Kunst
Vor 25 Jahren starb der Grafiker Gerhard Altenbourg

Altenburg (dpa) - Dass der Maler und Grafiker Gerhard Altenbourg in der DDR nicht anerkannt wurde, verwundert bei einem Blick auf seine Arbeiten kaum. Stehen doch seine vielschichtigen Zeichnungen und abstrakten Drucke quer zum vorgegebenen Realismus sozialistischer Couleur.

Freitag, 26.12.2014, 09:33 Uhr

Auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs stieß sein Werk dagegen auf Bewunderung, war begehrt bei Sammlern und ist im New Yorker Museum of Modern Art zu finden. Vor 25 Jahren (30. Dezember) riss ein Autounfall den Künstler jäh aus dem Leben.

Seine Kunst sei jetzt zwar anerkannt, aber erkannt sei sie bisher weder im Osten noch im Westen beim breiten Publikum, konstatiert Julia M. Nauhaus , Chefin des Altenburger Lindenau-Museums und der Stiftung Gerhard Altenbourg . Altenbourg gilt vielen bis heute als Außenseiter, als Einzelgänger.

Familie Ströch - so sein eigentlicher Name - lebte lange in ärmlichen Verhältnissen: Der Vater, ein Baptistenprediger, starb 1941, eine Witwenrente gab es für Altenbourgs Mutter nicht. Für seine künstlerische Arbeit zog er sich in sein Elternhaus im ostthüringischen Altenburg zurück, einzelne Werke hat er immer wieder überarbeitet - teils über Jahre hinweg.

Das Haus wurde seine Zuflucht angesichts einer ihm lange feindlich gesonnenen repressiven DDR-Kulturpolitik. So nahm der 1926 in Rödichen-Schnepfenthal bei Gotha geborene Künstler auch den Namen der Stadt Altenburg leicht verfremdet an. In seinem eigenen Land konnte er kaum ausstellen, wurde 1964 sogar verurteilt wegen Übertretung von Zollgesetzen.

Altenbourg erhielt nach dem Zweiten Weltkrieg Malunterricht, arbeitete als Schriftsteller und studierte von 1948 bis 1950 an der Kunsthochschule in Weimar. Doch er ist unangepasst, fügt sich nicht in den vorgegebenen «sozialistischen Realismus», sondern entwickelt auf der Suche nach Individualität eine poetische Bildsprache. So wird er einer der wichtigsten oppositionellen Künstler der DDR mit Wirkung weit über deren Grenze hinaus. 1959 nimmt er an der documenta II in Kassel teil, kann als DDR-Bürger die internationale Entwicklung der Kunst später aber nur noch indirekt über Bücher und Bildbände verfolgen.

Prägend für sein künstlerisches Schaffen ist zunächst seine Erfahrung aus den letzten beiden Kriegsjahren, in denen er als Infanterist an die Ostfront muss. Altenbourg hat die Kriegserfahrung nicht verdrängt wie andere seiner Generation, sondern zugelassen und ist darüber unter anderem zum Abstrakten gekommen. Später gelingt es ihm, sich von diesen Bedrängnissen zu lösen, seine Arbeiten werden ab 1950 farbiger und mehrschichtiger. «Er fängt 1959 mit Holzschnitten an - das ist eine völlig andere Welt», erklärt Nauhaus. «Da löst er sich total von dieser Ästhetik des Zerstörerischen und wird unglaublich frei.» Und er entwickelt große Experimentierfreude: Nach ersten Holzschnitten in Schwarz-Weiß, in denen er mit Fundstücken wie Teilen von Stühlen arbeitet, setzt er Farbe ein, er schneidet tiefe Furchen ins Holz, spielt mit Motiven. 

Altenbourgs Schaffen - insbesondere die Entwicklung seines Spätwerks - endete vor 25 Jahren abrupt mit seinem Unfalltod im Alter von 63 Jahren. Dabei kamen in der Nähe von Meißen drei weitere Menschen ums Leben. Sein Grabstein trägt außer Namen und Lebensdaten nur ein Wort: «Unverwehet». Sein Œuvre umfasst mehr als 3000 Zeichnungen, etwa 1000 Gedichte und Texte; das dreibändige Werkverzeichnis von Annegret Janda zählt 200 Lithographien 218 Radierungen und 269 Holzschnitte - tatsächlich seien es jedoch noch mehr, erklärt Nauhaus. Die systematische Aufarbeitung des Nachlasses durch eine nach ihm benannte Stiftung hat erst begonnen.

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