Rassismus in den USA
Obamas Vision bleibt ein Traum

Münster/Washington -

Rassismus in den USA - eine unendliche Geschichte. Eigentlich sollte schon mit US-Präsident Barack Obama alles besser werden. Doch nun droht die Gesellschaft zu kippen...

Mittwoch, 03.06.2020, 21:30 Uhr aktualisiert: 10.06.2020, 14:53 Uhr
Demonstranten und Polizisten, darunter Chief Vanessa Wilson (M,l), knien zusammen für acht Minuten und 46 Sekunden während eines friedlichen Protests gegen Polizeibrutalität und Rassismus, nach dem Tod von George Floyd. Foto: dpa
Demonstranten und Polizisten, darunter Chief Vanessa Wilson (M,l), knien zusammen für acht Minuten und 46 Sekunden während eines friedlichen Protests gegen Polizeibrutalität und Rassismus, nach dem Tod von George Floyd. Foto: dpa

Es geschah in einem Schnellrestaurant in Alabama. Offenbar hatte eine dunkelhäutige Putzkraft nicht schnell genug den Unrat einiger Gäste weggefegt. Der weiße Chef schrie ihn an. Der Afroamerikaner verfiel sofort in eine demütige kopfgesenkte Haltung, eine Art Schockstarre. Er sagte nichts mehr, als erwarte er einen Schlag oder noch Schlimmeres. Der Chef hingegen schimpfte, schimpfte, schimpfte. Keiner der Besucher schien sich daran zu stören. Als der wütende Schichtleiter fertig war, verkrümelte sich der Angestellte ohne Kommentar. Der Bürgerbewegung, den Gleichstellungsbestrebungen zum Trotz zeigte die Szene für mich die lange Geschichte der Unterdrückung und Sklaverei in den Südstaaten an. „Strukturell verankerten Rassismus“ – das kannte ich bislang nur als kompliziertes Konstrukt aus dem Soziologie-Seminar. Hier war er sichtbar.

Das war bei einem US-Aufenthalt vor über 20 Jahren. Als ich vor Kurzem in den USA war, erschien mir das Grundklima verändert. In der Hauptstadt Washington sind es weiterhin – zumeist weibliche – Schwarze, die morgens als Bedienstete, Kellner und Putzkräfte aus gefährlichen Vierteln voller Gewalt in die City kommen. Ihre Aufgabe ist es immer noch, den vornehmlich weißen Auftraggebern die kleinen, aber anstrengenden Dinge des Alltags vom Hals zu halten. Doch ihr Blick ist stolzer, er ist nicht mehr gesenkt. Wenn sie sich im frisch gebügelten Bürooutfit aus den U-Bahnschächten in die Region um das Weiße Haus verteilen, blicken sie inzwischen auf ein großes, schönes Museum für Afroamerikanische Geschichte, das ihre Erfahrungen dokumentiert. Sie haben mit dem Vorgänger von Donald Trump, Barack Obama, der ehemaligen First Lady Michelle Obama und Moderatorin Oprah Winfrey gewaltige Fürsprecher, die ihre Sicht der Dinge teilen und in den abgelegensten Winkel der USA tragen. Sie fühlen sich als sichtbarer Teil der US-Geschichte und können auf eine bessere Zukunft hoffen.

Die Unruhen überraschen trotzdem nicht. Das Übel des Rassismus sitzt zu tief. Politische Veränderungen gehen nur langsam vor sich – zu langsam. Viele US-Bürger lehnen sie schlichtweg ab. Von echter Chancengleichheit gar nicht zu sprechen.

Und trotz aller Reformen, trotz eines wahren Heers von schwarzen Cops: Es gibt weiter eine völlig unterschiedliche Wahrnehmung der Rolle der Polizei. Jeder US-Urlauber kennt das: Wenn man von einem US-Polizeiauto angehalten wird, heißt es Zurückhaltung walten zu lassen. Bei Schwarzen ist die Sorge, in ernste Schwierigkeiten zu geraten, um ein Vielfaches gesteigert. Sie sehen die Polizei nicht als Freund und Helfer, sondern als Bedrohung.

Fakten geben ihnen recht. Zwischen 2013 und 2019 töteten US-Polizisten über 7000 Menschen. Afroamerikaner werden dabei zweieinhalb Mal häufiger umgebracht als Weiße. „Das System, das die Polizei schützt“ lautet der Titel eines Beitrags von Shaila Dewan in der „New York Times“ über die Polizei in Minneapolis, wo die aktuellen Unruhen ihren Ausgang nahmen. Ihr Fazit: „Es gibt eine Law-and-Order-Architektur der Polizei, die durch Reformen nicht beseitigt wurde.“ Polizisten wie Derek Chauvin, der dem Afroamerikaner George Floyd so brutal mit dem Knie die Kehle zudrückte, dass dieser starb, sind oft schon lange für ihr rüdes Verhalten bekannt. Konservative Polizeigewerkschaften, ein starker Korpsgeist und das Vorhandensein von Waffen auf beiden Seiten: All dies führt dazu, dass sich die Polizei nach wie vor äußerst aggressiv verhält. Doch problematische Cops werden einfach nicht genug diszipliniert.

Deeskalation ist das Zauberwort. Doch: „Es muss damit beginnen, dass die Polizei und der Staat sich ändern und sich zurücknehmen“, erklärt der US-Politikwissenschaftler Benjamin Cole auf Twitter. Man könne nicht erwarten, dass Demonstranten deeskalieren, wenn sie weiter brutal behandelt werden.

Es wäre die Stunde des Präsidenten. Er könnte mäßigend einwirken. Könnte. Doch Trump spricht die Sprache der Gewalt. Er sieht das Ganze als Machtprobe. Deeskalation würde ihm politisch nicht helfen. Eine Art Bürgerkrieg, in dem er sich als starker Mann aufführen kann, spricht dagegen seine Wählerschaft an. Empathie zu zeigen wäre wichtig – er sieht sie als Schwäche. Anders sein Gegenspieler Joe Biden. Und nach einem Massaker an neun Afroamerikanern zeigte Barack Obama 2015, wie es anders geht. „Amazing Grace“ sang er in der Kirche von Charleston – mit Tränen in den Augen. Ein Schlüsselmoment. „Zu lange sind wir blind gewesen gegenüber dem Chaos, das Waffengewalt dieser Nation zufügt“, beklagte er. Niemand solle einen Wandel der gesellschaftlichen Verhältnisse über Nacht erwarten. Obama hatte recht – leider. Nur fünf Jahre später bleibt seine Vision ein Traum.

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