Salzburg Museum blättert 100-jährige Geschichte der Festspiele auf
Mutis Stab und Jedermanns Wams

Salzburg -

Es muss nicht immer „Jedermann“ sein. Aber ohne ihn wären die Salzburger Festspiele nicht das, was sie sind. Das Gedächtnis der Salzburger Festspiele, die in diesem August trotz Corona-Beschränkung tapfer ein ambitioniertes Programm vor gedritteltem Plenum präsentieren, findet sich in diesen Tagen im Salzburg-Museum. Vor allem aber in der angeschlossenen Max-Gandolph-Bibliothek der Neuen Residenz.

Dienstag, 04.08.2020, 19:08 Uhr aktualisiert: 04.08.2020, 19:27 Uhr
Ein schwer arbeitender Vogelfänger Papageno: „The Bird Catcher‘s Dilemma“ ist bei der Salzburger Ausstellung „Großes Welttheater – 100 Jahre Salzburger Festspiele“ zu sehen.
Ein schwer arbeitender Vogelfänger Papageno: „The Bird Catcher‘s Dilemma“ ist bei der Salzburger Ausstellung „Großes Welttheater – 100 Jahre Salzburger Festspiele“ zu sehen. Foto: Barbara Gindl/APA/dpa

 Dort blättern die Kuratoren Martin Hochleitner, und Margarethe Lasinger in 100 Jahresschritten die wechselvolle Geschichte der Salzburger Festspiele auf. Am Anfang steht da obligatorisch Max Reinhardts Original-Regiebuch des „Jedermann“, das die Festspiele heuer auch als Faksimile aufgelegt haben. Und am Ende für das Jahr 2020 eine Dirigier-Partitur Herbert von Karajans für seine Inszenierung von Modest Mussorgskis „Boris Godunow“, 1965, in die Mariss Jansons (1943-2019) noch für sein 2020 geplantes Dirigat Einsicht nahm. Im informativen Katalog zur Schau wurde ein Mund-Nasen-Schutz vor die Partitur montiert. Ein Bild, das in diesen seltsamen Pandemie-Zeiten Bände spricht.

Zwischen diesen Zeitklammern finden sich Kostüme, Briefe, Partituren, Fotos, Modelle. Ein feuerrotes Kostüm von Anna Netrebko für ihre Rolle als Violetta Valery in Verdis La Traviata 2005, eine Rezension der Süddeutschen Zeitung 1977 über das Festspieldebüt von Anne-Sophie Mutter, ein Bühnenbildmodell der Don-Giovanni-Stadt 1956 in der Felsenreitschule, schließlich ein Kostüm des Baron Ochs aus dem „Rosenkavalier“, 1929. Auch ein prächtiges Jedermann-Wams hängt da an der Wand, so als habe der Kostümbildner vor Jahrzehnten Anleihen bei der Mode des englischen Königs Heinrich VIII. genommen.

Der „Jedermann“ nimmt den in diesen Tag maskierten und daher auch mächtig schwitzenden Museumsgast in der Säulenhalle zu Beginn der Ausstellung gefangen. In einer filmischen Doku tauchen da die Granden aus Theater, Film und Fernsehen auf. Ernst Schröder aus Herne-Eickel, Maximilian Schell, der Oscar-Preisträger, und natürlich Burgschauspieler Klaus Maria Bran­dauer, den man überraschenderweise bei einer Audienz bei Papst Johannes Paul II. begleitet. Auch dieser war dem Bühnenschaffen seit Studentenzeiten leidenschaftlich verbunden.

So eingestimmt, nimmt man dann im ersten Obergeschoss die einzelnen Themenräume in Angriff. Ein Saal mit Modellen erhellt gigantische Bauprojekte. Gut, dass vieles davon scheiterte, so blieb nämlich die zauberhafte Stadt mit ihrem unvergleichlichen Flair die Bühne für das Festival und ist es heute noch. Ein Labyrinth-Raum symbolisiert die verschlungenen Wege, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts zur Gründung der Festspiele führten. Im Zentrum immer wieder Max Reinhardt, der Gründervater der Festspiele und Erneuerer der Bühnenkunst, der vor den Nazis und ihrem Antisemitismus in die USA flüchten musste. Ein Klangraum ist den Wiener Philharmonikern, verehrten Stammgästen in Salzburg, vorbehalten. Dort erklingt in diesem Jahr natürlich Beethoven, dessen Gehstock eingangs in einer Vitrine andächtiges Staunen evoziert.

Die Nazis und ihre Unkultur im „angeschlossenen“ Österreich blitzen unheilvoll auf dumpfen Propaganda-Plakaten auf. In einer ganz anderen Hinsicht wirkten die Festspiele übrigens stilbildend. Renommierte Bühnenakteure aus aller Welt entdeckten in den 1930er Jahren die Trachtenmode, und auch der Vorzeige-Norddeutsche Hans Albers posierte an der Salzach in Lederhose. Immer wieder Foto-Collagen mit bekannten Gesichtern: hier ein Gruß von Tenor Peter Schreier, dort ein mildes Lächeln von Buddenbrooks-Schauspieler Martin Benrath und Sopranistin Anneliese Rothenberger.

Künstlerische Interventionen und lehrreiche Stationen für die jüngeren Museumsgäste runden diese wunderbare Schau ab, die gottlob noch 14 Monate zu sehen ist. Und allein der Blick in diesen fantastischen Welt-Kultur-Kosmos der Festspiele, jetzt noch getrübt durch Maske und beschlagene Brille, wird den Salzburg-Besuch lohnen und die Hoffnung stärken, dass die Festspiele im Sommer 2021 wieder aus dem Vollen schöpfen können.

„Großes Welttheater“, Salzburg Museum. Zu sehen 14 Monate lang bis zum 31. Oktober 2021. Jetzt bis 30. September täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet, dann ab 1. Oktober Di bis So von 9 bis 17 Uhr. Katalog mit 480 Seiten und zahlreichen Bildern für 25 Euro.

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