«Corona belastet»
Nachhaltiger Aufschwung? Wieder mehr Existenzgründungen

Nach steigenden Zahlen im vergangenen Jahr versprach auch 2020, ein gutes Jahr für Unternehmensgründer zu werden. Die Corona-Pandemie könnte viele Pläne durchkreuzen. Und auch grundsätzlich sehen Experten Verbesserungsbedarf am Gründungsstandort Deutschland.

Donnerstag, 02.07.2020, 11:48 Uhr aktualisiert: 02.07.2020, 11:50 Uhr
Zentrale der KfW Bankengruppe in Frankfurt am Main. Die Zahl der Existenzgründungen in Deutschland ist erstmals seit fünf Jahren wieder gestiegen.
Zentrale der KfW Bankengruppe in Frankfurt am Main. Die Zahl der Existenzgründungen in Deutschland ist erstmals seit fünf Jahren wieder gestiegen. Foto: Frank Rumpenhorst

Frankfurt/Main (dpa) - Die Gründerszene in Deutschland hat erstmals seit Jahren wieder Auftrieb - doch die Corona-Krise könnte den positiven Trend schon 2020 wieder umkehren.

«Ich erwarte, dass Gründungspläne unter dem Eindruck der aktuell existenzbedrohenden Lage vieler Selbstständiger teilweise verschoben werden», sagte KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib bei der Vorstellung aktueller Zahlen der staatlichen Förderbank am Donnerstag in Frankfurt.

Im vergangenen Jahr machten sich demnach 605.000 Menschen hierzulande selbstständig und damit 58.000 mehr als ein Jahr zuvor. Dabei blieb die Zahl der Gründerinnen mit 215.000 fast unverändert, während es bei Männern nach vier Jahren mit rückläufigen Zahlen 2019 wieder mehr Existenzgründer gab: Ihre Zahl legte um 59.000 auf 390.000 zu.

«Der Ausblick für das Gründungsjahr 2020 war positiv, doch die Corona-Pandemie belastet», führte Köhler-Geib aus. Vier von zehn Planungen würden angesichts der unsicheren wirtschaftlichen Lage verschoben. «Was mich ermutigt: Es gibt immer noch sechs von zehn Gründenden, die an ihrem Plan festhalten.»

Ein weiterer Effekt: Steigende Arbeitslosenzahlen dürften dazu führen, dass mehr Menschen aus der Not heraus den Schritt in ein eigenes Unternehmen wagen. «Vielleicht überwiegt dieser Effekt, so dass wir in den nächsten Monaten sogar etwas mehr Gründungen sehen werden. Aber das ist bisher noch Spekulation», sagte Köhler-Geib.

Im vergangenen Jahr wurde die Entwicklung allein von einem deutlichem Plus bei Nebenerwerbsgründungen getrieben. Diese legten um 85.000 auf 377.000 zu. Dagegen ging es bei den Gründungen, mit denen Menschen vollständig ihren Lebensunterhalt verdienen, weiter abwärts auf einen neuen Tiefpunkt von 228.000 - ein Minus bei den sogenannten Vollerwerbsgründungen von 27.000 zum Vorjahr.

«Der Anstieg der Gründerzahl im Jahr 2019 ist vorerst (...) nur eine Momentaufnahme vor dem Hintergrund einer seit Jahren sinkenden Gründungstätigkeit in Deutschland», schreiben die KfW-Ökonomen. Vor allem die lange sehr gute Lage auf dem Arbeitsmarkt bremste das Interesse an einer Selbstständigkeit. Zudem machen die Experten «schwindenden Gründergeist» aus: Der Wunsch nach beruflicher Selbstständigkeit habe tendenziell abgenommen - nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern.

In etwa jedem vierten Fall der 605.000 Existenzgründungen des Jahres 2019 geben die Beteiligten an, aus der Not heraus den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt zu haben - also weil keine bessere Erwerbsalternative in Sicht war. Knapp drei Viertel der Gründerinnen und Gründer jedoch sahen die Chance, durch ein eigenes Unternehmen eine Geschäftsgelegenheit zu nutzen.

«Deutschland ist ein guter Gründungsstandort mit Raum für Verbesserungen», stellte Köhler-Geib fest. «Wir haben im Moment noch eine gute Infrastruktur - da müssen wir investieren, dass das auch so bleibt.» Verbesserungsbedarf sehen Gründer wie Fachleute vor allem im Bildungssystem. «Wir müssen darüber nachdenken: Was sind denn die Fähigkeiten, die junge Menschen in die Lage versetzen, ein erfolgreiches Unternehmen zu gründen? Das muss in die Schulen reingetragen werden», sagte die KfW-Chefvolkswirtin.

Im Vergleich der Bundesländer ist das Gründungsgeschehen seit Jahren in Berlin am regsten. Nach KfW-Berechnungen begannen in der Bundeshauptstadt im Durchschnitt der Jahre 2017 bis 2019 von 10.000 Erwerbsfähigen jährlich 198 Personen eine selbstständige Tätigkeit.

Brandenburg (155 Existenzgründungen pro 10.000 Erwerbsfähigen) tauscht mit Hamburg den Platz und liegt unter den 16 Bundesländern erstmals an zweiter Stelle. «Es ist zu vermuten, dass die überdurchschnittliche Gründungstätigkeit in Berlin in dessen Peripherie ausstrahlt, weil Gründerinnen und Gründer ihre Stand- oder Wohnorte beispielsweise kostenbedingt in den "Speckgürtel" verlagern», erklärt die KfW. Hamburg kann mit 122 Existenzgründungen je 10.000 Erwerbsfähige knapp Platz 3 vor Bayern (121) behaupten.

Viele neue Jobs entstehen durch die meisten Existenzgründungen nicht: In 79 Prozent der Fälle handelt es sich um Soloprojekte. Dennoch wurden der KfW zufolge im Jahr 2019 durch Neugründungen im Voll- und Nebenerwerb 151.000 vollzeitäquivalente Arbeitsplätze geschaffen. Allerdings zeigt die Erfahrung, dass etwa jede dritte Existenzgründung die ersten drei Geschäftsjahre nicht übersteht.

© dpa-infocom, dpa:200702-99-644934/3

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