Erstmals nach dem Krieg müssen die Bayreuther Festspiele ausfallen
Kein „Ring“ und keine Bratwurst

Münster / Bayreuth -

Politik und Prominenz auf dem „Grünen Hügel“, Wagner-Dramen im Festspielhaus: Das findet in diesem Jahr nicht statt. Schuld ist das Coronavirus.

Mittwoch, 01.04.2020, 17:16 Uhr
Die künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin der Bayreuther Festspiele, Katharina Wagner, im Festspielhaus.
Die künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin der Bayreuther Festspiele, Katharina Wagner, im Festspielhaus. Foto: Nicolas Armer

Ausgerechnet in diesem Jahr! Den Stoßseufzer mancher Wagner-Enthusiasten, die gestern vom Ausfall der diesjährigen Bayreuther Festspiele gehört haben, mögen all die anderen Corona-geschädigten Theater für übertrieben halten. Doch die Besonderheit Bayreuths ist ja nicht nur, dass bei einem Festspielbetrieb gewissermaßen eine komplette Spielzeit mit all ihren Vorbereitungen, Verträgen und Verbindlichkeiten ins Wasser fällt – was ebenfalls für die Ruhrfestspiele im nahen Recklinghausen gilt. Sondern auch, dass im Jahr 2020 ein neuer „Ring des Nibelungen“ anstand, also ein Kraftakt, den „normale“ Opernhäuser kaum schultern können: Sie verteilen die vier Werke dieses Zyklus normalerweise auf einen längeren Zeitraum. Für den „Ring“ hatte Richard Wagner seine Festspiele 1876 ja eigentlich gegründet, hier wäre die Tetralogie vom 27. Juli an (nach zwei anderen Stücken) innerhalb von sechs Tagen neu herausgekommen.

Die Deutsche Presseagentur fasste die Entwicklung der letzten Wochen so zusammen: „Zum ersten Mal seit ihrem Neustart nach dem Zweiten Weltkrieg fallen die Festspiele aus. Ein 25. Juli ohne Fanfaren und glamouröse Roben auf dem Grünen Hügel. Noch Mitte März wollte niemand so richtig daran glauben. Als Lokale schlossen, Theater ihren Betrieb einstellten und Festspiel-Chefin Katharina Wagner ihre ,Lohengrin‘-Premiere in Barcelona absagen musste. ,Wir sind voller Optimismus, dass sich die Situation bessert‘, teilte das Pressebüro der Festspiele damals mit. Mit mehr Desinfektionsmittel und einer ständigen Reinigung des Festspielhauses erklärte man dem Virus den Kampf. Eine Absage wäre ein ,Supergau‘. Genau der ist nun eingetreten.“

Immerhin hat Festspielleiterin Katharina Wagner, die Urenkelin des Komponisten, schon Pläne für die nächsten Spielzeiten parat. Den „Ring“ des jungen Teams Valentin Schwarz (Regie) und Pietari Inkinen (musikalische Leitung) verlegt sie aufs Jahr 2022, um die geplanten Neuproduktion des „Fliegenden Holländer“ im Jahr 2021 nicht zu beeinträchtigten – bei der erstmals eine Frau am Dirigentenpult des Festspielorchesters wirken soll. Der Vorteil eines Festspielbetriebs: Man kann zumindest davon ausgehen, dass kein Coronavirus die nächste Spielzeit verhindern dürfte. Solch relative Planungssicherheit können sich etwa städtische Opernhäuser, die im Herbst mit der neuen Saison durchstarten möchten, nur wünschen. Die Festspiele, getragen von einer Stiftung, zu der auch der Bund und das Land Bayern gehören, werden den „Supergau“ zudem eher verkraften als viele kleine Theater, denen schon nach zweieinhalb Wochen Corona-Schließung das Wasser bis zum Hals steht – ist das Spektakel Bayreuth mit Promis und Politikern zwischen Parkett und Bratwurststand doch ein kulturelles Aushängeschild Deutschlands. Das beschauliche Frankenstädtchen indes, das außerhalb der Festspielsaison fleißig die Werbetrommel rühren muss, um seine Existenz jenseits von Wagner ins Bewusstsein zu rufen, dürfte jetzt auch einige Not haben: Hoteliers und Gastronomen haben ja, im Gegensatz zu ihren Salzburger Kollegen und deren fast ganzjährigem Festspielreigen, nur die fünf Sommerwochen, um ein überdurchschnittliches Geschäft zu machen. Ob Festspielgäste ihre gebuchten Hotelzimmer in diesem Jahr auch ohne Wagner-Aussichten beziehen werden?

Übrigens: Die Stücke, die im nächsten Bayreuth-Jahr neben dem neuen „Holländer“ zu sehen sein werden, nämlich „Tannhäuser“, „Lohengrin“ und „Meistersinger“, sind in den aktuellen Bayreuth-Inszenierungen auch auf DVD / Blu-ray erhältlich, zumindest in den Versionen des jeweiligen Premierenjahrs. Kein Ersatz, aber immerhin eine Corona-freie Notlösung.

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