Zunehmende Antibiotika-Resistenzen stellen Ärzte vor neue Probleme
Gefahren wie vor 100 Jahren

Düsseldorf -

Diese Nebenwirkung hatte lange niemand auf dem Zettel: Weil Antibiotika nicht selten unnötig verschrieben und oft nicht korrekt angewandt werden, entwickeln sich immer mehr resistente Bakterienstämme. Mit der fatalen Wirkung, dass die gerne als Allzweckmittel eingesetzten Präparate nicht mehr wirken.

Montag, 02.12.2019, 21:38 Uhr
Immer mehr resistente Bakterien stellen Ärzte vor große Probleme.
Immer mehr resistente Bakterien stellen Ärzte vor große Probleme.

Die Erfindung von Penizillin vor gut 100 Jahren sei die Antwort auf viele bis dahin kaum beherrschbare Infektionen gewesen, erinnerte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) am Montag an die Bedeutung des Wirkstoffes. „Aber dass Antibiotika immer öfter nicht mehr wirken, stellt die Ärzte vor dieselbe Frage wie vor fast 100 Jahren.“

Für die Behandlung von multiresistenten Keimen gebe es bisher keine Antwort, erklärte der Minister. Darum gehe es grundsätzlich darum, Antibiotika möglichst sparsam einzusetzen. Auf Initiative der AOK Nordwest starten deshalb Ministerium, Ärztekammern, Apothekerkammern und Krankenhausverbände eine Informationskampagne für einen verantwortungsbewussteren Umgang mit den Medikamenten. Nach Angaben des AOK-Vorstandsvorsitzenden Tom Ackermann werden inzwischen weniger Antibiotika in Deutschland verschrieben, in NRW allerdings durchschnittlich mehr als in anderen Bundesländern. Von 2010 bis 2018 sei die Zahl der Verordnungen bundesweit von 39 auf 32 Millionen zurückgegangen – bei 72 Millionen gesetzlich Versicherten. Das entspreche etwa 700 Millionen Tonnen, ergänzte Laumann. Diese Menge müsse weiter reduziert werden.

Problematisch ist die Entwicklung auch deshalb, weil in der Nutztierhaltung ebenfalls Antibiotika eingesetzt werden, die ebenfalls das Risiko von Resistenzen erhöhen. Von 2011 bis 2017 sei die aber in Deutschland schon um 57 Prozent gesunken – von 1706 auf 711 Tonnen jährlich.

Zum bewussteren Umgang mit Antibiotika hat die Apothekerkammer Westfalen-Lippe inzwischen einen Patienten-Pass eingeführt, berichtete deren Präsidentin Gabriele Overwiening. So könnten Ärzte schnell überblicken, wann zuletzt welches Präparat verordnet wurde. Mit der Informationskampagne wollen die Apotheken erreichen, dass Patienten sich strikter an die verordnete Einnahmeregel halten. Nur so könne der Wirkstoffpegel im Körper konstant gehalten und die Krankheit wirksam bekämpft werden. Patienten müssten auch drauf achten, alle Dosen einzunehmen, da sonst überlebende Bakterien eine Resistenz entwickeln könnten.

Inzwischen verordneten die Ärzte Antibiotika zurückhaltender, sagte Karlheinz Großgarten, Geschäftsführer der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein. Oft helfe ein Streptokokken-Schnelltest bei der Diagnose, über eine virale oder bakterielle Infektion gebe aber nur ein Blutbild Auskunft. An der Therapiefreiheit der Ärzte werde nicht gerüttelt, betonte Laumann. „Die medizinischen Fragen müssen ausschließlich bei den Ärzten liegen.“

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