Sommerfestival am Gewandhaus Leipzig
Ein Lichtblick in dunkler Corona-Zeit

Leipzig -

Mit einem kleinen Sommerfestival knüpfte das Gewandhaus Leipzig an die abgebrochene Corona-Saison an. Das Festival spannte einen Bogen vom Solo-Recital bis zum Kammerorchesterkonzert. Wobei Gewandhausmusiker ebenso mit von der Partie waren wie renommierte Gastsolisten und nicht minder namhafte auswärtige Ensembles. Eine Nachbetrachtung.

Sonntag, 12.07.2020, 17:50 Uhr
Blick auf das illuminierte Leipziger Gewandhaus
Blick auf das illuminierte Leipziger Gewandhaus Foto: Imago

Groß war die Enttäuschung unter Leipziger Musikern und Musikinteressenten, als im Frühjahr aus dem Gewandhaus die Hiobsbotschaft kam, dass die noch bis Saisonende anstehenden Konzerte wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden müssten. Wie ein Lichtblick wirkte da die Nachricht, im Kleinen Saal des Musentempels von Anfang Juni bis Mitte Juli ein Sommerfestival zu veranstalten. Ein Festival, dessen Programme an Themen der abgebrochenen Saison anknüpfen und einen Bogen spannen vom Solo-Recital bis zum Kammerorchesterkonzert. Wobei Gewandhausmusiker ebenso mit von der Partie sind wie renommierte Gastsolisten und nicht minder namhafte auswärtige Ensembles.

Zwei berühmte Kammervereinigungen des Gewandhauses bestritten da den Auftakt. Huldigte das Gewandhaus-Quartett mit Werken Beethovens und Mendelssohns dem großen Jubilar zu dessen 250. Geburtstag sowie dem legendären Gewandhauskapellmeister, so hatte das Gewandhaus-Bläserquintett – das als älteste kontinuierlich bestehende kammermusikalische Vereinigung dieser Art gilt – seinen Blick auf Werke von Komponistinnen aus fünf Nationen gerichtet. Da kamen neben Clara Schumanns 1853 entstandener Romanze a-Moll für Klavier, dargeboten von der Pianistin Charlotte Steppes, auch der Polin Grazyna Bacewicz (1909-1969) rhythmisch prägnantes Bläserquintett von 1932 zu Gehör wie auch der russisch-tatarischen Komponistin Sofia Gubaidulina Naturlauten abgelauschtes Stück „Klänge der Nacht“ für Flöte und Klavier von 1978.

Einen Höhepunkt des Veranstaltungsreigens markierte zweifellos das Gastspiel des renommierten Artemis-Quartetts. 1989 gegründet, hat das Ensemble in den letzten Jahren mehrere Umbesetzungen gemeistert, wobei seit Beginn der Spielzeit 2019/20 die in Münster geborene Suyoen Kim und Vineta Sareika auf den Positonen der 1. und 2. Violine alternieren. In ihrer Vortragsfolge hatten die Musiker Beethovens Streichquartett a-Moll op. 132 der Uraufführung des 9. Quartetts der Russin Lera Auerbach (geb. 1973) gegenübergestellt. Wobei im langsamen Satz von Beethovens Opus, dem Molto adagio (Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit in der lydischen Tonart) ein gleichsam weihevolles Choralthema einen erlesen-verhaltenen Klangfluss aufblühen lässt, der von den Instrumentalisten nuanciert ausgeleuchtet wurde. Von ruhigem, meditativem Gestus ist auch der Charakter von Auerbachs Quartett, das sich aus der Stille erhebt und letztlich wieder in der Stille versinkt. Gleichwohl ist sein Profil im Vergleich zu Beethovens Werk durch eindringlichere und düstere Untertöne geprägt. Wahrlich eine facettenreiche Tonschöpfung, an deren Auftrag neben dem Gewandhaus u.a. auch die Wiener Konzerthausgesellschaft beteiligt war.

Nachdrückliches Gewicht hatte auch der Konzertabend, der die Bekanntschaft mit Kompositionen des polnisch-jüdischen Tonsetzers Mieczyslaw Weinberg, dem Schöpfer der bedeutenden Oper „Die Passagierin“, vermittelte. Die Moldawische Rhapsodie von 1949 in ihrer Bearbeitung für Violine und Klavier op. 47/3 ist einer Schaffensphase zugehörig, in der Weinberg etliche Werke im volkstümlichen Stil schuf. Gewandhaus-Konzertmeister Sebastian Breuninger und die lettische Pianistin Lauma Skride loteten den virtuosen Gestus des Stückes differenziert aus. In den Jahren 1958/59 gelang Weinberg – nach einer unstrittig düsteren Lebensphase – mit seiner 2. Sonate für Violoncello und Klavier op. 63 eine gewiss gewichtige Tonschöpfung. Cellist Eckart Runge und Lauma Skride verliehen den torsohaften Motiven ein durchaus schlüssiges Profil. Dem düsteren Stimmungsgehalt von Weinbergs Cellosonate fraglos verwandt zeigte sich das abschließend gebotene 3. Klaviertrio von Johannes Brahms, das Skride, Breuninger und Runge überzeugend ausdeuteten.

Zu einem facettenreichen Streifzug durch die Klangwelt der klassischen Moderne luden die Leipziger Musiker Andreas Seidel (Violine), Andreas Lehnert (Klarinette) und Steffen Schleiermacher (Klavier) ein. Als Auftakt erklang da des Franzosen Darius Milhaud (1892-1974) tänzerisch inspirierte Suite für Violine, Klarinette und Klavier op. 157 b. Neben Stücken von Igor Strawinski und Charles Ives markierten Béla Bartóks Rumänische Volkstänze für Klavier und seine Kontraste für Violine, Klarinette und Klavier den Höhepunkt des Konzertes. Gleichsam ein „Aufeinandertreffen alter osteuropäischer Musiktradition und Einflüssen des Jazz aus der Neuen Welt“.

Doch damit nicht genug. Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons ließ es sich nicht nehmen, das Leipziger Sommerfestival mit den Bläsern bzw. den Streichern seines Orchesters am 11. und 12. Juli zu beenden. Widmeten sich die Musiker am 1. Abend Richard Strauss‘ Serenade op. 7 und Mozarts Gran Partita KV 361, so setzten Beethovens Große Fuge B-Dur op. 133 und Bartóks Divertimento für Streichorchester am folgenden Abend einen würdigen Schlusspunkt des Festivals.

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