Ein Fehler, ein Stich
«Knast-Bienen» bringen Häftlingen Geduld bei

In Nordrhein-Westfalen sollen rund drei Millionen «Knast-Bienen» helfen, aus Kriminellen verantwortungsbewusstere Menschen zu machen. Was sie bei dem Projekt lernen können? Dass es wehtun kann, sich nicht an Regeln zu halten.

Freitag, 26.04.2019, 15:05 Uhr
Ein Häftling füllt ein Glas Bienenhonig in der Gefängniswerkstatt ab.
Ein Häftling füllt ein Glas Bienenhonig in der Gefängniswerkstatt ab. Foto: Federico Gambarini

Remscheid/Leichlingen (dpa) - Konzentriert sitzt Mohamed mit Mundschutz und weißen Handschuhen vor dem großen Edelstahl-Behälter und verschraubt sorgfältig ein Glas mit bernsteinfarbenem Honig.

Wegen Körperverletzung sitzt der 24-jährige Deutsche mit marokkanischen Wurzeln seit Mai 2018 in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Remscheid in Nordrhein-Westfalen. Dort nimmt der schüchtern wirkende Hagener an einem Imker-Programm teil, mit dem die Anstalt neue Wege beschreiten will: Gefangene sinnvoll und mit therapeutischem Effekt zu beschäftigen und dabei auch noch etwas für den Umweltschutz zu tun - in Zusammenarbeit mit über drei Millionen «Knast-Bienen».

Nordrhein-Westfalens Justizminister Peter Biesenbach (CDU) wirbt dafür, «dass dieses Beispiel über die Landesgrenzen hinaus Schule macht». Vereinzelt gibt es Imkereien zwar auch in anderen Gefängnissen in Deutschland, aber NRW verfolgt einen besonderen Ansatz: Hier beteiligen sich bereits mehrere Anstalten in Arbeitsteilung an dem Projekt, und es gibt eine Kooperation mit Hofläden und Bauern, die Häftlingen im offenen Vollzug erlauben, an den Bienenhäusern in ihren Obsthainen zu arbeiten.

Die fürsorgliche Arbeit mit den Bienen ist ein ungewöhnliches Programm in einem reinen Männer-Gefängnis, in dem sich viele harte Jungs sonst eher über Muskeln und Macho-Gehabe hervortun. Initiator der Honigproduktionsstraße ist der Chef der JVA-Arbeitsverwaltung Jürgen Krämer.

40 Jahre Knast hat er als Justizvollzugsbeamter auf dem Buckel. Seit langem habe er gegrübelt, wie man die Gefangenen sinnvoller auf das Leben nach der Haft vorbereiten könnte, erzählt der 62-Jährige. «Die Beschäftigung draußen hat sich geändert.» Schreiner und Schlosser aus dem Knast seien kaum noch unterzubringen.

Im Frühjahr 2016 ging Krämer nach einem Lehrgang mit seinem Imkerprogramm an den Start und schaffte die ersten Bienen an. Inzwischen haben sich auch Anstalten in Castrop-Rauxel, Gelsenkirchen und Schwerte angeschlossen. Zusammen arbeiten sie derzeit mit 68 Bienenvölkern und einer Jahrespopulation zwischen drei und vier Millionen Tieren. Damit lässt sich rund eine Tonne Honig produzieren.

Die Anstalten teilen sich die Arbeit: Bienenhäuser schreinern, Wachsplatten fertigen, die Bienen pflegen, Honig ernten, schleudern und alle Materialien regelmäßig penibel reinigen.

Mohamed aus Syrien baut Honig-Präsent-Kästchen aus Restholz und alten Paletten. «Früher war ich aggressiver mit der Familie. Das ist vorbei mit den Bienen. Man braucht seeeehr viel Geduld», erzählt der 48-Jährige, der wegen eines Gewaltdelikts an seiner Ex-Frau seit August 2018 in der JVA Remscheid sitzt. Krämer grinst. «Wer mit Bienen arbeitet, muss sich an Regeln halten, sonst folgt die Bestrafung sofort: ein Fehler, ein Stich - und dann tut es weh.»

Krämer ist überzeugt von der Wirkung des Projekts: «Das ist ein Integrationsprogramm für jeden: für Flüchtlinge, für Häftlinge aus der Türkei, Nordafrika, Russland oder dem Nahen und Fernen Osten, die oft kaum Deutsch sprechen, ebenso wie für viele andere, die nur diese eine Chance haben. Das sind die, die sonst in allen Knästen Theater machen und nur auf Zelle hängen.»

Raus aus der Zelle auf die Felder mit den blühenden Obstbäumen und den hölzernen Bienenhäusern kommen aber nur Gefangene aus dem offenen Vollzug. Der Bergische Bauernhof Conrads in Leichlingen hat der JVA Remscheid erlaubt, die sogenannten Bienenbeuten am Rand ihrer Obstbaumfelder aufzustellen und die Gefangenen dort arbeiten zu lassen. Darüber hinaus werden im anstaltseigenen Bienengarten ein paar Völker gepflegt und betreut.

Tausende Bienen fliegen in der Sonne von Obstblüte zu Obstblüte und bringen die Pollen emsig in ihre Behausungen. «Mit Bienen ist man in der Natur. Man entschleunigt und bekommt ein anderes Bild von der Welt», sagt Krämer, während er über die ländliche Idylle blickt. «Viele kennen das so nicht. In die JVA kommen Menschen mit vielen Defiziten. Sie sind es gewohnt, sich Selbstbestätigung durch Aggression zu holen. Hier nicht.» Aggressive Häftlinge kommen gar nicht erst in das begehrte Bienen-Projekt. «Es gibt Nicht-Therapierbare. Die werden weggesperrt.»

Krämer hofft, dass viele Häftlinge aus dem Bienen-Programm sich später in der Freiheit Imker-Vereinen anschließen. Anders als bei der meist frustrierenden Jobsuche frage hier niemand, was sie in den vergangenen Jahren getan hätten, meint er. Hier könnten sie fortführen, was sie in der Anstalt gelernt haben. «Es gibt noch was anderes als Saufen und in der Kneipe rumhängen. Das heißt nicht, dass das allein schon Straftaten verhindert.»

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