Existenzfragen
Teil-Lockdown - «Kultureller Kahlschlag ohne Beispiel»

Der neuerliche Teil-Lockdown trifft die Kultur hart. Entsprechend wütend sind die Reaktionen aus der Branche.

Donnerstag, 29.10.2020, 16:25 Uhr aktualisiert: 29.10.2020, 16:28 Uhr
Bund und Länder wollen wegen der Corona-Krise Veranstaltungen, die der Unterhaltung und der Freizeit dienen, im November deutschlandweit weitgehend untersagen.
Bund und Länder wollen wegen der Corona-Krise Veranstaltungen, die der Unterhaltung und der Freizeit dienen, im November deutschlandweit weitgehend untersagen. Foto: Jens Kalaene

Berlin (dpa) - Mit Protest und Unverständnis reagiert der Kultursektor auf die neuerlichen Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie.

Theater, Opern- und Konzerthäuser sowie Kinos müssen im November für einen Monat schließen. Darauf hatten sich Bund und Länder angesichts der bundesweit steigenden Corona-Fallzahlen am Mittwoch geeinigt. Branchenvertreter befürchten einen «kulturellen Kahlschlag».

Der Bundesverband Schauspiel (BFFS) kritisierte die geplante Schließung von Theatern als unsinnig. «Gerade kleinere und nicht öffentlich geförderte Häuser werden diesen erneuten und vollkommen unnötigen Schlag vor den Bug nicht überleben», heißt es in einem offenen Brief, den der Schauspielverband online veröffentlichte. «Ein kultureller Kahlschlag ohne Beispiel wird die Folge sein.»

Als «sehr bitter» bezeichnete der Intendant des Hamburger Thalia-Theaters, Joachim Lux, die bevorstehende Zwangspause. Die neue Chefin der Münchner Kammerspiele, Barbara Mundel, warf der Politik «komplette Willkür» vor. In einer Demokratie müssten die Regeln für den Umgang mit der Corona-Seuche verhandelt werden. «Lernen und verhandeln kann man aber nicht, wenn mit Verboten und Willkür durchregiert wird», sagte Mundel der «Süddeutschen Zeitung» (Donnerstag).

Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD) warb um Verständnis für die harten Einschnitte durch den Teil-Lockdown. «Die Infektionslage in Deutschland ist dramatisch. Deshalb müssen nun die Dinge getan werden, die notwendig sind, um das Infektionsgeschehen möglichst zu brechen», sagte Brosda am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. Es gehe dabei nicht darum, die Kulturorte an sich zu schließen, sondern vor allem darum, die Kontakthäufigkeit einzuschränken und dafür einen Monat lang innezuhalten.

Etwas Verständnis zeigte Hannovers Schauspiel-Intendantin Sonja Anders. Die Schließung der Theater und Konzerthäuser sei «bitter». Dennoch sei die Entscheidung der Politik zu erwarten gewesen, sagte sie in Hannover. «Mit der Schließung kommen wir einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung nach, auch wenn wir nicht oft genug betonen können, dass unsere Hygiene-Konzepte im Theater sehr gut funktionieren - und bisher in Deutschland keine Infektionsherde von einem Zuschauersaal ausgegangen sind.» Sie betonte: «Die Theater sind sichere Orte.»

Vom Robert Koch-Institut heißt es aktuell, dass derzeit viele der Fälle, für die der Ursprung der Ansteckung bekannt ist, auf private Treffen und Feiern sowie Gruppenveranstaltungen zurückgehen. Das Institut betont aber ausdrücklich, dass die Angaben zum Infektionsumfeld von Ausbrüchen mit Zurückhaltung zu interpretieren seien. Ein wichtiger Punkt dabei ist, dass sich nur für einen Bruchteil der Fälle nachvollziehen lässt, wo die Ansteckung wahrscheinlich stattfand.

Der Intendant der Württembergischen Staatstheater, Marc-Oliver Hendriks, kritisierte «Symbolpolitik». Nun fielen Theater «als Diskursorte mit einer wichtigen gesellschaftlichen Funktion aus», kritisierte Hendriks. Auch der Generalintendant des Mecklenburgischen Staatstheaters, Lars Tietje, übte harte Kritik. «Der Mensch ist ein soziales Wesen und braucht Gemeinschaft und Kultur», betonte er.

Für die Kinobranche sagte Christine Berg vom Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF Kino), nur wenn es jetzt sofort unbürokratische Finanzhilfen gebe, würden Kinos die «erneute Radikalkur» durchstehen. Wirtschaftlich sei das Ganze eine Katastrophe, sagte auch Christian Bräuer von der AG Kino. Dem Verband gehören Arthouse-Kinos an.

Constantin-Chef Martin Moszkowicz sagte der dpa in München: «Ich glaube, dass die Menschen die Kultur brauchen, um über so schwere Zeiten hinwegzukommen.» Man müsse immer im Hinterkopf behalten, «dass wir dabei sind, einen großen, wichtigen Teil unserer Kultur zu beschädigen oder zu verlieren», fügte der Produzent («Fack ju Göhte») hinzu.

© dpa-infocom, dpa:201029-99-132562/2

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