Stärkung nationaler Produktion
Bundesregierung sieht Milliarden-Bedarf an Schutzmasken

Deutschland will bei der Beschaffung von Schutzausrüstung im Kampf gegen das Coronavirus unabhängiger werden. Dazu soll die Produktion in Deutschland hochgefahren werden. Der Bedarf ist riesig.

Donnerstag, 09.04.2020, 16:37 Uhr aktualisiert: 09.04.2020, 16:40 Uhr
Schutzmasken-Produktion in einem Betrieb in Niedersachsen.
Schutzmasken-Produktion in einem Betrieb in Niedersachsen. Foto: Friso Gentsch

Berlin (dpa) - Die Bundesregierung sieht angesichts der Corona-Krise Bedarf an Milliarden von Schutzmasken. Um unabhängiger von China zu werden, sollen der Aufbau und der Ausbau der Produktion medizinischer Schutzausrüstungen in Deutschland vorangetrieben werden.

Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sagte nach einer Sitzung des Corona-Kabinetts am Donnerstag in Berlin, für Deutschland bestehe über alle Varianten von einfachen Alltagsmasken bis zu Spezialmasken für medizinisches Personal ein Bedarf von mehreren Milliarden Stück innerhalb von Monaten. Der Bedarf werde dauerhaft ansteigen und für lange Zeit hoch bleiben. Masken und andere Schutzausstattung sind derzeit weltweit knapp, die Preise sind immens gestiegen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, der weltweite Bedarf habe sich vervielfacht. Dies würde noch auf längere Zeit so sein. 90 Prozent der Schutzausrüstung stamme aus Asien. «Und deshalb haben wir uns auf diesem Gebiet zu engagieren.» Es sei notwendig, eine größere strategische Unabhängigkeit zu erreichen, dies müsse auch im Verbund der Europäischen Union passieren.

Allein im Gesundheitswesen ist laut Minister Jens Spahn (CDU) in der aktuellen Corona-Lage von einem Jahresbedarf von bis zu 450 Millionen FFP-2-Spezialmasken auszugehen. Hinzu kämen eine Milliarde OP-Masken als Mund-Nasen-Schutz. Schutzausstattung ist derzeit weltweit knapp.

Der Bund ist daher in eine Beschaffung eingestiegen und will über Anreize eine inländische Masken-Produktion aufbauen. Im Wirtschaftsministerium wurde dazu ein Arbeitsstab eingerichtet. Altmaier sagte, ein Ziel sei erreicht, wenn es gelinge, den Prozentsatz der bisherigen Produktion in Asien sichtbar zu reduzieren. Der Hochlauf der Eigenproduktion werde nicht auf Knopfdruck geschehen, liege aber auch nicht in weiter Ferne.

Altmaier machte deutlich, eine ausreichende Zahl an Schutzausrüstung sei von entscheidender Bedeutung, wenn es darum gehe, das öffentliche Leben und die Wirtschaft wieder hochzufahren.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) erklärte, die Industrie helfe und werde weiter helfen. Dafür müsse die Politik den Unternehmen aber unter die Arme greifen. «Die Produktion von Schutzgütern sollte wirtschaftlich sein, andernfalls droht gerade Mittelständlern der finanzielle Ruin», sagte Iris Plöger, Mitglied der BDI-Hauptgeschäftsführung.

Die Industrie sehe mit Sorge, dass sich die Bundesregierung in den vergangenen Wochen weitreichende Eingriffsbefugnisse in Produktion, Preis und Handel von Corona-Schutzgütern verschafft habe. «Eine effiziente Krisenkoordination ist entscheidend dafür, dass Gesellschaft und Wirtschaft in Deutschland so wenig Schaden wie möglich nehmen. Sie darf aber keine planwirtschaftlichen Züge annehmen.»

Der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie teilte mit, rund 40 Prozent der Unternehmen hätten laut einer Umfrage in den vergangenen Wochen damit begonnen, Schutzausrüstungsprodukte oder einfache Alltagsmasken herzustellen oder planten den Aufbau einer entsprechenden Produktion. Die Firmen müssten aber international wettbewerbsfähig sein, beispielsweise wenn es um energieintensive Produktionsprozesse gehe. Deswegen seien geplante Förderinstrumente für die Herstellung von bestimmtem Vlies wichtig, genauso wie Abnahmegarantien.

Altmaier sprach von einer industriepolitischen Frage, dies gelte auch für die Produktion von Arzneimitteln. Er wolle zusammen mit Frankreich und der EU-Kommission prüfen, wie Anreize für Unternehmen gesetzt werden könnten. Er verwies auf seine Initiative zur Fertigung von Batteriezellen für Elektroautos in Europa und Deutschland - auch hier dominieren bisher Anbieter aus Asien den Markt.

Spahn berichtete, nach einer ersten kleineren Ausschreibung seien mehr als 100 Angebote eingegangen, die zuschlagsfähig erschienen. Dabei gehe es um erste Lieferungen bis Mitte August. Verträge sollten eine Laufzeit bis Ende 2021 haben, um Planungssicherheit zu bieten.

Die Bundesregierung erwartet in dieser Woche weiteren Nachschub an Schutzausstattung für das medizinische Personal, es sollen 40 Millionen Schutzmasken nach Deutschland kommen. Das sei so viel wie in den beiden vorangegangenen Wochen zusammen, bekräftigte Spahn am Donnerstag. Hintergrund ist auch eine Kooperation mit der Lufthansa in einer Art «Luftbrücke» für regelmäßige Transportflüge nach China.

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