POP
Fynn Kliemann: Vom «Heimwerkerking» zum ernsten Musiker?

Tausendsassa ist ein abgedroschenes Wort - aber für Fynn Kliemann passt es. Mit seinem neuen Album «POP» will der selbsternannte «Heimwerkerking» zeigen, dass er mehr ist als ein lustiger Handwerker auf Youtube.

Mittwoch, 03.06.2020, 11:38 Uhr aktualisiert: 03.06.2020, 11:42 Uhr
Fynn Kliemann: «Ich steh morgens auf und hab Bock, Sachen zu machen.».
Fynn Kliemann: «Ich steh morgens auf und hab Bock, Sachen zu machen.». Foto: Henning Kaiser

Berlin (dpa) - Einfach mal machen. Wenn man Fynn Kliemann auf ein Lebensmotto reduzieren möchte, dann wäre es wohl das. Der 32-Jährige ist: Youtuber, Webdesigner, Unternehmer, Maskenproduzent, selbst ernannter Heimwerkerkönig - und eben auch Musiker.

«Musik ist für mich die Auszeitphase neben all dem anderen Quatsch», erzählt der Gründer des Kreativentreffs «Kliemannsland».

Viele Ideen, Beats oder Melodien entstünden quasi nebenbei. «Das wäre zu schade, um es auf dem Computer verrotten zu lassen.» Mit «POP» ist jetzt sein zweites Albums erschienen - und das, obwohl er sich geschworen hatte, nie mehr ein Album zu veröffentlichen.

Im Jahr 2018 machte Kliemann - der bis dahin eher für lustige Heimwerkervideos bekannt war - erstmals als Musiker auf sich aufmerksam. Sein Debütalbum «Nie» konnte nur per Vorbestellung gekauft werden und wurde am Tag der Veröffentlichung vom Markt genommen. Am Schluss gingen nach eigenen Angaben rund 80.000 Exemplare über den Tisch - ohne Plattenfirma im Hintergrund. Kliemann erhielt im selben Jahr die «1Live Krone» als bester Newcomer.

Für «POP» verfolgt er ein ähnliches Konzept - nur «viel viel heftiger», wie er zugibt. Den Vertrieb der Platte übernimmt er dieses mal gleich noch mit. «Wir haben eine Lagerhalle gebaut, um Lkw reinfahren zu lassen. Wir haben Versandstraßen gebaut und ein eigenes Shopsystem aufgesetzt», erzählt er. «So ist das eben in meinem Leben, dass ich mir immer noch eine Schippe drauflege.»

Wenn Kliemann redet, dann sprüht er vor Superlativen. Er ist ein Enthusiast, Macher, König der Schnapsideen. Wer kommt schon darauf, einen Bauernhof in einem niedersächsischen Dorf zu kaufen, darauf seinen eigenen «Freistaat» zu errichten und die Youtube-Beiträge daraus dann auch noch beim öffentlich-rechtlichen Medienformat «funk» unterzubringen? Eben. Die Frage ist nur: Wie klingt eigentlich diese Nebensache Musik?

Wer böse sein will, kann sagen: In «POP» steckt drin, was drauf steht. Kliemann singt mit markanter Reibeisenstimme Mutmachersongs, Kalenderspruchlyrik und Liebeslieder über R&B-Beats oder melancholisches Piano. So weit, so Mark Forster. «Immer wenn ich irgendwas ernst meine, dann wird es halt Pop», sagt er selbst zum Titel seines Albums.

Nur: Kliemann nimmt man das alles irgendwie ab. Die Songs sind aufwendig und mit Liebe zum Detail produziert, die Geschichten dahinter wirken authentisch. Mit der Initiative «Skate Aid» sei er einmal in Syrien unterwegs gewesen, auf ein Hochhausdach geklettert und nicht mehr runter gekommen, erzählt er. Die Stunden auf dem Dach habe er genutzt, um den Song «Frieden mit der Stadt» zu schreiben.

Es sind Storys wie diese, die das Gesamtprodukt Fynn Kliemann ziemlich gut auf den Punkt bringen. Immer irgendwie außergewöhnlich, jede Minute mit Inhalt gefüllt und irgendwo schlummert immer eine soziale Komponente. Klar, dass aus den Albumeinnahmen auch Geld in die Förderung junger Bands geht.

«Mir ist halt voll schnell langweilig. Ich steh morgens auf und hab Bock, Sachen zu machen», sagt er. So kam es beispielsweise, dass er mit seinem Modelabel in der Corona-Pandemie mal eben zum Maskenproduzent geworden ist - nach eigenen Angaben kamen bis zu 250.000 Stück pro Woche aus seiner Produktion. Kennt so jemand eigentlich das Gefühl des Scheiterns? «Ich scheitere täglich. Aber ich hör halt nicht auf, bevor es nicht fertig ist und funktioniert hat.»

Auf Tour gehen würde Kliemann übrigens auch ohne Corona-Krise nicht. «Ich hab irgendwie Schiss, keine Zeit und keinen Bock.» Er könne sich nicht vorstellen, monatelang mit dem Tourbus durchs Land zu fahren und für Geld seine Kunst darzubieten. «Das fühlt sich für mich so an wie so ein Jecke auf 'nem Schloss, der mit seiner Flöte den König unterhalten muss, um nicht geköpft zu werden.»

© dpa-infocom, dpa:200526-99-187792/3

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