TV-Tipp
60 Jahre Pille - Wo bleibt die Pille für den Mann?

Die Pille für den Mann ist nicht nur eine pharmakologische Frage, sondern auch eine soziologische. Das macht eine Arte-Dokumentation zur Markteinführung der Antibabypille vor 60 Jahren deutlich. Und sie zeigt: Eigentlich gibt es schon genügend Möglichkeiten für den Mann.

Dienstag, 26.05.2020, 00:01 Uhr aktualisiert: 26.05.2020, 05:03 Uhr
Eine Antibabypille in einer Szene der Arte-Doku «Wo bleibt die Pille für den Mann?».
Eine Antibabypille in einer Szene der Arte-Doku «Wo bleibt die Pille für den Mann?». Foto: Langbein & Partner

Straßburg (dpa) - Der Penis und der leere Hodensack hängen aus einem Loch im Slip, die Hoden selbst werden über einen Ring in den Körper gedrückt. Drei Monate lang, 15 Stunden am Tag soll man(n) diese selbstgeschneiderten Unterhosen tragen, dann habe die Körpertemperatur die Spermien zerstört. Eine Art Selbsthilfegruppe aus mehreren Franzosen hat die Wäsche zur Verhütung designt.

Sie ist nur ein Ansatz, Männern eine Alternative zum Kondom zu bieten und ihnen somit Verantwortung beim Kinderkriegen zu überlassen: Ein Testosteron-Gel, aufgetragen auf die Schultern, könnte eine andere sein. Forscher arbeiten an einem Präparat mit Vitaminbeigabe. Oder an einem Kunststoffgel, per Spritze in den Samenleiter injiziert, das unter anderem die Spermienköpfe durch elektrische Ladungen zerstört.

Der deutsch-französische Fernsehsender Arte verknüpft am Dienstagabend (20.15 Uhr) das 60-jährige Marktbestehen der Antibabypille mit der Frage der Gleichberechtigung: «60 Jahre Pille - Wo bleibt die Pille für den Mann?» Und es wird deutlich, dass das bei weitem nicht nur eine Frage von Biologie, Medizin oder Pharmazie ist, sondern auch der Soziologie, der Gesellschaft. «Wenn männliche Verhütung selbstverständlich und marktfähig würde, dann würde sich einiges verändern», resümiert die Sprecherin. «Männer müssten zum Männerarzt gehen, Rollenbilder stünden infrage.» Geht es um ein Gefühl von Stärke, gekränkte Männlichkeit, Eitelkeit, Stolz?

Kirsten Esch blickt für ihre Dokumentation in den August 1960, als in den USA die erste Pille für die Frau auf den Markt kommt. Ein Jahr später ist es in Deutschland so weit. Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus der damaligen Zeit zeigen die heute aberwitzig klingenden Erwartungen in der Bevölkerung: von zügellosen Frauen und davon völlig überforderten Männern. Die Kirche: erzürnt. Die Frauen aber selbstbestimmter. Und bereit, eine Revolution zu wagen, deren (gesellschaftliche) Sprengkraft die manch eine mit der Atombombe vergleicht.

Der Film beleuchtet in anderthalb Stunden mit Hilfe von Experten wie Medizinern, Historikern und Autoren die gesellschaftliche Entwicklung. Doch auch Frauen verschiedener Generationen ohne spezielle Fachkenntnis berichten von ihren Erfahrungen mit der Pille. Unterschiede in BRD und DDR werden ebenfalls thematisiert. Und es geht um Fragen der Emanzipation und Gleichberechtigung.

«Die reine Biologisierung der Reproduktion hat zu einem Ungleichgewicht geführt», sagt die Stimme aus dem Off. «So erscheint es selbstverständlich, dass nur die Frauen für die Verhütung zuständig sind.» 40 bis 60 Millionen Pillennutzerinnen weltweit gibt es demnach heutzutage. Doch es eine «Pillenmüdigkeit» nehme zu. Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske führt das auf die zunehmend thematisierten unerwünschten Nebenwirkungen der Pille zurück.

Die sind es auch, wegen denen eine den Angaben nach vielversprechende Studie zu einem Hormonpräparat für Männer eingestampft wurde. Schon in den 50er Jahren sei eine Pille für den Mann in Gefängnissen getestet worden, die sich aber nicht mit Alkohol vertrug. Vor einigen Jahren dann wurde eine hormonelle Verhütung an mehreren Zentren auf der Welt getestet, gefördert von der Weltgesundheitsorganisation. Doch einige Probanden klagten über Gewichtszunahme und Libidoverlust. Die Studie wurde abgebrochen, der Forschung fehlt es seither an Geld. Die Doku betont: Es geht um Folgen der Verhütung, die Frauen seit 60 Jahren oft stillschweigend und inzwischen wie selbstverständlich in Kauf nehmen.

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