Revolutionär auf dem Kaiserthron
Korse, Artillerist, General, Konsul, Kaiser: die vielen Gesichter des Napoleon Bonaparte

Münster/Paris/Waterloo -

Vor 200 Jahren starb Napoleon. Der Korse prägt bis heute die französische und europäische Geschichte. Und ist in Historiographie, Film und Fernsehen längst zur Legende geworden.

Dienstag, 04.05.2021, 19:22 Uhr aktualisiert: 05.05.2021, 18:26 Uhr
Napoleon-Denkmal am Invalidendom in Paris Foto: imago
Napoleon-Denkmal am Invalidendom in Paris Foto: imago Foto: imago stock&people

Napoleon lässt uns nicht los. Der Korse prägt bis heute französische und europäische Geschichte. Vor zwei Jahren wurde an seinen 250. Geburtstag erinnert. Vor sechs Jahren wurde in Waterloo, südlich von Brüssel, ein Historien-Spektakel 200 Jahre nach der letzten Schlacht des Korsen aufgezogen. Heute jährt sich der von Legenden umrankte Exil-Tod des Empereurs. Der Tod erlöste den an Magenkrebs leidenden Korsen, der als General und Kaiser große Teile Europas überrannt hatte, am 5. Mai 1821 auf der Exil-Insel St. Helena im Atlantischen Ozean. Selbst dort strickte er noch eifrig an seiner eigenen Legende als Befreier und Reformer, ja er stilisierte sich gar als verkannter Erlöser, der Europa vom Ancien Régime befreien wollte.

Der Abstieg beginnt 1812

Neun Jahre zuvor beginnt Napoleons Ende – mit schier endlosem Schrecken. Der Niedergang beginnt mit dem monströsen Feldzug 1812 gegen Russland. Eine halbe Million Soldaten führt Napoleon gegen den russischen Zaren Alexander I. ins Feld. Der Historiograph Adam Zamoyski hat in ­seinem Buch „1812“ beschrieben, wie die riesige Armee, in der auch Tausende ­Soldaten von Westfalen bis Bayern mit­marschierten, sich schon auf dem staubig-heißen Weg nach Moskau erschöpfte, auf dem grauenhaften Rückzug im einsetzenden Winter verhungerte und erfror und bis auf ein kleines Häuflein von wenigen Tausend Soldaten zusammenschrumpfte.

Im Oktober 1813 setzen die Alliierten in der Vielvölkerschlacht von Leipzig zum ersten Todesstoß gegen Napoleon an und überschreiten zur Jahreswende 1814 den Rhein, um Ende März Paris einzunehmen. Ihren Gnadenakt, den Kaiser der Franzosen auf die Insel Elba vor Italien zu verbannen, bereuen die Alliierten schnell. Der Korse kommt im Frühjahr 1815 mit wenigen Schiffen zurück aufs ­Festland, zieht im Triumph nach Paris, wird noch einmal ein „Herrscher der 100 Tage“ und schreckt die unter der Führung des österreichischen Staatsmanns Metternich in Wien tagenden Diplomaten zur Neuordnung Europas mächtig auf. Doch dann erlebt Napoleon sein Waterloo, und es sind die Preußen unter ihrem alten Feldmarschall Blücher, die in den Abendstunden des 18. Juni 1815 die Entscheidung zugunsten der Alliierten herbeiführen.

Artillerist, General, Konsul und Kaiser

1769 geboren, aus korsischer Familie stammend, steigt der ehrgeizige Bonaparte, der Mitte 20 als Soldat in eine erste Sinnkrise gerät, ab 1795 sukzessive in der Armee auf und erweist sich als militärisch und taktisch kalkulierendes Talent ersten Ranges. Die Feldzüge in Italien und in Ägypten machen ihn populär. Dies ermöglicht es ihm, durch den Staatsstreich des 18. Brumaire VIII (9. November 1799), zunächst als einer von drei Konsuln, die Macht in Frankreich zu übernehmen. Von 1799 bis 1804 zieht er als Erster Konsul der Französischen Republik die Fäden und steht anschließend bis 1814 sowie nochmals 1815 als Kaiser der Franzosen einem diktatorischen Regime vor, das mit plebiszitären Elementen durchsetzt ist.

Durch Reformen – etwa die der Justiz durch den Code civil oder die der Verwaltung – prägt Napoleon die Strukturen Frankreichs bis in die Gegenwart und schafft ein modernes Zivilrecht in den besetzten europäischen Staaten. Außenpolitisch erringt er, gestützt auf die Armee, zeitweise die Herrschaft über weite Teile Kontinentaleuropas.

„Königreich Westphalen“

Moderne Geschichtsschreiber wie Günter Müchler wenden sich gegen die früher gängige Interpretation, der Kaiser der Franzosen sei allein von seiner Maßlosigkeit getrieben worden. „Er war weder ein unermüdlicher Kriegstreiber noch ein unersättlicher Landräuber“, schreibt der Biograf in seinem Buch „Napoleon. Revolutionär auf dem Kaiserthron“. Müchler: „Sein Riesenreich ist das Produkt von Gelegenheiten, die er konsequent nutzt.“ In nur zwölf Jahren krempelt der Mann mit dem markanten Zweispitz Europa um. Rom und Amsterdam werden französische Städte ebenso wie Köln, Kassel, Münster und Hamburg. Mit dem Königreich „Westphalen“ (1807-1813) schafft Napoleon nicht nur eine Pufferzone zwischen Frankreich und Preußen, sondern etabliert auch eine Art Modellstaat mit der Hauptstadt Kassel unter seinem Bruder Jérôme als ­König.

Erneuerer und Diktator

Napoleon ist Erneuerer, Modernisierer, Oberbefehlshaber, Diktator und Usurpator. Sein ambivalentes Gesicht scheidet auch nach seinem Tode bis heute weiter die Geister. In Deutschland weckt er den Geist des Nationalismus, der sich in den Befreiungskriegen Bahn bricht, aber zu neuem Untertanengeist führt. Frankreich versöhnt sich schließlich mit ihm. Heute ist Napoleon eine Legendenfigur, in Filmen immer neu beleuchtet – und bewundert.

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