Wegen Corona
Kostenlose Reservierung für Bahnkunden gefordert

Abstand halten im Zug ist nicht immer einfach, zuweilen unmöglich. Doch wenn deshalb Reservierungen Pflicht würden, wären Reisende weniger flexibel. In der Debatte gibt es einen neuen Vorschlag.

Sonntag, 16.08.2020, 16:09 Uhr aktualisiert: 16.08.2020, 16:26 Uhr
Wer mit der Bahn fährt, zahlt für die Reservierung derzeit 4,50 Euro. In der ersten Klasse ist der feste Sitzplatz im Fahrpreis enthalten.
Wer mit der Bahn fährt, zahlt für die Reservierung derzeit 4,50 Euro. In der ersten Klasse ist der feste Sitzplatz im Fahrpreis enthalten. Foto: Daniel Bockwoldt

Berlin (dpa) - Bahnreisende im Fernverkehr sollten aus Verbraucherschützer-Sicht in der Corona-Krise kostenlos einen Sitzplatz reservieren können.

«Neben der Maskenpflicht ist Abstand einfach das Beste, was wir zur Zeit tun können», sagte Klaus Müller, der Vorstand des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, der Deutschen Presse-Agentur. Züge dürften nicht voll gedrängt sein.

«Auf viel befahrenen Strecken muss die Bahn deshalb zusätzliche Waggons einsetzen, die Belegung mit intelligenter Technik im Zug entzerren und bevorzugt Reisende mit Reservierung einsteigen lassen», sagte Müller. «Wobei die Reservierungsgebühren im Fernverkehr während Corona entfallen sollten.»

Wer zweite Klasse fährt, zahlt für die Reservierung derzeit vier Euro, für eine Familie sind es acht Euro. In der ersten Klasse ist der feste Sitzplatz dagegen beim Flex- und Sparpreis inklusive. In den vergangenen Tagen waren wieder Forderungen nach einer Reservierungspflicht laut geworden.

Dies lehnt die Deutsche Bahn bislang ab und wollte dem am Samstag nichts hinzufügen. «Unsere Kunden schätzen die Flexibilität», hatte Vorstandschef Richard Lutz erst vor Kurzem wieder betont. Für die Bahn ist das flexibele Zusteigen auch ein wichtiges Verkaufsargument im Wettbewerb mit dem Flugzeug.

Nach Lutz' Angaben versucht der Konzern, über die Buchungssysteme zu vermeiden, dass mehr als die Hälfte der Plätze in einem Zug gebucht werden. Mitunter verteile das Zugpersonal die Fahrgäste, um Abstände zu gewähren. Reinigung, Desinfektion, Lüftung und die Maskenpflicht führten zusätzlich dazu, dass es «so gut wie keine Ansteckungsgefahr» in den Zügen gebe, wie Lutz erklärte.

Die Deutschen sind in der Frage der Reservierungspflicht gespalten. Auf der einen Seite unterstützen 34 Prozent den Kurs der Bahn, wie eine YouGov-Umfrage in dieser Woche ergab. Auf der anderen Seite sind demnach 40 Prozent eher oder sogar voll und ganz dafür, die Reservierung obligatorisch zu machen.

Die Vorsitzende der Verkehrsministerkonferenz, die saarländische Ressortchefin Anke Rehlinger (SPD), sagte am Donnerstag im Bayerischen Rundfunk, die Frage sei noch nicht abschließend geklärt. Die Idee sei grundsätzlich richtig, praktische Fragen aber noch offen.

Müller schlägt mit der kostenlosen Reservierung einen Mittelweg vor. «Es gibt einen Zwiespalt, der ist unauflösbar: zwischen möglichst vielen Menschen, die wieder Bahn fahren sollen, und Abstandsregeln wegen der Corona-Pandemie.» Die Bahn habe aber die Chance, sich als sicheres und zuverlässiges Verkehrsmittel zu präsentieren.

Skeptisch reagierte der Fahrgastverband Pro Bahn. «Das kann man machen, aber es wird das Problem nicht lösen», sagte er Ehrenvorsitzende Karl-Peter Naumann. Es gebe bisher keine Hinweise darauf, dass es im Fernverkehr viele Infektionen gebe.

Sorgen macht Pro Bahn dagegen der Nahverkehr, wo nur in wenigen Fällen Reservierungen möglich sind. «Das Problem sind die S-Bahn, die U-Bahn und die Busse, wenn die Leute dicht gedrängt stehen, zum Teil noch außer Atem, weil sie gerannt sind.» Dort müsse konsequenter kontrolliert werden, dass alle Masken tragen. Nach Branchenangaben steigt die Zahl der Maskenverweigerer.

Verbrauchervertreter Müller rief die Deutsche Bahn auf, kundenfreundlicher auf Verstöße gegen die Maskenpflicht zu reagieren. «Wir hören, dass die meisten Verbraucher die Maske aus Vergesslichkeit und Nachlässigkeit nicht aufsetzen», sagte Müller. In solchen Fällen könnten Zugbegleiter mit einem Mund-Nasen-Schutz aushelfen. «Wer sich dennoch verweigert, den muss die Bundespolizei aus dem Zug holen.»

© dpa-infocom, dpa:200815-99-176866/4

 

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