung ansteckenderer Corona-Varianten in anderen Ländern treibt Politiker und Wissenschaftler eine Sorge um: Die Mutanten könnten auch in Deutschland durchstarten, vor allem wenn wieder mehr öffentliches Leben zugelassen werden sollte. Nun gibt es erste Daten über die Varianten. Dazu Fragen und Antworten:

Wie ist die Corona-Lage insgesamt?

Zunächst hat Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), am Freitag eine gute Nachricht: Die Fallzahlen gingen in den meisten Regionen bundesweit zurück. Intensivstationen seien jedoch immer noch belastet, es gebe Ausbrüche in Altenheimen und die Zahl der Todesfälle sei weiter hoch. Der RKI-Chef betont: «Die Situation ist noch lange nicht unter Kontrolle.»

Warum sagt Wieler das, wenn die Fallzahlen doch sinken?

Es geht um drei Varianten des Virus, die noch ansteckender sind als bisherige Formen. Diese bereiten dem RKI «große Sorgen». Wieler spricht von einer «neuen Qualität». Das Erbgut des Erregers hat sich verändert, er ist nun besser an den Menschen angepasst, man steckt sich leichter an. Das fiel zum Beispiel in Großbritannien vor Weihnachten bei Ergbut-Analysen (Sequenzierung) auf. In Deutschland gab es bis vor kurzem keine derart engmaschige Suche nach Mutationen.

Um welche Varianten geht es?

In Deutschland ist vor allem die Variante B.1.1.7 im Blick, die in Großbritannien zuerst entdeckt wurde. Die Reproduktionszahl (R-Wert) sei bei ihr um 0,5 höher, sagte Wieler. Das ist nur dem Anschein nach ein geringer Wert. Ein Rechenbeispiel: Angenommen der R-Wert läge mit bisherigen Virusformen dank Maßnahmen bei 1, dann steckten 100 Infizierte im Schnitt 100 weitere Menschen an. Bei B.1.1.7 wären es 50 mehr. Einen «Boost», einen Verstärker, haben die Varianten dem Virus verliehen, sagte Wieler. Daneben gibt es noch Varianten, die in Südafrika und Brasilien kursieren. Bei ihnen bestehen unter anderem auch Sorgen vor einer geringeren Wirksamkeit der bisher zugelassenen Impfstoffe.

Wie verbreitet sind die Varianten in Deutschland?

B.1.1.7 ist Wieler zufolge derzeit am weitesten verbreitet, aber auch die anderen beiden wurden entdeckt. Die Variante aus Großbritannien sei in 13 Bundesländern nachgewiesen und mache in einer Stichprobe einen Anteil von 5,8 Prozent aus. Die Häufigkeit der Nachweise habe zugenommen. Das bedeute, dass die Varianten, vor allem B.1.1.7, hier angekommen seien, aber noch nicht dominieren. «Wir müssen damit rechnen, dass sich der Anteil weiter erhöht.» Dadurch werde die Pandemiebekämpfung erschwert, Sars-CoV-2 sei gefährlicher geworden.

Wie aussagekräftig sind die Zahlen?

Der Anteil von knapp sechs Prozent ist in erster Linie ein Ausgangswert. Interessanter ist die Frage, wie sich der Anteil der Variante mit der Zeit entwickelt. Dann ließe sich sagen, ob etwa B.1.1.7 bisher verbreitete Formen verdrängt. Wieler kündigte zunächst drei Folge-Erhebungen in Laboren im Zwei-Wochen-Takt an.

Der jetzige Stand kam durch Nachuntersuchungen von rund 31 000 positiven Corona-Proben von vergangener Woche mit einem speziellen PCR-Test in Laboren zustande. Hinzu kamen Daten aus zeitaufwendigeren Genom-Sequenzierungen. Diese seien im Januar 3000 mal durchgeführt worden und damit rund doppelt so oft wie im gesamten Jahr 2020, sagte Wieler. In Relation zur Gesamtzahl an Proben ist das aber immer noch ein geringer Anteil.

Wie ist die Erfahrung anderer Länder?

Experten blicken etwa nach Dänemark, wo engmaschig nach Varianten geschaut wird: Erst am Donnerstag warnte das dortige Gesundheitsinstitut SSI davor, dass sich B.1.1.7 trotz strikter Lockdown-Maßnahmen weiter ausbreite. Zum Jahreswechsel hatte man B.1.1.7 in 2,3 Prozent der analysierten positiven Corona-Stichproben gefunden. Seitdem geht es von Woche zu Woche steil aufwärts: In der letzten Januarwoche wurde die Variante bereits in fast jeder fünften analysierten Probe (19,5 Prozent) nachgewiesen. Die dortigen Gesundheitsbehörden schätzen, dass die Variante Anfang März den Großteil der Infektionen im Land ausmachen wird. In Portugal, wo sich die Corona-Lage zuletzt stark zuspitzte, habe die Variante bereits 60 Prozent Anteil, sagte Wieler.

Lässt sich die Ausbreitung der Variante noch stoppen?

Der Virologe Christian Drosten hatte vor rund zwei Wochen gesagt, er vermute vor allem eine Einschleppung der Varianten über Weihnachten und sehe noch ein Zeitfenster, um die Ausbreitung im Keim zu ersticken. Zwischenzeitlich war von anderen Experten zu hören, dass die Verbreitung doch schon größer sei als angenommen. Wieler sagte nun, dass die Ausbreitung von Sars-CoV-2 und den Varianten zumindest verlangsamt werden müsse. Bei Lockerungen brauche es konsequente Schutzkonzepte, und generell sollten die Zahlen so stark wie möglich gedrückt werden. Die Virologin Melanie Brinkmann sagte dem «Spiegel» (Online am Freitag), es könnten niemals genügend Menschen geimpft werden, «bevor die Mutanten durchschlagen». Dieser Wettlauf sei längst verloren.

Welche Rolle spielen die Varianten für den Lockdown?

Die entscheidende. Das macht auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor ihrer mit Spannung erwarteten Schalte mit den Ministerpräsidenten an diesem Mittwoch deutlich. Hier soll entschieden werden: Gibt es Lockerungen - oder werden die zunächst bis 14. Februar geplanten Einschränkungen verlängert? Das kann Merkel nach ihren Angaben noch nicht sagen, «weil ich mir angucken muss, wie weit ist das britische Virus schon vorgedrungen», wie sie in einem Interview sagt. Teile der Wirtschaft und manche Elternvertreter üben Druck hin zu Lockerungen auf die Politiker aus.

Gibt die Politik Druck hin zu Lockerungen nach?

Das muss nicht sein. In der Politik hat sich die Ansicht durchgesetzt, trotz aller Einschränkungen teils zu spät und zu inkonsequent gehandelt zu haben - vor allem mit dem «Lockdown light» vom November, der geradewegs in höhere Infektionszahlen und in den härteren Lockdown seit 16. Dezember führte. Öffentlich auf der Bremse bei Lockerungen stehen Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD). Als ausgemacht gilt: Wenn, dann sollen als erstes Kitas und Schulen wieder mehr öffnen.

© dpa-infocom, dpa:210205-99-320082/3

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