Kunst
Wael Shawky: Kreuzzug der Glas-Marionetten

Düsseldorf (dpa) - Damaskus, Bagdad, Aleppo - diese Schauplätze blutiger Konflikte im Nahen Osten kann man täglich in den Fernsehnachrichten sehen. In Europa ist nicht erst seit dem Vormarsch der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) eine Debatte über den Islam entbrannt - zumeist aus rein westlicher Sicht.

Dienstag, 02.12.2014, 12:00 Uhr

Ein spannendes Experiment wagt der ägyptische Künstler Wael Shawky . Er zwingt zu einem Perspektivwechsel, indem er die arabische Sicht auf die europäische Kultur vorführt. Shawky führt uns an die gleichen Schauplätze , aber zurück in die Zeit der mittelalterlichen Kreuzzüge gegen die Muslime.

Mit seiner Video-Folge «Cabaret Crusades» erregte der 1971 im ägyptischen Alexandria geborene Shawky bereits Aufsehen auf der documenta 2012. Shawky lässt kunstvoll gearbeitete Marionetten - halb Mensch, halb Fabelwesen - kindlich und grausam zugleich die Invasion der Kreuzritter im Namen des Christentums im 11. und 12. Jahrhundert aus konsequent arabischer Sicht nachspielen.

Den dritten und letzten Teil seiner Trilogie hat Shawky mit Marionetten aus Murano-Glas in den vergangenen Wochen in der Kunstsammlung NRW produziert, und zwar vor den Augen der Besucher. Diese konnten durch eine große Glasscheibe beobachten, wie Shawky und sein internationales Team von Kameraleuten bis zu professionellen Marionettenspielern die Szenen vor dem Hintergrund orientalischer Stadtkulissen drehten.

Die Uraufführung von Ausschnitten aus «The Secrets of Karbalaa» ist am 4. Dezember im K20 zu erleben. Kommendes Jahr wird die gesamte Trilogie dann im Museum of Modern Art in New York gezeigt.

«Der erste große Zusammenprall von Orient und Okzident waren die Kreuzzüge», sagt Shawky. Er will «Cabaret Crusades» aber nicht als politische Antwort auf die Umbrüche in der arabischen Welt wissen. Er habe die Filme schon 2010, also vor Beginn der Revolutionen, begonnen. «Aber man kann den Realitäten nicht entkommen», räumt er ein. «Man sieht Dinge, die einen an vieles erinnern, das heute passiert.»

Shawky betont, dass er «nicht an eine einzige Version von Geschichte» glaubt. Durch das Spiel mit Marionetten, die an immer sichtbaren Fäden und Stangen hängen, wirkt Geschichte wie inszeniert und ferngesteuert. Die Puppen wackeln, sind ständig in Bewegung, und manche haben erschreckend lebendige Gesichtszüge.

Die Trilogie umfasst die Zeit von 1095 bis 1204, vom Aufruf zum Ersten Kreuzzug durch Papst Urban II. bis zur Zerstörung Konstantinopels. Fassungslos und entsetzt reagiert im ersten Film eine hochzivilisierte muslimische Gesellschaft auf die barbarischen Invasoren aus dem Abendland. Jerusalem liegt nach dem Massaker der Kreuzritter in Trümmern.

Mit dem dritten Teil wird «Cabaret Crusades» zu einem monumentalen Kunstwerk aus Theater und Film. Nicht nur die Figuren bewegen sich, sondern auch die orientalische Stadtkulisse, die auf einer Drehbühne aus drei motorgesteuerten Ringen steht. Die Bühne erinnert nicht nur an die mittelalterliche Vorstellung von der Erde als Scheibe, sondern verdeutlicht auch die durch die Kreuzzüge angestoßene Verschiebung des Machtgefüges im Nahen Osten. Am Ende liegt alles in Scherben - ein Sinnbild für das zerstörerische Ausmaß des Fanatismus der christlichen Glaubenskämpfer.

Eingeschoben sind Rückblicke auf die Schlacht um Kerbela von 680, die die bis heute hochbrisante Aufspaltung des Islam in Schiiten und Sunniten besiegelte. «Vieles, was man heute im Irak sieht, ist das Erbe dieses Kampfes um Kerbela», sagt Shawky. Dass Shawky, der in Ägypten und in den USA Kunst studierte, auch solch hochsensible Themen der arabischen Welt mit seiner Kunst anspricht, mag einer der Gründe dafür sein, dass er seine Filme in Ägypten nicht zeigen kann.

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