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Die Magie der Kistendeckel: 50 Jahre Kater Mikesch

Augsburg (dpa) - Bereits am Morgen stellte sich eine gewisse Unruhe ein, später konnte man nicht schnell genug vom Mittagstisch aufstehen, um den Fernseher einzuschalten.

Sonntag, 16.11.2014, 15:14 Uhr

Schon das Pausenzeichen des Hessischen Rundfunks war eine Verheißung, gefolgt von der Ansagerin mit ihrem «Liebe Kinder, es ist wieder soweit...» Dann der große Moment: Wie ein «Sesam, öffne dich» klappten die Kistendeckel mit der Aufschrift « Augsburger Puppenkiste » auf. In den 60er und 70er Jahren war das große Magie für die Kinder der jungen Bundesrepublik. Und einer ihrer Lieblingshelden aus der Kiste hieß Kater Mikesch, der vor 50 Jahren, am 22. November 1964, erstmals auf Sendung ging. In Schwarzweiß.

Der Schriftsteller Burkhard Spinnen, geboren 1956 in Mönchengladbach, kann sich noch lebhaft an die erste Wiederholung zu Ostern 1965 erinnern. Er erlebte es als Tragödie, dass er die sechste und letzte Folge aufgrund der katholischen Feier zu seiner Erstkommunion verpasste - er musste zur Sendezeit noch einmal in die Kirche zur Mittagsandacht. Deshalb bat er seinen Vater, die Folge für ihn zu verfolgen und ihm anschließend Bericht zu erstatten. Es ging um eine Frage von größer Wichtigkeit: Würde der sprechende Kater den von ihm versehentlich zerdepperten Rahmtopf seiner Großmutter ersetzen und erhobenen Hauptes in sein Heimatdorf Holleschitz zurückkehren können?

«Leider wusste mein Vater nicht mehr zu sagen, als dass alles gut ausgegangen sei», erzählt Spinnen. Wie genau Mikesch das Geld für den neuen Rahmtopf zusammenbekommen hatte - an solche Details konnte sich der Vater nicht mehr erinnern. Spinnen wurde von einem Gefühl der Verzweiflung erfasst. Denn es gab ja noch keine Mediathek, keine DVDs, die es ihm erlaubt hätten, das Versäumte nachträglich anzuschauen. Das Einzige, was man in solchen Fällen machen konnte, war, fortan besonders aufmerksam die elterliche Programmzeitschrift zu durchforsten, in der Hoffnung, dass die Reihe noch einmal wiederholt werden würde. Darüber konnten Jahre vergehen.

Die Augsburger Puppenkiste war berühmt für ihre Special Effects, die man damals allerdings nicht so nannte. «Es gab 'ne Menge Krempel», entsinnt sich Spinnen. «Wagen, Schiffe, Wasser.» Das Wasser aus durchsichtiger Plastikfolie wurde besonders bewundert - die Post-«Star Wars»-Generation würde sich totlachen. Dass man oft noch sah, aus welchem Material die Kulissen gemacht waren - Karton, Watte, Pappmasche - animierte zum Nachbasteln. Mikesch und seine Freunde, der Ziegenbock Bobesch und das Schwein Paschik, ließen sich mit Stofftieren darstellen. Das war also kein reines Konsumieren, das war interaktiv.

Josef Göhlen (83), damals Leiter der Redaktion Kinder und Jugend beim Hessischen Rundfunk, weiß noch, wie er zusammen mit dem Drehbuchschreiber der Puppenkiste, Manfred Jenning , den Mikesch aus der Taufe hob. Vorlage war das Buch des tschechischen Autors Josef Lada, das gerade von Otfried Preußler übersetzt wurde. «Der große Erfolg liegt an der Figur und an Manfred Jenning», sagt Göhlen. «Manfred Jenning hat die ganzen Klassiker doch geprägt mit seinem Humor, seinem schwäbisch-bayerischen Humor, der ja sehr leise ist, auch ironisch. Aber diese Ironie hat niemandem wehgetan, im Gegenteil. Später haben wir das ja nie mehr geschafft, nach dem Tod von Manfred Jenning, diesen Charme wiederherzustellen.»

1985 wurde Mikesch von der Puppenkiste und dem HR noch einmal neuverfilmt: in Farbe und mit viel schöneren Figuren und Kulissen. Aber das Rad der Zeit hatte sich schon weitergedreht, die Puppenkiste ihren Straßenfeger-Status verloren. Die großen Pioniere der kleinen Bühne waren da auch alle schon tot: der Hausautor und Regisseur Manfred Jenning (1929-1979), der Gründer und Leiter Walter Oehmichen (1901-1977) und die unverkennbare Stimme von Mikesch und Urmel, Max Bößl (1925-1973).

Göhlen hat den Mikesch-Stoff in den letzten Jahren hier und dort nochmal angeboten, «wie warme Semmeln, meinetwegen sogar in 3D, aber keiner will's haben». Den Grund dafür meint er zu kennen: «Es poltert und kracht eben nicht. Es ist ja eine ganz leise, poetische Geschichte, und sowas ist heute nicht mehr gefragt.»

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