Verkehrsmittel der Stunde
Fahrrad-Boom: Ansturm auf Radläden nimmt kein Ende

Das Fahrrad ist auf dem Weg zum Krisengewinner. Im Gegensatz zu vielen anderen Einzelhändlern können sich Radgeschäfte vor Kunden kaum retten. Nach einem vermiesten Saisonstart geht es nun kräftig aufwärts.

Freitag, 03.07.2020, 07:17 Uhr aktualisiert: 03.07.2020, 07:20 Uhr
Bambusfahrräder in einem Verkaufsraum. Das Kieler Unternehmen "My Boo" besteht seit 2012.
Bambusfahrräder in einem Verkaufsraum. Das Kieler Unternehmen "My Boo" besteht seit 2012. Foto: Frank Molter

Berlin (dpa) - Der Fahrrad-Boom in der Corona-Krise hält unvermindert an. «Der Mai war der stärkste Monat, den die Branche jemals erlebt hat», sagte David Eisenberger vom Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) der Deutschen Presse-Agentur.

Ihm zufolge hat ein Großteil der Hersteller die coronabedingten Einbußen wieder aufgeholt. Er gehe inzwischen davon aus, dass die Umsätze auf Vorjahresniveau liegen werden - vorausgesetzt, es gäbe keinen neuerlichen Lockdown.

Zugleich hätten Hersteller und Händler mit Engpässen und Verzögerungen zu kämpfen. Vor allem bei Einstiegsrädern und E-Bikes seien einzelne Modelle vergriffen, sagt der Verbandssprecher. Spürbaren Mangel gebe es auch bei Kinderrädern. «Es wird mit Hochdruck nachproduziert, aber bei den Herstellern gibt es ebenfalls Einschränkungen durch Hygieneauflagen.» Es sei empfehlenswert, mehrere Händler anzusteuern und sich außerhalb der Ballungsgebiete umzuschauen, rät Eisenberger.

Möglicherweise stehen die größten Lieferengpässe aber noch bevor. «Der Ausfall asiatischer Vorlieferanten wird erst in ein bis zwei Monaten richtig relevant werden», meint Tobias Hempelmann vom Verband des Deutschen Zweiradhandels (VDZ) und selbst Radhändler. Auch ohne Corona-Krise sei 2020 wetterbedingt ein Super-Radjahr. Weil aber gerade in Städten viele Menschen auf das Rad umgestiegen seien und den öffentlichen Nahverkehr meiden, sei die Nachfrage enorm gestiegen. Der Trend zu Urlaub im eigenen Land tue sein Übriges. «Die Branche arbeitet an der Grenze des Machbaren», so der Händler aus Nordrhein-Westfalen, für den 80-Stunden-Wochen derzeit Normalität sind.

«Die Kollegen in den Fahrradgeschäften machen Überstunden wie nichts Gutes», bestätigt Albert Herresthal vom Verbund Service und Fahrrad, der ebenfalls den Fachhandel vertritt. Die Umsätze seien je nach Ladentyp und Region unterschiedlich. «Wir liegen aber größtenteils überall im Plus.» Wann sich die Lage mit Blick auf gestörte Lieferketten und daraus resultierende Engpässe wieder komplett normalisiere, sei noch nicht absehbar. Die Verbände rechnen damit aber nicht vor Ende des dritten Quartals.

Auch der Traditionshersteller Diamant aus dem sächsischen Hartmannsdorf kann sich vor Aufträgen kaum retten. «Der Mai war unser stärkster Monat in der freien Marktwirtschaft», meint Brand Manager Thomas Eichentopf. Das Unternehmen - seit 135 Jahren am Markt - habe teilweise die Einführung neuer Modelle vorgezogen und stelle inzwischen gar neue Mitarbeiter ein.

Selbst kleine Manufakturen profitieren: Das Unternehmen my Boo baut Bambusfahrräder. Die handgefertigten Rahmen entstehen im Rahmen eines sozialen Projekts in Ghana, montiert werden die Räder in Kiel. «Nach einer kleinen Delle zu Beginn der Corona-Krise hat die Nachfrage spürbar angezogen», berichtet Mitgründer Jonas Stolzke. Er betreibt außerdem drei Radgeschäfte in der Region, darunter einen reinen E-Bike-Laden. Die Verkaufszahlen in diesem Segment hätten sich gegenüber 2019 nahezu verfünffacht.

Bei der Infrastruktur kommt der Wandel hingegen nur sehr langsam in Gang, kritisiert der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC). Schnelle Lösungen wie die etwa 20 Kilometer «Pop-up-Bike-Lanes» in Berlin, also kurzfristig eingerichtete Radwege, hätten bundesweit nur eine Handvoll Nachahmer gefunden. «Der Bedarf nach mehr und besseren Radwegen war schon vor Corona da - die Engpässe verschärfen sich jetzt durch den Corona-Radboom», sagt ADFC-Sprecherin Stephanie Krone.

© dpa-infocom, dpa:200703-99-655808/2

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